Interview: Dagmar Freitag

„Bitte bleibt Euren Vereinen in diesen Zeiten treu!“

„Heimat-Begegnungen“ könnte man wohl mit Fug und Recht diese Fotografie betiteln. Sie zeigt vor der Kulisse des Berliner Plenarsaales die heimische SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag und Dr. Lorenz Müller (57), ziemlich frisch gekürter Direktor des Deutschen Bundestages. In dieser Funktion leitet er im Auftrag des Bundestagspräsidenten die Bundestagsverwaltung. Er wird vom Parlamentspräsidenten ernannt und arbeitet ihm unmittelbar zu. Heimatgefühle kommen an dieser Stelle auch deshalb auf, weil der promovierte Jurist Dr. Müller aus dem märkischen Langenholthausen stammt. Und was die Sache noch heimatlicher macht: Anfang der 80er Jahre absolvierte Lorenz Müller ein Volontariat bei der Heimatzeitung in Iserlohn. Zeugnisse aus seiner damaligen Personalakte belegen, dass er auch im Journalismus offenbar eine große Karriere vor sich gehabt hätte.

„Heimat-Begegnungen“ könnte man wohl mit Fug und Recht diese Fotografie betiteln. Sie zeigt vor der Kulisse des Berliner Plenarsaales die heimische SPD-Abgeordnete Dagmar Freitag und Dr. Lorenz Müller (57), ziemlich frisch gekürter Direktor des Deutschen Bundestages. In dieser Funktion leitet er im Auftrag des Bundestagspräsidenten die Bundestagsverwaltung. Er wird vom Parlamentspräsidenten ernannt und arbeitet ihm unmittelbar zu. Heimatgefühle kommen an dieser Stelle auch deshalb auf, weil der promovierte Jurist Dr. Müller aus dem märkischen Langenholthausen stammt. Und was die Sache noch heimatlicher macht: Anfang der 80er Jahre absolvierte Lorenz Müller ein Volontariat bei der Heimatzeitung in Iserlohn. Zeugnisse aus seiner damaligen Personalakte belegen, dass er auch im Journalismus offenbar eine große Karriere vor sich gehabt hätte.

Foto: Privat / IKZ

Iserlohn/Berlin.  Vieles, was heute in der Welt passiert oder droht zu passieren, macht auch Dagmar Freitag ziemlich ratlos. Ein Heimat-Gespräch.

Wahlchaos in den USA, Sorgen um Olympia, die Zeit nach Trump und Corona – auch wenn Dagmar Freitag vor ein paar Tagen mitgeteilt hat, dass das ihre letzte Legislaturperiode im Deutschen Bundestag als SPD-Abgeordnete sein wird, so ist der Weg bis zu diesem Einschnitt noch einmal mit reichlich Arbeitsstoff und politischen und gesellschaftlichen Unwägbarkeiten gepflastert. Mit der Heimatzeitung spricht sie über aktuelle Sorgen und Hoffnungen.

Frau Freitag, Sie haben per Pressemitteilung angekündigt, dass Sie bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr nicht wieder antreten werden. Darüber wollen wir natürlich reden, aber wir kommen auch nicht um die Wahlen in Amerika herum. Sie sind seit 1994 Mitglied im Deutschen Bundestag, seit 2014 stellvertretende außenpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und seit Mai 2018 stellvertretende Vorsitzende der Parlamentariergruppe USA. Haben Sie so eine politisch-gesellschaftliche Situation wie in diesen Tagen in Amerika schon einmal erlebt?

In unserem Land bislang glücklicherweise nicht. Vier Jahre Trump haben gesellschaftliche Verwerfungen mit sich gebracht, die man im 21. Jahrhundert dort nicht mehr erwartet hätte. Wenn wir über die USA reden, reden wir schließlich über eine der ältesten und auch belastbarsten Demokratien der Welt. Wir schauen zwar mit einem gewissen Unverständnis auf das dortige Wahlsystem, hatten jedoch bisher keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass das System der „Checks and Balances“ in den USA funktioniert. Aber seit einigen Tagen werden schon einige Befürchtungen wahr.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum rund 70 Millionen Amerikaner einen Mann wählen, dessen zurückliegende Amtszeit von – sagen wir vorsichtig und neutral – umstrittenen und fragwürdigen Entscheidungen und Auftritten nur so strotzt?

Ich habe mich ja in den vergangenen Tagen und Wochen in unzähligen Web-Konferenzen mit sogenannten Think-Tankern aus den USA unterhalten und ich habe – ich räume es ein – ein neues Wort gelernt: One-Issue-Voter. Das sind Menschen, für die eine einzige Maßnahme aus Trumps Agenda ausreicht, um ihn wiederzuwählen.

Zum Beispiel Mauerbau oder Waffengesetze?

Genau. Es gibt ja genug Leute, die befürchten, dass Joe Biden die Waffengesetze verschärfen wird. Was ich mir übrigens wünschen würde. Trump dagegen steht fest an der Seite der Waffenlobbyjsten. Oder die von Trump durchgesetzte Steuersenkung, von der natürlich der allergrößte Teil der Amerikaner wenig bis gar nichts gehabt hat. Eigentlich reagiert Trump ja aktuell auch wie erwartet.

Glauben Sie dennoch noch an einen halbwegs gesitteten Übergang?

Einen gesitteten Übergang kann es kaum noch geben. Schließlich verweigert die Trump-Administration Biden weiterhin den Zugang zum Weißen Haus, zu wichtigen Dokumenten und Strukturen. Es ist die Regel, dass der scheidende Präsident den „President Elect“ zu Gesprächen empfängt. Und bei allen politischen Differenzen zwischen den Herren hat es grundsätzlich einen geordneten Übergang gegeben. Die aktuelle Situation ist eigentlich unfassbar.

Haben Sie in Ihrer fast 30-jährigen Mitgliedschaft im Deutschen Bundestag die Welt schon einmal in so einer instabilen und unüberschaubaren Lage erlebt?

Es hat natürlich immer Brandherde gegeben. Es hat auch immer ganz kritische Situationen gegeben. Aber dass eine dermaßene Unruhe auf so vielen Kontinenten – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – herrscht, ist zumindest ein Anlass zu großer Sorge.

Seit Jahren beschwören deutsche Politikerinnen und Politiker immer wieder die Notwendigkeit eines geeinten Europa, das nicht nur großherzig Geldgeschenke an arme Mitglieder verteilt, sondern auch mit einer Meinung und einer gemeinsamen Stoßrichtung international für sich punktet. Werden wir das jemals erleben oder bleibt es bei Strafzöllen auf Erdnüssen und Butterkeksen?

Ich befürchte, dass das zumindest ein langwieriger Prozess ist. Die Europäische Union muss sich erst einmal – oder wieder – darauf verständigen, dass sie ja mal angetreten ist, um auch gemeinsame Werte zu gewährleisten. Und die sehe ich in einigen Mitgliedstaaten zurzeit stark gefährdet. Wenn ich zum Beispiel nach Ungarn schaue und auf die Themen „Pressefreiheit“, „Meinungsfreiheit“ und „Freiheit der Wissenschaft“ – all das steht in Ungarn massiv unter Druck. Es wird kein einfacher Prozess sein, eine wirklich geeinte und damit auch starke EU zu etablieren.

Wir erinnern uns: Die Europäische Union hat im Jahr 2012 den Friedensnobelpreis bekommen. Das zeigt, dass es ein starkes Fundament mit gemeinsamen Werten gab. Stattdessen sehen wir aktuell einen Rückzug auf nationale Interessen bis hin zum Brexit. Aber nur eine geeinte, starke EU wird politisch wie auch wirtschaftlich auf Dauer erfolgreich sein.

Zermürben Sie und vermutlich auch die Bürger zur Zeit nicht diese politischen Diskussionen auch im Deutschen Bundestag, die sich oft mehr um Ideologien als um die eigentliche Sache drehen?

Die ideologisch aufgeheizten Themen und Diskussionen kommen fast ausschließlich aus den Reihen der AfD. Hinzu kommt der Ton, den deren Rednerinnen und Redner in Debatten des Deutschen Bundestages anschlagen. Da ist man immer wieder fassungslos, wie schamlos Fakten verdreht werden, wie Sachargumente nicht die geringste Rolle spielen. Diese Auftritte sollen ausschließlich die eigene Anhängerschaft als Zielgruppe begeistern. Dass das andere Menschen abschreckt, liegt auf der Hand.

Haben Sie denn eine Idee, warum AfDler gegen Maskentragen sind?

Ich denke, sie greifen einfach mit Freude die Stimmung eines sehr kleinen Teils unserer Bevölkerung auf. Das ist Populismus pur, was an sich schon schlimm genug ist. Aber sie gefährden natürlich damit auch die Gesundheit anderer Menschen. Und das ist absolut inakzeptabel.

Sie sind international und national auf der politischen Sport-Bühne ganz weit vorn unterwegs. Der Sport galt bisher stets als ziemlicher positiver Kitt, der die Welt zusammengehalten hat. Allen voran die Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften in jeglichen Disziplinen. Nun bremst Corona auch dieses Feld mächtig aus. Welche Konsequenzen sehen Sie?

Ich sehe den Sport und die von mir gern im selben Atemzug genannte Kultur als wichtige Güter unserer Gesellschaft. Unsere Gesellschaft wäre ohne beides ärmer. Von daher sehe ich die derzeitige Lage natürlich durchaus mit Sorge, vor allem mit Blick auf 2021. Aber sowohl die Bundesländer als auch der Bund versuchen, mit finanzieller Unterstützung einen Teil der Verluste der Vereine abzufedern. Ich teile allerdings nicht diese Weltuntergangsszenarien, die der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Alfons Hörmann, seit einem halben Jahr in seinen Statements von sich gibt. Im Gegenteil – ich halte das sogar für kontraproduktiv. Ich sehe – auch hier in der Region – Vereine, bei denen sich die Ehrenamtlichen unglaublich viele Gedanken über Alternativ-Angebote für die Mitglieder gemacht haben. Da wurden Mountainbike-Gruppen gegründet, die jetzt statt in der Turnhalle gemeinsam im Freien unterwegs sind. Ich sehe in so vielen Vereinen an der Basis diese Kreativität und den Willen, das Vereinsleben aufrecht zu erhalten. Und diesen Menschen muss ich Mut machen anstatt das Signal aussenden: „Im nächsten Jahr wird der Sport in Deutschland am Boden liegen.“ Meine große Bitte an die Vereinsmitglieder ist: Bitte bleibt euren Vereinen in diesen Zeiten treu – es kommen auch wieder bessere!

Das ist der Breitensport, und wie steht es um den professionellen und semi-professionellen Bereich?

Richtig gebeutelt ist da beispielsweise die Deutsche Eishockey-Liga, die mehr als andere Sportarten auf Einnahmen durch Zuschauer angewiesen ist. Ich bin mit Wolfgang Brück seit Monaten in einem engen Austausch über die Hilfspakete des Bundestages. Ich bin auch zuversichtlich, dass die „Roosters“ einen positiven Bescheid bekommen werden.

Und unsere internationalen Spitzensportler? Wie sieht es in dieser Szene aus?

Die wollen natürlich im nächsten Jahr bei den Olympischen Spielen in Japan oder 2022 bei den Winterspielen in Peking an den Start gehen. Noch aber ruht der Spiel- oder Wettkampfbetrieb weitgehend. Athletinnen und Athleten sowie Trainer wissen nicht, wie es weitergeht, Sponsoren ziehen sich zurück. Das alles hat natürlich massive Auswirkungen auf den Spitzensport.

Würde es tatsächlich die Welt verändern, wenn Olympische Spiele auch nächstes Jahr nicht stattfinden könnten oder dürften? Wenn die Jugend der Welt zuhause bleiben müsste?

Nein, die Welt verändern würde es nicht, aber eine Absage hätte schon Auswirkungen bis hin zum Breitensport. Meine erste sportliche Erinnerung habe ich an den großen Zehnkämpfer Willi Holdorf, als er in Tokyo 1964 im 1500-Meter-Lauf zur Goldmedaille ins Ziel taumelte. Das war die Initialzündung für meine Begeisterung für die Leichtathletik. Ein einmaliger Ausfall Olympischer Spiele wäre aus meiner Sicht aber am schlimmsten für die Athleten, die sich auf Tokyo 2020 fokussiert hatten, die teilweise ihre Lebensentwürfe noch einmal verändert hatten, um dann in Tokyo 2021 ihren Traum von der Teilnahme an Olympischen Spielen wahr machen zu können.

Wird Sport am Ende auch immer noch politischer werden? Der exekutierte Ringer im Iran oder Boykott-Aufrufe von und gegen umstrittene Regime lassen das doch möglich erscheinen.

Sport war immer politisch, auch wenn die Funktionäre das lange bestritten haben. Vor allem aber sind die Athleten politischer geworden. Eigentlich fing es ja schon bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexico-Stadt mit der Blackpower-Faust der beiden 200-Meter-Sprinter Tommie Smith und John Carlos an. In Deutschland hat sich vor drei Jahren eine unabhängige Athleten-Vertretung gegründet, übrigens mit großer Unterstützung aus dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Der Bund finanziert die Geschäftsstelle von Athleten Deutschland e.V.. Erst drei Jahre ist der Verein alt, aber thematisch und strukturell bestens aufgestellt. Und ich sehe in den sozialen Netzwerken, dass sie sich auch international vernetzen. Die auch ganz klare Botschaften beispielsweise in Richtung IOC senden, dass sich mündige Athleten auch abseits von Sportverbandspolitik in gesellschaftliche Themen einmischen und klare Botschaften haben. Mittlerweile gibt es mit „Global Athlete“ auch eine vergleichbare Organisation auf internationaler Ebene. Da bewegt sich etwas!

Glauben an Sie an eine Zukunft der SPD?

Selbstverständlich. Sozialdemokratische Werte und Inhalte sind nicht nur grundsätzlich aktuell, sondern in Zeiten wie diesen, wo das Thema „Solidarität“ in der Gesellschaft ja erkennbar Risse bekommt, wichtiger denn je. Ich bin fest davon überzeugt, dass es die Sozialdemokratie und ihre Ideen weiter geben wird, weil eine Gesellschaft diese Ideen braucht.

Sie machen ja nach wie vor einen höchst aktiven und umtriebigen Eindruck – der Wunsch nach Ruhestand dürfte nicht der Grund für Ihren Nicht-Antritt im nächsten Jahr sein, oder?

Es ist der Wunsch, wieder etwas selbstbestimmter leben zu können, mit den aktuellen Umfragewerten der SPD hat die Entscheidung nichts zu tun. Meine Partei weiß seit 2017, dass das mein letzter Bundestagswahlkampf war. Ich bin mit mir und dieser Entscheidung völlig im Reinen.

Es ist natürlich noch viel zu früh, bereits heute bereits eine Bilanz Ihres langjährigen politischen Wirkens zu ziehen. Dennoch haben Sie aber bestimmt den bisher höchsten und tiefsten Punkt immer abrufbar?

Die Schluss-Bilanz wird in der Tat in knapp einem Jahr gezogen. Der Tiefpunkt ist ohne Wenn und Aber der Einzug einer durch und durch rechtsgerichteten und in Teilen rechtsextremistischen AfD in den Deutschen Bundestag. Und der Höhepunkt? Ich gehöre der Generation an, die geprägt war von 16 Jahren Helmut Kohl. Der Wahlsieg Schröders 1998 war für mich daher schon emotional; gleichzeitig habe ich in diesem eher konservativen Wahlkreis erstmals das Direktmandat errungen, welches ich seitdem verteidigen konnte. Aber glauben Sie mir: Vergleichbar schöne Momente finden auch im Verborgenen statt. Wenn Sie einem Bürger aus dem Wahlkreis, der Sie in wirklicher Verzweiflung um Hilfe gebeten hat, helfen können, dann ist das nicht weniger wert.

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