Interview

Begrüßungsküsschen mit neuer Bedeutung

Es geht zwar nicht um die Corona-Krise, aber aufregen wird man sich wohl dürfen. René Heinersdorff (Mi.) mit Jochen Busse (li.) und Hugo Egon Balder in „Komplexe Väter“.

Es geht zwar nicht um die Corona-Krise, aber aufregen wird man sich wohl dürfen. René Heinersdorff (Mi.) mit Jochen Busse (li.) und Hugo Egon Balder in „Komplexe Väter“.

Foto: Privat / IKZ

Düsseldorf/Iserlohn.  René Heinersdorff möchte immer, dass das Theater-Publikum sich blendend unterhält. Aber wer fragt nach seinen Existenz-Ängsten?

Autor, Bühnen- und Fernseh-Schauspieler, Regisseur, Theaterdirektor. Bei den Berufsbezeichnungen des René Heinersdorff kann man wohl so ziemlich jeden Arbeitsbereich aufrufen, den das Theater zu bieten hat. Und da ist noch etwas, was man unbedingt erwähnen muss, wenn man sich zu einem Interview mit dem Mann entschließt. René ist von Haus aus ein optimistischer Mensch, eine Frohnatur, kein Schwarzmaler. Ein Möglich-Macher eben. Und doch kann man sich gut vorstellen, dass es in diesen Tagen in seinem Gemüt zwar hoch hergeht, aber eben auch nicht allzu unterhaltsam. Also dann mal allen Mut zusammengenommen und den Mann, der im Iserlohner Parktheater u. a. zusammen mit Jochen Busse und Hugo Egon Balder für Traum-Komödien-Abende gesorgt hat, einfach einmal angerufen.

Lieber René Heinersdorff, darf man einen Schauspieler, Regisseur und Theaterbesitzer in diesen Tagen überhaupt nach seinem Gemütszustand befragen?

Die Frage ist genau richtig, wird doch häufig nur nach der finanziellen Notlage gefragt, in die nun vor allem die privaten Theater und Tourneeunternehmer strudeln. Was haben Theaterdirektoren und Intendanten in der Vergangenheit alles unternommen und investiert, um auch nur eine Vorstellung zu retten. Und nun sagt der Staat, ohne dass wir wissen, ob das überhaupt einen langfristigen Sinn macht: Ihr spielt jetzt gar nicht mehr und systemrelevant – ein grauenhaftes Wort – seid ihr auch nicht. Das schlägt sehr aufs Gemüt.

Darf man allerdings getrost auch von echten „Existenzängsten“ sprechen?

Das sind keine Ängste, die Existenz ist akut gefährdet. Vielleicht ist ja auch eine privat organisierte Kultur staatlicherseits gar nicht mehr gewollt . . .

Wie viele aktuelle Produktionen in der ablaufenden Spielzeit und in der kommenden sind zum Beispiel in Deinem Fall schon jetzt betroffen?

Bei mir alleine sieben.

Erlebt Ihr Künstler im Moment eher ein Welle der Solidarität oder doch eher dieses „Wenn Ihr in der Schule besser aufgepasst hättet, hättet Ihr jetzt einen richtigen Beruf!?“

Das nicht, viele gute Schauspieler (auch Schauspielerinnen) waren gute Schüler, die schlechten werden Theaterdirektoren.

Digital-Performance, Streaming, Home-Konzerte – die Erlebnis-Welt verlagert sich in diesen Zeiten verstärkt ins Internet. Nun gibt es aber wohl kein Genre, das von Darsteller-Publikum-Kontakt so abhängig ist wie das Theater. Ist Corona der schleichende Theater-Tod?

Der Tod kam ja abrupt. Sogar die Proben sind idiotischerweise untersagt, als gäbe es kein hygienisches Bewusstsein unter Theaterschaffenden. Die verzweifelten Versuche über digitale Medien die theater-unerlässliche Analogie, die natürlich auch Viren übertragen kann, zu umgehen, ersetzt in keiner Weise die feierliche, heilige Atmosphäre des Theaters.

In Deutschland unterscheidet man ja in Fachkreisen gern zwischen „E“ und „U“. Ist damit zu rechnen, dass es bei den vielleicht doch kommenden wirtschaftlichen Überlebens-Hilfen da auch Unterschied geben wird?

Den gibt es ja schon. Den öffentlich finanzierten Häusern droht kein Verlust, im Gegenteil, bei den nun möglichen Einsparungen und Kurzarbeitergeld kann so manches Haus, denen zum großen Teil nur eine Einnahmeneinbuße von 1,6 Prozent des Etats pro Monat droht, sogar besser dastehen. Frau Grütters hat gesagt, dass ihr das Schicksal der Privattheater sehr am Herzen liegt. Da liegt es jetzt aber schon seit sechs Wochen. Es gibt hoffnungsvolle Gespräche mit den Kulturbehörden, aber noch keine Ergebnisse. Und die Zeit drängt.

Mal abgesehen von einigen Sternen – am Beschäftigungshimmel ist es nichts Neues, dass Schauspieler durch die Bank nicht auf Rosen gebettet sind. Wird Corona dazu führen, dass noch längere Bänke auf den Arbeitsamt-Fluren aufgestellt werden müssen, auf denen dann auch überraschende Prominenz Platz nehmen wird?

Das kann ich mir vorstellen. Es geht ja nicht um Einnahme-Einbußen, sondern um den kompletten Wegfall. Viele von uns leben mit der schwarzen Null.

Experten – vielleicht auch aus Zweckoptimismus – gehen davon aus, dass die Theater-Entzugserscheinungen der Menschen am Ende so groß werden, dass auf die Krise echte Boom-Jahre folgen könnten. Hat die Branche den finanziellen Atem darauf zu warten?

Wir versuchen uns so zu konditionieren, dass wir am nicht vorhersehbaren Ende starten können. Viele haben den Atem nicht. Viel befürchteter ist die Frage, ob die Zuschauer nach der wochenlangen Panikmache überhaupt wieder Vertrauen finden zu kommen, obwohl es weltweit bisher mir keinen bekannten Fall einer Infektion eines Zuschauers in einem Theater gab.

Peter Zadek wird das Zitat zugeschrieben: Wenn es den Menschen schlecht geht, wollen sie lachen. Nun steht gerade Deine bisher überaus erfolgreiche Arbeit als Schauspieler, Autor und Regisseur ja für das Lachen und den Frohsinn mit Hintersinn auf der Bühne. Sind Komödien am Ende nicht sogar systemrelevant?

Das ist eine philosophische Frage unabhängig von Corona. Natürlich sind sie das. Das kann man aber schon bei Aristoteles nachlesen.

Kann es sein, dass die Menschen durch so eine Krise für ganz neuen Themen sensibilisiert werden, dass sie auch ein Gespür für feine Töne bekommen? Zum Beispiel beim Thema menschliche Nähe?

Das ist die thematische Chance. Natürlich wird die Wahrnehmung des Virus und unser weltweiter Umgang damit, nachhaltig auch Themen setzen und selbstverständliche Sehgewohnheiten hinterfragen. Darin allerdings sehe ich als Autor natürlich ein Chance. Ein Küsschen zur Begrüßung zum Beispiel findet eine ganz andere Bedeutung, als vor der Krise.

Ich habe gerade diesen Satz von einem Theatermann gelesen: „Das gesamtgesellschaftliche Dauer-Cocooning birgt die Gefahr einer Überhitzung!“ Glaubst Du das auch?

Davon bin ich überzeugt.

Du bist ja Komödien-Experte. Hältst Du es für möglich, das sich demnächst – quasi als Ventil für den Druck und die Last – sogar auch eine Komödie mit Fragen des Isoliertheit, der gefühlten Einengung, aber auch der teilweise irrationalen Entscheidungen und Reaktionen befassen könnte? Oder können das am Ende nur Dramen?

Miller hat das mit Hexenjagd ja schon mal gemacht, nicht unbedingt eine Komödie, aber nah dran. Oder Lorca in Bernarda Albas Haus. Und Komödien über das Eingeschlossen sein gibt es auch. Eine gute große Komödie, über gut begründbare, aber hysterische Fehlentscheidungen wäre sehr reizvoll zu schreiben.

Alle wichtigen Politiker sagen im Moment: Die Welt wird nach Corona nicht mehr so sein wie vor Corona. Deine Prognose – wie wird die Theaterwelt nach Corona aussehen?

Es hat etliche Krisen gegeben und am Ende war das Theater in seiner Erlebniswelt das Theater, wie es immer war. Sehgewohnheiten, Ästhetik, Machart und Themen können sich ändern. Aber hingehen, neben Menschen sitzen, die das Gleiche erleben wollen, und anderen Menschen zusehen, die spielen wollen, wird so bleiben, wie es ist.

Wie motiviert sich ein Meister der gepflegten Unterhaltung jeden Morgen, nicht einfach im Bett zu bleiben und zu warten, bis der Spuk vorbei ist?

Ich erledige als Vorsitzender der Privattheatergruppe im Deutschen Bühnenverein viel Verbandsarbeit, bin ziemlich erstaunt, wie schön es auch mal ist, länger als eine Woche zu Hause zu sein, kein Schrank, den ich nicht aus- oder umgeräumt habe und ich überlege ernsthaft, zu Hause einzuziehen. Außerdem komme ich langsam in die Stimmung zu schreiben.

Ganz ehrlich, Robbi, gelingt es Dir immer oder wenigstens manchmal, Deine Sorgen auch einfach mal wegzulächeln?

Natürlich. Wenn ich sehe, wie lieb meine Kinder die Krise meistern, und in der Hoffnung, im Herbst mit Hugo und Jochen wieder durch das Sauerland zu tingeln.

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