Hebammen

Das größte Wunder ist ihre tägliche Arbeit

Britta Fiedler (li.) und Barbara Schelp zeigen mit ihrer Übungspuppe, wo die Säuglinge in ihrer Praxis in Sümmern gewogen werden. Angehende Eltern lernen hier, den Nachwuchs richtig zu versorgen.

Britta Fiedler (li.) und Barbara Schelp zeigen mit ihrer Übungspuppe, wo die Säuglinge in ihrer Praxis in Sümmern gewogen werden. Angehende Eltern lernen hier, den Nachwuchs richtig zu versorgen.

Foto: Alexander Barth

Sümmern.  Britta Fiedler und Barbara Schelp sind Hebammen aus Leidenschaft. Noch ist der Beruf in der Krise, Verbände sehen aber einen Aufwärtstrend.

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Wie eine Geburt angeblich abläuft, kennen wir von der Leinwand. Die werdenden Eltern rasen halsbrecherisch und grundsätzlich nachts durch Sturm und Unwetter in die Klinik, wo die Frau dann viele, viele Stunden schreit, während der Mann erst die Nerven und dann das Bewusstsein verliert. Ob irgend etwas davon der Realität entspricht und zu welchen Bedingungen Hebammen heute arbeiten, darüber haben wir mit zwei Fachfrauen aus Sümmern gesprochen.

Weg in die Selbstständigkeit

Britta Fiedler (48) und Barbara Schelp (52) sind seit Anfang der 90er Jahre im Beruf. Beide haben selbst Kinder und Erfahrungen als angestellte Hebammen in Kliniken gesammelt, in Menden, Unna und Schwerte – so haben die beiden sich kennengelernt. „Im Krankenhaus gab es immer mehr Frauen gleichzeitig zu betreuen, da wird man keiner wirklich gerecht“, fasst Britta Fiedler zusammen, wie beide die Entwicklung erlebt haben. Schließlich fassten sie den Entschluss, den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen und sind seit Ende 2018 in ihrer eigenen Praxis in Sümmern tätig. Hier bieten sie Beratung und Betreuung vor, während und bis zu zwölf Wochen nach einer Schwangerschaft an – nur die Geburt selbst überlassen sie ab jetzt anderen.

Ausbildung im Wandel

Bislang qualifizieren sich Hebammen im Rahmen einer dreijährigen dualen Ausbildung, deren Kosten die jeweilige Klinik trägt. Um eine EU-Richtlinie umzusetzen, wird die Ausbildung gerade akademisiert. „Wie die Finanzierung dann funktionieren soll und wie viele Studienplätze wir überhaupt brauchen, da lehnen sich die Politiker derzeit zurück“, kritisiert Barbara Blomeier, Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen in NRW. Wegen des hohen Praxisanteils sei es ein Ding der Unmöglichkeit, neben dem dualen Studium noch zu jobben, ein finanzieller Ausgleich sei daher unbedingt erforderlich.

Klischee und Wirklichkeit

Eine Aufzählung von Klischees aus Filmen sorgt bei den beiden für Erheiterung und viel Kopfschütteln. „Die Darstellung ist oft übertrieben, Wehen dauern meist nicht so lange. Ohne Schmerzen geht es nicht immer, aber über das Rückenmark gibt es heute Möglichkeiten, sehr wirksam zu betäuben. Wir bringen den Frauen bei, wie man dabei gut etwas aushalten kann, am Ende entscheidet jeder für sich selbst“, erklärt Britta Fiedler. Ohnmächtige Väter habe sie in 25 Jahren nur zwei Mal erlebt, ansonsten werde den Männern höchstens mal „etwas schwummerig“. Die ganze Angelegenheit sei in der Regel auch nicht so blutig, wie sie gern inszeniert wird, bemerkt Barbara Schelp: „Außerdem lernt der Partner, mit der Situation zu wachsen.“ Streit zwischen Partnern über den Namen der Kinder haben die beiden nie erlebt, Diskussionen habe es immer wieder gegeben. Das deutsche Recht räumt für die Namensfindung nach der Geburt bis zu einem Monat Zeit ein, nach Ablauf dieser Frist würde das zuständige Familiengericht tätig.

Muss man selbst Mutter sein?

Selbst Kinder gebärt zu haben sei keine Voraussetzung, um eine gute Hebamme zu sein, betonen die beiden. „Es kann von Vorteil sein, die Erfahrung selbst gemacht zu haben, auch mit der Zeit danach. Ich habe gelernt, das man das alles gut schaffen kann“, meint Britta Fiedler. Kollegin Schelp merkt an: „Müttern nimmt man eher ab, dass sie wissen, wovon sie reden. Aber letztlich ist es für jede Frau anders, deshalb ist das, was wir erlebt haben, nicht unbedingt vergleichbar.“ Der Beruf steht prinzipiell auch Männern offen – persönlich haben die beiden jedoch nie einen Entbindungspfleger, wie es korrekt heißt, kennengelernt. Vorurteile kennen die Hebammen auch in Bezug auf das Alter – Britta Fiedler hat früher am eigenen Leib erfahren, dass man leicht „als junges Mädchen abgestempelt“ wird.

Talsohle ist durchschritten

Die Kreißsäle schließen schneller, als die Zahl der Geburten sinkt – wenn sie nicht sogar wieder steigt. Auf der „Landkarte der Unterversorgung“ des NRW-Verbands taucht auch der Raum Iserlohn auf. Am schwersten litten Freiberufler zuletzt unter dem Problem der Haftpflichtabsicherung. „Wenn etwas passiert, kann der Schaden in die Millionen gehen“, verdeutlicht Barbara Schelp das Risiko. Die massiv gestiegenen Prämien haben viele Hebammen aus dem Beruf gedrängt, inzwischen hat der Gesetzgeber mit dem sogenannten „Sicherstellungszuschlag“ für ein Pflaster gesorgt. Der NRW-Verband verzeichnet aktuell eine Stagnation beim Rückzug, stellenweise sogar wieder zunehmend freie Angebote. „Auch die Schulen melden steigende Anmeldezahlen. Der Beruf wird wieder attraktiver“, sagt Barbara Blomeier.

Schwere Entscheidungen

Um die 2000 Schwangerschaften haben Britta Fiedler und Barbara Schelp schon begleitet. Totgeburten, Erbkrankheiten und schwere Behinderungen seien seltene Ausnahmen gewesen, aber jede Hebamme kenne Situationen, in denen Eltern vor unmöglichen Entscheidungen stehen. „Auch wenn wir privat anderer Meinung sind, bleiben wir im Beruf immer neutral“, betont Britta Fiedler. Wirklich zur Routine werde die Tätigkeit nie: „Ein Wunder wird es immer bleiben.“ Barbara Schelp verrät: „Manchmal habe ich dabei immer noch Herzklopfen.“

Rollenbilder und Migration

Hebammen stehen bei den sich verändernden Rollenbildern an vorderster Front. „Die Väter bringen sich mehr ein. Oft müssen sie das, weil die Frau selbst berufstätig ist“, berichtet Britta Fiedler. Die Geduld der Eltern nehme spürbar ab, das Projekt Nachwuchs solle sich in die Pläne der Eltern einfügen: „Das ist aber oft nicht so einfach, bei einer Schwangerschaft geht nun mal nicht alles schnell-schnell.“ Frauen hätten es immer noch schwer, nach dem Erziehungsurlaub wieder in den Beruf einzusteigen: „Manche unterschätzen das.“ Auch soziale Entwicklungen wie die gestiegene Migration beeinflusst den Alltag von Hebammen. „Man spricht nicht immer die gleiche Sprache und muss sich auf andere Gewohnheiten einstellen“, berichtet Barbara Schelp. Männer, die ihre Ehefrauen bei der Geburt nicht nackt sehen wollten hat sie genau so erlebt wie Frauen, denen sie erklären musste, warum sie für die Operation ihr Kopftuch ablegen sollten. „In muslimischen Familien sind oft viel mehr Verwandte dabei, das kann schon mal eng werden“, nennt sie einen weiteren Unterschied.

Steigende Erwartungen

Das Projekt Fortpflanzung nehmen die Deutschen seltener in Angriff als früher, dafür aber mit einer wachsenden Erwartungshaltung – was nicht immer gut ist, weiß Barbara Schelp aus Erfahrung. „Der Trend geht immer mehr zu dem einen Wunschkind, bei dem soll alles genau so laufen, wie die Eltern es sich vorstellen. Meist geht das schief.“ Angehende Mütter und Väter würden sich heute über das Internet mehr vorab informieren, brächten aber gleichzeitig weniger Wissen und mehr Ängste mit. „Das hat damit zu tun, dass die Familien isolierter leben, früher haben die Frauen sich mehr Tipps aus der Verwandtschaft geholt. Außerdem haben die Menschen ein Stück weit verlernt, auf ihr Bauchgefühl zu hören“, meint die 52-Jährige. Ihre Kundinnen bräuchten daher zunehmend emotionale Unterstützung und Rückversicherung. Das mache den Beruf aber auch so erfüllend: „Es ist einfach schön, wenn man so viel Vertrauen in einer so wichtigen Phase des Lebens ausgesprochen bekommt“, sagt Barbara Schelp, und Britta Fiedler nickt wissend.

>>> Ein lukrativer Beruf? Was Hebammen verdienen

Das Bruttoeinstiegsgehalt einer angestellten Hebamme liegt nach TVöD bei knapp 2800 Euro, das sind etwa 1750 netto bei Steuerklasse 1. Dazu kommen Nacht-, Schicht- und Sonderzuschläge. Viele Kliniken haben allerdings Haustarife mit niedrigeren Gehältern.

Freiberufliche Hebammen arbeiten nach einem Vergütungskatalog. Beispiele (in Euro): Geburt im Krankenhaus (165,60), im Geburtshaus (526,38), zu Hause (638,75), Vorsorgeuntersuchung (30,92), Wochenbettbesuch zu Hause (38,46).

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