Natur

Blühendes Band durch Bauernhand

Dr. Christina Große-Frericks und Sohn Julius stehen mitten in einem der Blühstreifen.

Dr. Christina Große-Frericks und Sohn Julius stehen mitten in einem der Blühstreifen.

Foto: Michael May

Kalthof.  Landwirte in und um Iserlohn sähen Pflanzen, um Insekten einen adäquaten Lebensraum zu bieten.

Bauernfamilien aus Iserlohn und dem gesamten Märkischen Kreis wollen mit einer Aktion ein Zeichen für den Insektenschutz setzen. Für Landwirte ist es zwar praktischer und effizienter, auf dem kompletten Acker Getreide wachsen zu lassen – jedoch bietet diese Effizienz zu wenig Lebensraum für Insekten, die schließlich in der Landwirtschaft ebenso dringend zum Bestäuben von Pflanzen benötigt werden. Daher verzichten Bauern auf einen Teil ihrer Ernte und haben Blühstreifen angelegt – 50 Kilometer sind es im Märkischen Kreis, in ganz Westfalen-Lippe sogar 5000 Kilometer. Das Projekt ist ein Teil der „Offensive Nachhaltigkeit“ des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes.

Schon in anderen Kreisen gab es das Blühprojekt

Ulrich Brinckmann, stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes sowie Schweinehalter und Getreidebauer, sagt: „Für uns ist Biodiversität nicht jetzt erst ein Thema. Auch 2017 und 2018 gab es schon in anderen Kreisen Blühstreifen-Aktionen. Im vergangenen Jahr hatten wir dann das Gefühl, dass besonders auf die Landwirte eingedroschen wird. Deshalb machen wir jetzt mehr darauf aufmerksam.“ Für den Märkischen Kreis sind er und seine Kollegen Pioniere. Er selbst hat eine Saatmischung mit dem Trecker auf seine eigenen Flächen aufgebracht, auch anderen Landwirten hat er seine Dienste angeboten – und die Resonanz sei sehr gut gewesen. 200 Kilogramm Saatgut seien kostenfrei an zehn Bauern verteilt worden. „Die blühenden Streifen erfreuen das Auge, geben aber zu allererst Insekten und anderen Wildtieren Lebensraum und Nahrung“, sagt Brinckmann.

Besonderes Augenmerk bei der Mischung

Dass die Tierwelt das Ganze annehme, sehe er auf seinem Hof in Kalthof. „Wir haben hier Falken, Spatzen, Bussarde, Rotmilane, Meisen, Grasmücken, Finken, Rotkehlchen, Feldlerchen, Elstern, Schwalben, Fliegen, Fledermäuse, Bienen und vieles mehr“, zählt er auf. Dr. Christina Große-Frericks, deren Familie ebenfalls einen Bauernhof betreibt, bestätigt: „Auch bei uns war schon immer viel los, jetzt noch mehr. Nachdem die Wildschweine uns die Sonnenblumenkerne aus der Saatmischung herausgefischt haben, haben wir noch welche nachgesäht.“ Auch seltene Bäume seien auf ihrem Hof gepflanzt worden. Brennnesseln und Disteln würden nicht abgemäht, sondern blieben stehen. „Von Reptilien und kleinen Säugetieren werden die Blühstreifen als Wohn- und Nistplatz genutzt, die zudem dort auch Deckung vor Greifvögeln finden. Bei der Mischung haben wir besonders auf eine Zusammensetzung von heimischen Pflanzen mit unterschiedlichen Blühzeitpunkten geachtet, damit den Tieren ein kontinuierliches Nahrungsangebot geliefert wird“, unterstreicht Dr. Christina Große-Frericks. Sie und ihre Kollegen arbeiten eng mit dem Naturschutzbund zusammen.

Brinckmann betont, dass die Blühstreifen-Aktion nur ein kleiner Teil der Nachhaltigkeits-Offensive des WLV sei. „Wir haben uns einen Zeitrahmen bis 2030 gesetzt, um etwas zu verbessern. Wir müssen unser Handeln in allen Bereichen überdenken, beispielsweise Fruchtfolgen erweitern.“ Allerdings sieht er nicht nur die Landwirte in der Pflicht, sondern die Allgemeinheit: „Alle sind gefordert.“ Egal, ob auf den Balkonen von Privatpersonen insektenfreundliche Pflanzen gesäht würden, oder ob Kommunen sich des Themas annehmen. Ulrich Brinck­mann kritisiert beispielsweise die Kreisverkehre als Einfahrtstore zur Stadt: „Dort wächst oft nur Gras.“ Er berichtet von einer Iserlohnerin, die mit ihrer Tochter zusammen auf einem Kreisel dafür sorgen wollte, dass es blüht, sie aber befürchte, dass Straßen NRW alles kurzfristig wieder abmähe. Das geschehe häufiger.

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