Kultur

Beide Daumen hoch für das Jugendorchester

Mobbing mit dem Smartphone: Stravinskys „Sacre“ wurde am Sonntag sehr modern ausgelegt im Festkonzert des Märkischen Jugendsinfonieorchesters im Parktheaters.

Mobbing mit dem Smartphone: Stravinskys „Sacre“ wurde am Sonntag sehr modern ausgelegt im Festkonzert des Märkischen Jugendsinfonieorchesters im Parktheaters.

Foto: Wolfgang Meutsch

Iserlohn.  Das MJO feiert sein 30-jähriges Bestehen mit einem Festkonzert und zeigt dabei eine enorme Vielseitigkeit.

Das Publikum war schon ein wenig irritiert. Auf der Bühne mühen sich Musiker durch die nicht ganz leichte Rhythmik, und aus dem Publikum kommt Zischen und Miauen. Was soll das denn? Erst als schließlich einige „Gäste“ erheben und handgreiflich aufeinander losgingen, war klar: Das ist kein echter Unmut, sondern eine Inszenierung. Die aber eine echte Massenschlägerei aus dem Jahr 1913 nachspielte. Damals nämlich hatte die Uraufführung von Stravinskys Ballett „Le sacre du printemps“ in Paris für den vermutlich größten Skandal der Musikgeschichte gesorgt. Rivalisierende Gruppen im Publikum sind da tatsächlich mit Fäusten aufeinander losgegangen.

Zu seinem 30-jährigen Bestehen hat das Märkische Jugend-Sinfonieorchester dieses umwälzende und bis heute viele gespielte Werk auf das Programm gesetzt, das es mit „Skandalös brillant“ betitelt hatte. Und Felix Kriewald, der im MJO Geige spielt und am Sonntag beim Jubiläumskonzert moderierte, erklärte, dass es auch im und um das MJO herum quasi rivalisierende Gruppen gibt, die diesem mit jungen Hobby-Musikern besetzten Nachwuchsorchester – einige sind erst 15 Jahren alt – dieses brillante und skandalöse, vor allem aber extrem komplexe und komplizierte Werk nie und nimmer zugetraut hätten.

Die Mutigen und Zuversichtlichen angeführt von Chefdirigent Thomas Grote hatten sich aber durchgesetzt. „Wir sind glücklich, uns zum 30-jährigen Bestehen mit diesem Werk selbst zu beschenken“, sagte Kriewald und schob nach, dass die allermeisten MJOler nie wieder die Gelegenheit bekommen werden, so ein besonderes Werk jemals wieder zu spielen.

Der erste Versuch war also auch der letzte, und er saß perfekt. Stravinskys legendäres Werk entfaltete seine ganze aufwühlende Kraft und bekam tosenden Applaus. Der galt den jungen Musikschülern, die dieses wahnsinnig schwierige Werk bravourös meisterten, ebenso wie den Tänzerinnen der Ballettschule „Siebentanz“ aus Solingen. Die Choreografin Michaela Niederhagen hatte Stravinskys Opferfest in die unsere Zeit übersetzt, und die digitale Mobbing-Kultur in den sozialen Medien in den Mittelpunkt gerückt – ein Smartphone-Ballett, an dessen Ende es hieß „Daumen runter“ für das Mobbing-Opfer.

Große Bandbreitezwischen Mahler und Miller

„Beide Daumen hoch“ hieß es dagegen auch für den zweiten Teil des Festkonzertes, bei dem Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper die Moderation übernahm und das MJO nach dem schwergewichtigen Stravinsky seine ganze Bandbreite demonstrierte und mit Johann Strauss Ouvertüre zu „Eine Nacht in Venedig“ leicht und spritzig, dann aber auch mit Mahlers berühmten Adagietto sehr verträumt und zwischendurch bei einigen Jazz-Standards ungewohnt swingend aufspielte. Denn Saxofone, Schlagzeug, E-Bass und Klavier für den Bigband-Sound gehören üblicherweise nicht zur klassischen Orchesterbesetzung, kamen bei Glen Millers „In the Mood“ aber bestens zur Geltung. Ebenso wie die Sängerin Johanna Risse, die bei den Jazz-Songs zum Mikrofon griff. Auch stießen in diesem Konzertteil einige ehemalige Mitglieder aus den vergangenen Jahrzehnten hinzu, um noch einmal Teil dieses starken Orchesters zu sein. Rund 1000 Musikschüler aus dem ganzen Märkischen Kreis haben im Laufe der letzten 30 Jahre das MJO durchlaufen, rund 100 Dozenten waren für die Registerproben engagiert. Und wie sehr die gemeinsamen musikalischen Erlebnisse verbinden, zeigen die vielen O-Töne von MJOlern, die im Programmheft abgedruckt waren. „MJO ist für mich Familie“, schreibt das die junge Geigerin Sophia Oertler. Und die Bratschistin Anna Schulte Huermann sagt: „MJO bedeutet für mich Freundschaft.“ Nicht zu vergessen Dirigent Thomas Grote, der im MJO seine große Liebe und heutige Ehefrau kennen gelernt hat.

Das MJO ist also weit mehr als nur Musik, und für den Märkischen Kreis vor allem auch ein wertvolles Aushängeschild. „Das MJO ist unser bester Botschafter“, sagte Landrat Thomas Gemke schon vor dem Konzert in seinem Grußwort. Und was danach an Vielseitigkeit, jugendlichem Schwung, Lebendigkeit und musikalischer Klasse zu hören war, hat das auf jeden Fall noch einmal deutlich untermauert.

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