Iserlohner Auswanderer

„Das Land ist seit Jahren extrem gespalten“

Vor einem Jahr nahm der in die USA ausgewanderte Iserlohner Uwe Wernekinck an einer Konferenz in Washington teil. Dabei besuchte er auch das Weiße Haus, das in der vergangenen Woche von Trump-Anhängern gestürmt worden war.

Vor einem Jahr nahm der in die USA ausgewanderte Iserlohner Uwe Wernekinck an einer Konferenz in Washington teil. Dabei besuchte er auch das Weiße Haus, das in der vergangenen Woche von Trump-Anhängern gestürmt worden war.

Foto: Privat / IKZ

Iserlohn/Columbus.  Die USA-Faszination hat sich der Iserlohner Auswanderer Uwe Wernekinck seit seinem Austauschjahr erhalten. Er lebt seit 2014 in Ohio.

„Die Ereignisse in Washington haben mich schockiert, aber sie haben mich nicht überrascht. Seit der Wahl im November herrscht Frust auf beiden Seiten.“ So beschreibt der Iserlohner Uwe Wernekinck (31) auf Anfrage der Heimatzeitung, für die er 2006/2007 berichtet hat, die Großwetterlage in den USA nach der Eskalation rund um das Kapitol. „Unterstützer der Demokraten sehen, wie Trump momentan versucht, die Ergebnisse der Wahl zu manipulieren und an der Macht festzuhalten. Unterstützer der Republikaner sind der Meinung, dass Joe Biden die Wahl durch Manipulation von Trump ,gestohlen‘ hat.“

Der Psychologe und Sozialarbeiter wanderte 2014 in die USA aus, wo er seine amerikanische Freundin Allison im Dezember standesamtlich heiratete und im Sommer danach mit einem großen Fest feierte. „Die Faszination Amerika hatte ich immer schon - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, gesteht Wernekinck.

Rückblende: 2006 war der damalige Stenner-Gymnasiast ein Jahr als Austauschschüler in Tiffin, Ohio. Damals berichtete er als „Junior-Botschafter“ und Mitglied unseres Projektes „Zeitung in der Schule“ über seine USA-Erfahrungen. Seither führte er auch eine Fernbeziehung zu einer damaligen Mitschülerin im Austauschjahr. Am Stenner-Gymnasium war er bis zum Abitur 2009 zwei Jahre Schülersprecher. Dann machte er den Bachelor- und Master-Abschluss in Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Seit seiner Auswanderung in die USA lebt er mit seiner Frau Dr. Allison Gase Wernekinck in Columbus, der Hauptstadt von Ohio. Der 31-jährige Deutsch-Amerikaner ist stolzer Besitzer einer Greencard. In seiner neuen Heimat arbeitete er zuerst zwei Jahre als Suchttherapeut, „da Ohio seit Jahren von der Opioid-Epidemie betroffen ist und vor allem Schmerzmittel wie Oxycontin und Drogen wie Heroin und Fentanyl ganze Familien und Gemeinden zerstört haben“.

Seit 2018 ist er Doktorand an der Ohio State University in sozialer Arbeit mit Forschungsschwerpunkt auf Sucht und Trauma. Seine Frau Dr. Allison Gase Wernekinck arbeitet als Assistenzärztin im zweitgrößten Krankenhaus in Columbus.

„Das Land ist seit Jahren extrem gespalten“, weiß der Auswanderer. „Das war schon unter Obama so, aber wurde durch Trump noch deutlicher. Nicht nur polarisiert bezüglich Trump, sondern auch bei Themen wie Corona und Black Lives Matter.“ Er gibt Medien wie den Fernsehsendern MSNBC und Fox News Schuld an der Spaltung, weil sie „mit ihrer subjektiven und sehr verzerrten Berichterstattung viel Schaden anrichten“.

Uwe Wernekinck beschreibt die aktuelle Stimmung als „Mix aus Schock, Wut, Angst, Bestürzung und Verwirrung“: „Die Linke hat Angst, dass die USA durch Trump in eine Autokratie abrutschen werden. Die Rechte hat Sorge, dass Sozialismus und Kommunismus sich unter Biden verbreiten. Mehr und mehr Amerikaner rücken zwar von Trump ab, aber seine Basis verliert er nicht, egal was er auch tut.“ Nach seiner Einschätzung nutzen rechte Truppen wie die „Proud Boys“ die Situation für ihre Zwecke aus. Einige Unterstützer von Trump seien überzeugt, dass der Sturm aufs Kapitol von der Organisation Antifa durchgeführt wurde.

„Meiner Meinung nach wird die Polarisierung nicht verschwinden, auch nach der Trump-Ära nicht“, mutmaßt Uwe Wernekinck. „Die Menschen, die sich von Trump angesprochen und verstanden fühlten, werden bleiben. Und sie werden Biden höchstwahrscheinlich nicht als ihren Präsidenten anerkennen.“ Trump habe den Frust und die Politikverdrossenheit verstanden und zu seinem Vorteil genutzt. Die Probleme, die zu der Entwicklung geführt haben, bleiben weiterhin, schätzt der Deutsch-Amerikaner. Die Demokratie der USA werde in den kommenden Jahren auf die Probe gestellt werden. „Momentan bin ich nicht sicher, was passieren muss, damit die Seiten sich versöhnen“, gibt sich Wernekinck ratlos.

Der Iserlohner versteht sich als amerikanisierter Deutscher. Er will versuchen, die doppelte Staatsbürgerschaft zu erhalten: „Durch die aktuellen Entwicklungen halte ich es für unklug, die deutsche Staatsbürgerschaft abzugeben“, befürchtet er weitere Eskalationen im Land.

Glauben Sie, dass es zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump kommt?

Ja und nein, die Demokraten werden zwar ein zweites Impeachment ins Rollen bringen, aber ich glaube nicht, dass es zu einer Enthebung aus dem Amt kommen wird, vor allem aus zeitlichen Gründen. Aufgrund von Trumps narzistischen Persönlichkeitsmerkmalen glaube ich auch nicht, dass er freiwillig zurücktreten wird, er hat in den letzten Jahren dutzende Male gezeigt, dass er nicht in der Lage ist, Fehler einzugestehen und Verantwortung zu übernehmen.

Kann die neue Regierung unter Joe Biden es schaffen, Ruhe und Frieden herzustellen?

Joe Biden wird es extrem schwer haben, Gewalt könnte unter Biden weiter eskalieren, da ihn viele nicht als den rechtmäßigen Präsidenten anerkennen werden, es gibt ein fehlendes Vertrauen in die Politik und den Staat, ich befürchte, dass der Spieß sich umdrehen wird. Nachdem die Hälfte der Amerikaner sich nicht von Trump repräsentiert fühlten, wird es in den kommenden vier Jahren andersrum aussehen, Biden und Harris werden es extrem schwer haben, die USA zu vereinen. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass langfristig die amerikanische Demokratie Oberhand gewinnen wird.

Und allgemein? Ist Amerika Ihre neue Heimat geworden? Kommen derzeit Zweifel daran auf?

Ja, die USA sind definitiv meine neue Heimat. Ich wohne jetzt seit über sechs Jahren hier; während meines Austauschjahres war ich ein Jahr lang Gast, jetzt bin ich Bewohner (resident), auch wenn ich weiterhin den deutschen Pass habe. Trotzdem gehen mir natürlich Gedanken durch den Kopf wie: Was würde ich machen, wenn ein Bürgerkrieg losgehen würde? Die Ereignisse in Washington haben gezeigt, wie groß der Frust und die Wut sind. Diese Wut wird auch nicht einfach verschwinden, sobald Trump aus dem Weißen Haus ausgezogen ist.

Was macht Corona bei Ihnen und Ihrer Umgebung?

Corona ist natürlich auch hier ein Problem, auch wenn viele das immer noch nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Die Krankenhäuser in Columbus sind voll, die Ärzte und das Pflegepersonal sind überarbeitet, das Krankenhaus in dem meine Frau arbeitet (über 1000 Betten), ist an der Kapazitätsgrenze. Viele sind frustriert, dass Corona immer noch nicht ernst genug genommen wird, auch das ist durch Trump mitverschuldet. Ich bin der Meinung, dass Trump die Wahlen hätte gewinnen können, wenn er ein besseres Krisenmanagement an den Tag gelegt hätte. Es war eine Aufgabe, der er nicht gewachsen war, anfangs war Corona nur ein Problem in den Städten. Aber mittlerweile sind auch die ländlichen Regionen stark betroffen. Viele setzen viel Hoffnung auf die Impfung, aber gleichzeitig sind auch viele nicht sicher, wie sicher die Impfung ist. Meine Frau wurde vor Weihnachten geimpft und hat die Impfung gut vertragen und bekommt heute die zweite Impfung. Ich beginne diese Woche mein zweites Semester, das komplett online stattfindet, alle Seminare per Zoom, als Therapeut sehe ich vor allem, was Corona mental bei vielen Menschen anrichtet. Psychische Probleme nehmen zu, die Ungewissheit richtet viel Schaden an. Aber gleichzeitig hat Corona auch das Solidaritätsbewusstsein der Amerikaner offen gelegt: Der Großteil der Bevölkerung versteht, dass man Corona nur gemeinsam bekämpfen kann. In Ohio gibt es den Slogan ,we are in this together', der Großteil der Menschen trägt Masken und hält sich an ,social distancing'.

Wie sieht es in Ihrer amerikanischen Community/Familie aus?

Viele meiner Freunde und Kollegen sind froh, dass Biden die Wahl gewonnen hat, Columbus ist deutlich liberaler als die ländlichen Regionen in Ohio. Vor der Wahl sah man in den Städten vorwiegend Plakate für Biden/Harris und auf dem Land überwiegend die Trump-Flaggen mit Slogans wie ,Keep America Great'. Auch in der Familie meiner Frau gibt es Mitglieder, die überzeugt sind, dass Trump die Wahl eigentlich gewonnen hat, und dass er einer der besten Präsidenten der Geschichte der USA war. Leider wird es immer schwieriger, nutzbringende politische Diskussionen mit Freunden und Familien zu führen, weil die Überzeugungen auf unterschiedlichen Fakten und Annahmen beruhen, es scheint manchmal, als würden die Menschen in unterschiedlichen Realitäten leben, abhängig davon, welchen Nachrichtensender sie schauen.

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