Interview

Bernd Stelter: „Wir haben unsere Lebensfreude verloren“

Zeitungs- und Theaterfest 2018

Zeitungs- und Theaterfest 2018

Foto: Michael May / IKZ Michael May

Iserlohn.  Was Bernd Stelter in diesen Tagen über Corona-Beschränkung, Künstler-Nöte und Karnevals-Pläne sagt. Und auch über die Nicht-Promis.

Bernd Stelter kenne ich schon viele Jahre. Und für mich ist er eigentlich immer das Sinnbild für fleischgewordene Lebensfreude und aus den Augen leuchtendem Optimismus. Wobei ich weiß, dass er auch „ernst“ und „nachdenklich“ kann. Ein echter Clown eben. Und ein Freund des Karnevals. Aus innerer Überzeugung und weil ihm jedes „Alaaf“ und „Helau“ vermutlich reichlich „Traffic“ auf dem Girokonto beschert. Und Karneval steht jetzt auf der Corona-Kippe. Grund genug also, mal zum Hörer vom Stelter-Sorgentelefon zu greifen.

Hallo Bernd, Du warst gestern Abend im Traditionstheater „Senftöpfchen“. Waren in der Tat nur die rund 35 erwarteten Zuhörerinnen und Zuhörer da?

76 waren da. Das ist wohl auch so ziemlich das Maximum, was rein darf. Es war ein sehr intimer Abend, kann man sagen.

Mit welch einem Gefühl geht man überhaupt in so einen Abend?

Mit der Freude, dass man überhaupt wieder auftreten darf. Das ist das erste Gefühl. Das zweite Gefühl ist, Du kommst raus und siehst, die ersten beiden Reihen müssen leer bleiben, damit auch mein Abstand zum Publikum weit genug ist. Das sind Momente, wo du als Bühnenmensch denkst: Ach, du Scheiße! Aber ich habe in diesem Sommer auch schon vor Autos gespielt, habe schon so einiges erlebt.

Nun bist Du wahrscheinlich in der glücklichen Lage, durch den Erfolg auch ein paar Euros auf der hohen Kante zu haben. Viele Deiner Kolleginnen und Kollegen sehen aber nicht mal mehr die Kante – was hört man aus der Branche?

Der Branche geht es ganz, ganz schlecht. Das bezieht sich ja nicht auf die reinen Bühnenmenschen so wie mich. Ich bin inzwischen dreißig Jahre im Geschäft. Ich bin am Ende der Krise weniger wohlhabend, aber nicht pleite. Falls die Krise irgendwann aufhört. Aber die ganzen Techniker und Technikverleih-Firmen, die riesige Anlagen gekauft haben, die sie auf Festivals aufbauen… Im Moment bauen die nirgendwo etwas auf, sondern die sitzen einfach da, zahlen weiter Mieten und Leasingraten. Ich kenne eine Band, die sind gut im Geschäft und haben sich im letzten Jahr einen großen Bus besorgt, weil sie ja ein schönes Auto brauchten, um zu ihren Auftritten zu fahren. Die sehen jetzt ganz schlecht aus.

Und die vielen kleinen Theater in Deutschland?

Ich bin nicht sicher, dass da im nächsten Jahr noch viele von da sind. Noch einmal Stichwort von eben: Autokino-Konzerte.

Sei ehrlich, mal von der neuen Erfahrung abgesehen, als Künstler mit der Erfahrung johlender und schunkelnder Fans muss man sich das doch mit ziemlicher Wucht schön reden, oder?

Allerdings. Aber die Sache ist doch die: Wenn die Corona-Krise vorbei ist, werden wir uns alle in den Armen liegen und sagen: ‚Mein Gott, was waren das für bekloppte zwölf Jahre‘. Also nehmen wir jetzt mal die zwölf Jahre raus, dann werden wir sagen: ‚Hör mal, das war vielleicht eine Zeit, da habe ich doch tatsächlich in einem Autokino vor Autos gespielt. Aber noch mehr im Ernst: Ich habe das jetzt zwei Mal gemacht, ich denke, ich würde es jetzt nicht noch einmal tun. Ich brauche einfach die Reaktionen des Publikums. Da ist schon schwierig, wenn es weiter weg ist, aber wenn es hinter Autoscheiben nur noch zu erahnen ist, funktioniert das leider nicht. Aber die Erfahrung war es trotzdem wert.

Was ist größer – die Angst an Corona zu erkranken, nicht mehr beklatscht zu werden oder einfach in ein wirtschaftliches Loch zu fallen?

Tja, diese drei Sachen liegen ja alle drei vor. Wobei in Sachen eigener Erkrankung an Corona ist ja auch jeder selbst gefragt. Ich bin ein intensiver Maskenträger, habe sie immer dabei und wenn ich den Eindruck habe, mir wird es zu eng, dann habe ich sie auf. Halte aber auch gern meinen Abstand ein. Und man muss auch ein paar Gegenden einfach meiden. Mir hat gestern noch ein Kollege erzählt, er sei in einem bayerische Biergarten gewesen, da hätte man statt eineinhalb Meter Abstand gerade mal eine Handbreit gehabt. Ich diesen Biergarten würde ich nicht gehen.

Und ohne Applaus?

Das ist für Menschen meines Schlages ganz fürchterlich. Davon lebe ich. Ich brauch auch die Anerkennung meines Tuns.

Und die Angst vor dem Ruin?

Ich habe sie noch nicht. Ich könnte das wohl noch ein Jahr aushalten. Aber dann…

Was kann oder müsste der Staat tun, um – vor allem der kleinen – Unterhaltungsbranche zu helfen?

Der Staat müsste zunächst einmal überhaupt einsehen, dass die Unterhaltungsbranche die zweitgrößte Branche nach der Automobilindustrie ist. Noch vor der chemischen Industrie und den Luftfahrtunternehmen. Und wenn wir dann überlegen, wie viele Milliarden nun in die Lufthansa gepumpt werden, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Aber dann bringt diese groß angekündigte Kultur-Neustart-Geschichte 80 Millionen an den Start. Das ist ja nett. Und dann wird die Soforthilfe an die Kosten gekoppelt. Mein Techniker hat aber keine Kosten. Was der braucht ist Essen und Trinken, denn der hat auf der Einnahmenseite von März bis Juli eine große Null stehen.

Geht das auch kürzer?

Der Staat muss die technische Seite der Künstler fördern, er muss die Künstler fördern und muss dafür sorgen, dass kleine private Theater nicht pleite gehen. Schützenvereine werden unterstützt und Theater nicht? Das geht nicht.

Eigentlich laufen in Kopf ja bereits die Karnevalsvorbereitungen für die Session 20/21. Hast Du den ursächlich geplanten Sessions-Hit schon im Kopf?

Ja sicher. Die Lieder habe ich schon im Kopf und paar Parodien werden mir sicherlich auch einfallen. Aber es wird nicht viel passieren. Wodurch zeichnet sich eine schöne Sitzung im Gürzenich aus? Da sitzen tausend Mann eng bei einander, die haben sich eingehakt, die schunkeln, die bützen sich, trinken ein schönes Gläschen und singen laut “ Mer losse d´r Dom en Kölle“. Ich habe jetzt also alles aufgezählt, was man bei Corona nicht tun darf.

Die Politik möchte nun mal nicht, dass der Kölner Gürzenich zur „Arena di Corona“ wird. Hast Du wirklich Verständnis dafür?

Volles Verständnis! Ich habe auch viel Verständnis dafür, wenn die Politik sagt: So! Karnevalssitzungen mit tausend Leuten sind verboten! Damit die Leute, die eine geplant habe, nicht hinterher auf den Kosten sitzenbleiben. Was die Politik aber nicht tun sollte, ist zu sagen: Wir verbieten Karneval! Das geht nicht. Karneval kann man nicht ausfallen lassen. Das steht im Kalender! Mit Rot steht da „Rosenmontag“. Da ist jetzt Kreativität gefragt. Was könnte man denn machen?Mieten wir das Millowitsch-Theater, stellen da vier, fünf lustige Leute rein, die Leute sitzen in Corona-Bestuhlung und machen sich einen schönen Abend. Und das kann man einen Monat lang machen. Oder einen Diner-Abend.

Karneval ist das Volks-Aufmucken gegen die Herrschaft in provokant-lustiger Form. Eignet sich Corona mit den tausenden Toten weltweit überhaupt als Thema?

Man darf schon auch Witze über Corona machen. Ob ich das tun würde, weiß ich nicht, aber erlaubt sein müsste es, weil es ein Thema ist, das jeden angeht. Man muss auch mal einen Witz über schlimme Sachen machen können. Das größte Problem, das ich in Deutschland im Moment sehe, ist nicht Corona, das größte Problem ist, dass wir unsere Lebensfreude komplett verloren haben. Und im Karneval feiern wir unsere Lebensfreude. Dass das dann nicht passieren darf, das wirklich ganz schlimm. Die Angst vor Corona, ist schlimmer als Corona selbst.

Und Straßenkarneval? Bützchen und Schunkeln mit Sicherheitsabstand und Maske – da sind aber unbedingter Wille zum Fröhlichsein und eine Menge Kreativität gefragt.

Klar. Ich habe zum Beispiel vorgeschlagen, man nehme ein Springseil, bringe es auf die Länge von ein Meter fünfzig. Dann kann links einer anfassen und rechts einer. Das Ganze nennen wir Schunkelstrick – und dann kann die Feier losgehen.

Müsste man nicht Angst haben, dass so eine Karnevalsdiskussion lediglich frisches Wasser auf die Mühlen der Leugner und Aluhut-Träger gibt?

Das ist natürlich eine fürchterliche Entwicklung. Diese Aluhut-Träger funktionieren ja folgendermaßen: „Eins und eins ist aber drei!“ Dann sagen wir: „Das stimmt nicht. Es ist nachgewiesenermaßen zwei.“ Dann sagen die: „Das ist aber meine Meinung! Willst Du mir meine Meinung verbieten?“ Das macht mich wirklich sprachlos. Ich hätte nicht gedacht, dass man Wissenschaft einfach leugnen kann.

Glaubst du, dass es Promis gibt, die sich auf die Seite der Leugner schlagen, um mal wieder in der Zeitung zu stehen oder wenigstens Promi-TV-Sendungen aufzutauchen, wenn Sie schon nicht in einer TV-Partnerbörse über eine Südsee-Insel schlampen dürfen?

Als das mit Corona anfing, habe ich ja auch angefangen, Fernsehen zu gucken. Was ich vorher eher nicht viel getan habe. Aber nach den ersten neuen Fernseherfahrungen bin ich jetzt wieder soweit, wie ich immer schon war: Ich gucke am Montag „Inspektor Barnaby“ und sonst „Bares für Rares“. Die machen ein „Promi-Big Brother“ ohne einen einzigen Promi und ein „Sommerhaus der Stars“, wo sämtliche Stars fehlen. Alle habe keine Prominenz, aber dafür schön gemachte Brüste und einen IQ von sieben, was nicht viel ist, wenn man bedenkt, dass Knäckebrot schon neun hat.

Du giltst – nicht nur weil Dein Wohnwagen in Holland steht – als überzeugter Europäer. Wird Corona Europa zusammenrücken lassen oder eher noch weiter entzweien?

Ich hoffe auf Zusammenrücken. Auch da hoffe ich, dass die Politik Wege findet.

Apropos Holland: dein Kommissar ermittelt wieder. Diesmal geht es um ein „Mieses Spiel um schwarze Muscheln“. Hat man in einer Corona-Krise Zeit und Lust, sich auf Fantasiewelten einzulassen.

Man hat Lust wie Bolle. Ich habe den Roman mit Freude zu Ende geschrieben, korrigiert, mit meiner Frau diskutiert und ertappe mich jetzt schon dabei, wie ich am Schreibtisch sitze und über die nächste Geschichte nachdenke. Vielleicht hast Du ja völlig Recht: Es tut gut in eine Fantasiewelt aufzubrechen, wenn man weiß, wie die Realität aussieht.

Kollege von der Lippe sang dereinst „Guten Morgen, liebe Sorgen“. Lustig, aber auch nachdenklich. Hast Du auch dieses Clowns-Gen in Dir drin, also diese fröhliche Traurigkeit, und kommt es jetzt häufiger durch?

Natürlich ist das bei mir so. Ich habe ja auch ein Lied „Ich bin ein Clown und will gar nichts anderes sein“. Und der Clown hat es natürlich auch gerade jetzt in dieser Situation schwer. Er will in die Manege, auftreten und Leute fröhlich machen. Und das wird im Moment unmöglich gemacht. Ich hätte im Oktober ursprünglich elf Auftritte gehabt, jetzt nur noch einen. Das macht mich entsprechend melancholisch. Man fragt sich doch: Wie soll es denn weitergehen? Ich kann nichts anderes. Aber andererseits verschieben sich die Termine nach hinten. Je länger das dauert, desto länger muss ich arbeiten. Warum nicht? Ich will ja gar nicht in Rente gehen. Da ist Dieter Hildebrandt mein Vorbild. Der ist – glaube ich – mit 86 gestorben. Hätte aber in der Woche drauf noch Auftritte gehabt.

Welcher Gedanke treibt Dich um: „Et hätt noch immer jot jejange“ oder doch eher „Wenn das mal gut geht….“?

Diese beiden Gedanken alternieren. Ich denke manchmal wirklich „Es wird schon, im nächsten Frühjahr wird es besser aussehen“ und zwei Stunden später denkt man: „Und wenn nicht, was dann?“ Und man fragt sich: Wer soll die Anlage verleihen? In welchem Theater ich überhaupt noch spielen?

Viel Glück, Bernie, ich bin am Ende.

Ich noch nicht. Ich habe ja noch Iserlohn vor der Brust. Am 10. November im Parktheater. Das soll ja mit Corona-Bestuhlung stattfinden. Schauen wir mal! Du bist doch Iserlohner, meinst Du die Leute kommen?

Ich hoffe es für Euch. Und für Iserlohn.

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