Interview

Das Gehirn ist ein unfassbar einsames Organ

Auch Kreativität ist am Ende nur ein Funksignal! Der Neurologe Dr. Markus Heier ist – wenn möglich – ein Freund von Gehirn-Klartext.

Auch Kreativität ist am Ende nur ein Funksignal! Der Neurologe Dr. Markus Heier ist – wenn möglich – ein Freund von Gehirn-Klartext.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  Auch nach einem Gespräch mit Dr. Magnus Heier weiß man nicht, was uns überhaupt denken lässt. Aber man hat ganz neue Fragen.

Schon beim Betreten des Gutenbergzimmers kommt mir ein Song des gerade in verschärfte Ungnade gefallenen Xavier Naidoo in den Sinn. Der Titel? „Dieser Weg wird kein leichter sein.“ Was aber nicht an dem Mann liegt oder liegen wird, der da schon wartet, sondern eher an seinem wissenschaftlichen Spezialgebiet und Lieblingsthema: das menschliche Gehirn. Dr. Magnus Heier ist Neurologe, hat eine eigene Praxis in Castrop-Rauxel. Aber er ist auch Buchautor, Kolumnist, Redner und sagt über sich selbst auf seiner Homepage: Er „gibt Antworten – und führt durch die Welt im Kopf – mit scharfer Zunge und Humor, kurzweilig und mit gebotenem wissenschaftlichem Ernst. – Ganz ernsthaft. – Ehrlich!“ Und selbst wenn man die Lustigkeit also heute mal etwas außen vor lässt, bleibt am Ende doch die Frage: Wie soll ein Zeitungsredakteur etwas verstehen, von dem die Fachleute behaupten, dass die Menschheit und vor allem auch deren schlaueste Köpfe es vermutlich niemals verstehen werden. Also dieses Ding überm Hals, von dem mein Gesprächspartner gleich sagen wird: „Diese 1,35 Kilogramm mit der Konsistenz von Zahnpasta“. Dr. Heier, der beruflich dem Journalismus durchaus aktiv zugetan war, kündigt bereitwillig kurze, verständliche Antworten an. Versuchen kann man es ja mal, auch wenn ihm die erste Frage schon ein Lächeln zwischen Erheiterung und Mitleid aufs Gesicht treibt.

Herr Dr. Heier, ich fange mal ganz vorsichtig und unbedarft an: Was ist ein Gehirn?

Das Gehirn ist halt das komplexeste Organ des Körpers. Und das am wenigstens verstandene. Es ist das Organ, das wir allerwenigstens jemals werden nachbauen können. Es gibt künstliche Herzen und Nieren. Da können sie die Funktionen ersetzen. Beim Denken geht das nicht. Das Gehirn hat entgegen landläufiger Meinung strukturell nichts mit einem Computer zu tun.

Das wäre meine nächste Frage gewesen: Funktioniert die Hirnzelle am Ende nicht wie eine Rechnereinheit mit „1 und 2“ oder „ja und nein“?

Eigentlich funktioniert sie genau so. Eine Gehirnzelle entscheidet, ob sie funkt oder nicht funkt. Sie bekommt Informationen rein, die werden integriert, und dann entscheidet sie, ob sie das weitergibt oder nicht. Das ist zwar irgendwie digital, aber der Rest dann wiederum nicht.

Diese Information, von der wir sprechen, ist also nichts anderes als ein elektrischer Impuls?

Sie müssen sich Ihr Gehirn wie ein unfassbar einsames Organ vorstellen. In Ihrem Gehirn entsteht zwar eine Welt, in der sich mich hören und sehen. Und wenn Sie Pech haben, riechen Sie mich auch. Sie haben also eine präzise Vorstellung von Ihrer Umgebung. Das ist natürlich alles Quatsch. Ihr Gehirn liegt in einer dunklen Höhle ohne jeden Kontakt nach außen. Das Gehirn hört nicht, sieht nicht, riecht nicht, fühlt nicht. Sie können es streicheln oder sogar operieren, es merkt es gar nicht. Es bekommt lediglich elektrische Signale von außen. Aus dem Auge, aus dem Ohr, von der Zunge. Und aus diesen elektrischen Signalen konstruiert es eine Welt, in der oder mit der es leben kann. Ob das irgendetwas mit der objektiven Welt da draußen zu tun hat, ist stark zu bezweifeln. Es gibt da draußen keine Farben. Was sie als „blau“ und schön empfinden ist keine Farbe, das ist eine Wellenlänge des Lichts. Im Grunde haben Sie ein wahnhafte Vorstellung Ihres Äußeren.

Aber es funktioniert doch.

Ist aber trotzdem wahnhaft.

Heißt aber auch, dass Sie in der Realität gar nicht so aussehen wie jetzt gerade für mich?

Davon ist in der Tat auszugehen. Ich nehme Ihnen damit auch die Illusion, dass Sie irgendwelche Dinge sachlich, nüchtern, objektiv, nachvollziehbar verarbeiten. Das tun Sie alles nicht. Sie sind geprägt von Eindrücken, Emotionen und Irrationalitäten. Ihre Partner-, Handy- oder Autowahl steht zum Beispiel auf ganz anderen Füßen, als Sie glauben. Wir können sogar beweisen, dass Ihre Entscheidungen umso klüger werden, je mehr Ihr Bewusstsein abgelenkt wird. Je besser und aktiver Ihr Unterbewusstsein vor Entscheidungen arbeiten kann, umso besser werden diese ausfallen.

Bedeutet für mich praktisch?

Machen Sie keine Tabelle vor einer wichtigen Entscheidung, schlafen Sie lieber drüber.

Ist denn grundsätzlich einmal nach der Geburt zunächst alles da, was ein gutes Gehirn braucht?

Nein, es ist viel mehr da als jetzt. Zwei Dinge machen Ihr Gehirn aus: Erstens haben wir 86 Milliarden Neuronen im Kopf, die feuern und sich verknüpfen. Und diese Verknüpfung verändert sich ständig. Abends haben Sie andere Verknüpfungen als Sie am Morgen noch hatten. Neugeborene haben – wenn sie auf die Welt kommen – mehr Verknüpfungen als wir Alten.

Warum?

Weil sie gerüstet sind, Astronaut zu werden. Oder Cellist. In der Steinzeit zu leben oder ein Atomkraftwerk zu kontrollieren. Oder auch Fußballer. Wo man das Hirn eben so braucht. In dem Moment, wo wir uns entscheiden, werden die Verknüpfungen, die wir nicht mehr brauchen, abgebaut. Was allerdings auch passiert, wenn wir uns im Alter schonen. Das Gehirn schafft immer nur das, was sie ihm abverlangen.

Ist mein Gehirn grundsätzlich so vorprogrammiert, dass es für mich nur Gutes will?

(längere Denkpause) Ich glaube nicht. Natürlich will es für Sie zunächst mal nur Gutes, ich glaube aber auch, dass wir im Unterbewusstsein, im Nicht-Kontrollierbaren uns durchaus auch altruistisch verhalten. Nicht nur gegenüber den eigenen Kindern, den Enkeln, der Familie, sondern auch gegenüber Fremden. Ich glaube, dass wir am Ende auch zu uneigennützigen Taten in der Lage sind, die unserer Spezies helfen, aber nicht uns selbst.

Aber ist nicht zum Beispiel auch das Zögern bei Entscheidungen eine Art Schutz? Weil mich mein Gehirn nicht ins Verderben laufen lassen will?

Natürlich. Ihr Gehirn will Sie schützen. Aber Ihr Gehirn sind Sie. Die Formulierung ist ja schon falsch. Nicht das Gehirn versucht, Sie zu schützen, sondern Sie versuchen, sich mit Hilfe des Gehirns zu schützen.

Nachdenken schadet nur – Bauchgefühl ist ein guter Ratgeber? Laufen die Bauch-Ratschläge nicht auch über das Gehirn? Angeblich denkt unser Darm ja auch ständig nach?

Ich kenne natürlich diese Thesen und ich weiß auch, dass wir neuronale Netze im Körper haben. Die sind auch nötig, weil Darm-Peristaltik und diese oder ähnliche Abläufe nicht so einfach sind, wie wir manchmal glauben. Aber, bitteschön, denken tun wir nicht im Bauch. Das machen wir nur oberhalb des Unterkiefers.

Wie funktioniert ein Gedächtnis? Wer oder was entscheidet, was aufgehoben wird?

Zunächst einmal speichern wir alles bzw. wahnsinnig viel ab. Die Frage ist, wie viel wieder hervorgeholt oder auch wie viel eingebrannt wird. Das geschieht eben zum Teil auch nachts, wo wir Dinge bearbeiten und wieder dann wieder abspeichern.

Aber warum denke ich jetzt an einen Menschen, dessen Name mir im Moment nicht einfällt, dessen Name aber offensichtlich trotzdem nicht weg ist, weil er mir ja in zehn Minuten plötzlich wieder einfällt?

Alle unsere Erinnerungen sind nicht Einzelerinnerungen sondern immer Gesamterinnerungen an große Zusammenhänge. Und sie werden zudem immer wieder überarbeitet, müssen dadurch mit der Ursprungserinnerung am Ende noch nicht einmal mehr völlig übereinstimmen. In Erinnerungen sind wir übrigens meistens nie so peinlich, wie wir in der Realität waren. Dieser Prozess kann bis zu einem Jahr dauern. Sie erinnern sich also ja nicht an den Namen, sondern auch an das Gesicht, die Stimme, den Geruch, eine Situation. Sie müssen im Prinzip nur versuchen, einen Teil dieser Erinnerung am Zipfel zu fassen zu bekommen, um die Gesamterinnerung wieder hochzuziehen. Das ist ja eigentlich dann auch die klassische Eselsbrücke.

Ist auch die wunderbare Liebe tatsächlich nur ein elektrischer Zell-Prozess?

Ja!

Nix mit Gefühl?

Es ist zum Glück viel Unterbewusstes dabei. Nehmen wir mal an, Sie verlieben sich in eine Frau wegen ihrer blonden Haare. Das mag ja auch zum Teil so sein. Aber zum allergrößten Teil spielen ganz andere Faktoren eine Rolle. Und die Botschaft lautet: Das ist auch gut so! Wenn wir einfach strukturierten Männer uns nur nach den blonden Haaren richten würden, dann würden wir verdammt viele Fehler machen.

Aber mein Gehirn schickt mir das nicht nach vorn.

Nein, aber es ist ja trotzdem im Laden drin. Und somit auch im Entscheidungsprozess. Das Gehirn fällt einfach kluge Entscheidungen. Auch bei Männern.

Reden wir über den Nocebo-Effekt – er zeigt, wie wir trotz Beipackzettel, Röntgenbildern und Gentest gesund bleiben?

Eigentlich ist er vergleichbar mit dem Placebo-Effekt, nur eben von der anderen Seite. Placebo heißt, ich gebe Ihnen eine Tablette, ich sage, sie sei hochwirksam gegen Kopfschmerzen. Sie sind zufrieden, Sie nehmen die Tablette, ich habe einen weißen Kittel und ein tiefe Stimme, ich habe das erste graue Haar und Sie empfinden mich als seriös. Die Tablette wird eine Wirksamkeit entfalten, auch – nicht nur – unabhängig von ihrem Inhalt. Bei Nocebo passiert genau das Gegenteil. Ich gebe Ihnen eine Tablette, die hochwirksam ist. Leider muss ich Ihnen auch mitteilen, dass es Ihnen wahrscheinlich hoch-übel werden wird. Allein dadurch wird es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit passieren, dass sie sich übergeben werden. Das gilt für den Beipackzettel und für die „Apotheken-Umschau“ mit dem Artikel über die Laktose-Intoleranz, den Ihre junge Tochter gelesen hat, die genau im richtigen Alter für eine empfundene Laktose-Intoleranz ist. Will sagen: Wir haben ein Vorerfahrungsfilter und durch den gehen alle Empfindungen. Das prägt uns.

Warum können wir denn nun dennoch trotz Beipackzettel und geheimnisvolle Röntgen- und MRT-Aufnahmen gesund bleiben bzw. überleben? Durch Aufklärung?

Nein, durch Ignorierung. Also jetzt nicht völlig. Werfen Sie lieber den Zettel weg und fragen Sie den Apotheker nach den für Sie relevanten Nebenwirkungen.

Warum produziert das Gehirn im Alter mehr Gefühle?

Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber es ist so. Das merke ich auch bei mir. Nicht nur am Heiligen Abend in der Kirche bei der Mitternachtsmesse. Und wenn die dann „Stille Nacht“ spielen, gibt es verdammt viele, die zum Taschentuch greifen. Ich gehöre inzwischen dazu. Vielleicht liegt es ja daran, dass das Gehirn ein Assoziationswunder ist, das mit einem Einzeleindruck ein ganzes Bündel an Erinnerungen hervorziehen kann, dann hat das „alte“ Gehirn vielleicht noch mehr Erinnerungen parat.

Noch einmal etwas zu meiner Desillusionierung: Ist auch Kreativität nur ein biochemischer Prozess?

Tut mir ja in der Seele weh, aber Sie werden sich an den Gedanken gewöhnen müssen. Kreativität ist am Ende das Ergebnis des Zusammenspiels von 86 Milliarden Einzelspielern.

Inzwischen hat sich das Zeitgefühl bei diesem Gespräch lange verabschiedet, draußen nimmt das Licht schon ab. Wir haben ja auch noch über die im höchsten Alter geistig top-fitte Nonne gesprochen, über das Kind mit nur einer Gehirnhälfte, den eher überraschend verliehenen Preis des Urologen-Verbandes – und auch darüber, dass ein Altern des Gehirns im Grundsatz weder einer Gottesurteil noch eine medizinische Selbstverständlichkeit ist. Aber das wollen wir lieber noch einmal vertiefen.

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