Stadtleben

Brief braucht 15 Tage für 1500 Meter

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Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.   Dieter Krohn kann erstmals nicht wählen, weil die Briefwahlunterlagen zu spät ankommen. Der Post sind keine Unregelmäßigkeiten bekannt.

Dieter Krohn ist wohl das, was man ohne Hintergedanken und falsche Konnotationen guten Gewissens als lupenreinen Demokraten bezeichnen könnte. „Als ich vor über 50 Jahren zum ersten Mal wählen durfte, habe ich das gefeiert“, erzählt der Rentner. „Und erstmals mehr als ein Bier getrunken, zwei oder drei waren es vielleicht“, fährt der heute 75-Jährige fort, ein noch immer drahtig und fit wirkender Mann, der eigentlich sein ganzes Leben Sport gemacht hat.

Ein Demokrat also, der seither, wie er sagt, an jeder Wahl teilgenommen hat. Und so war es für Dieter Krohn natürlich auch keine Frage, dass er bei der Europawahl am 26. Mai seine Stimme abgeben würde. Allerdings stand diesmal am Wahlsonntag ein Kurzurlaub in Norddeutschland auf dem Plan. Familienbesuch, der frühere Fahrlehrer ist gebürtiger Hamburger und lebt seit 1976 in Iserlohn.

Also beschließt die Familie, erstmals per Briefwahl abzustimmen. „Meine Tochter hat das online beantragt, das ging ganz schnell.“

Dann heißt es warten. Und warten. Es naht der Wahltag, die Fahrt nach Norddeutschland, doch kein Brief kommt. Schließlich werden Dieter Krohn, sein Frau und die Tochter so am Wahltag am 26. Mai um ihr Stimmrecht gebracht.

Erst vermutet Dieter Krohn den Fehler bei der Stadt. Bis vergangenen Samstag, als die Briefwahlunterlagen doch noch bei ihm im Briefkasten liegen – eine Woche nach dem Wahltermin.

Abgestempelt wurde der Brief am 17. Mai. Angekommen ist er über zwei Wochen später. Die Strecke zwischen dem Wahlamt im Rathaus am Schillerplatz und Dieter Krohns Adresse in der Rubens­straße beträgt laut „Google Maps“ gut anderthalb Kilometer.

15 Tage für 1,5 Kilometer also. 1500 Meter. Kostenpunkt: 85 Cent. Wie kann das sein?

Nachfrage bei der Post. „Für Iserlohn sind uns in diesem Zeitraum keine Unregelmäßigkeiten bekannt“, erklärt eine Sprecherin am Telefon. Sie müsse aber noch weiter recherchieren und verspricht eine weitere Rückmeldung.

Und die lautet dann wie folgt: „Grundsätzlich haben unsere Zustellerinnen und Zusteller in Iserlohn rund um die Europawahl einen guten Job gemacht und mehr als 70.000 Wahlbenachrichtigungen zuverlässig ausgetragen.“

Allein – um die Wahlbenachrichtigungen ging es ja gar nicht.

Nächste Nachfrage bei der Post. Nun heißt es: Ein Dienstleister hätte die Unterlagen für die Stadt zum Briefzentrum in Hagen an der Buschmühlenstraße gebracht. Hier werde vorsortiert. „Es gibt bei Wahlunterlagen das vorgesehene Zeitfenster „E+4“, das heißt, nach spätestens vier Tagen werden die Sendungen in die Zustellstützpunkte der Städte gebracht“, teilt die Post mit. Von dort, in Iserlohn von der Baarstraße aus, werden die Briefe dann verteilt.

Der Zusteller in dem Bezirk ist noch neu

Das Problem müsse beim Zusteller gelegen haben. „Dass es zu Fehlern kommen kann, können wir leider nicht ausschließen, da am Ende Menschen die Briefe zustellen“, schreibt die Post noch. Der Austräger im Bezirk von Dieter Krohns Wohnort sei neu. „Dafür, dass die Zustellung nicht in der gewohnten Qualität funktioniert hat, können wir uns nur entschuldigen.“

Der 75-Jährige aber ist sauer, ihm fehlt für den ganzen Vorgang das Verständnis. „Die Post hat einen hoheitlichen Auftrag, bekommt darum einen Mehrwertsteuer-Erlass – und kommt dann ihren Pflichten nicht nach.“

Dieter Krohn will bei den nächsten Wahlen trotz allem wieder seine Stimme abgeben. Wie immer. Wie seit über 50 Jahren schon. Auf Briefwahl allerdings wird er in Zukunft wohl verzichten.

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