Drüpplingser Gefängnis

„Das sind harte Schicksale hier“

Dieter Reinecke (li.) ist der älteste Mieter in den Dienstwohnungen an der JVA. Günter Fornahl

Dieter Reinecke (li.) ist der älteste Mieter in den Dienstwohnungen an der JVA. Günter Fornahl

Foto: Frank Jungbluth

Drüpplingsen.   Dieter Reinecke (79) ist der älteste Mieter in den Dienstwohnungen an der JVA. Heute Abend wird auch über seine Zukunft verhandelt.

Irgendwo in der Küche ist er noch, der alte Alarmknopf: „Wenn’s in der Nachtschicht einen Ausbruch gab, dann waren zehn Mann ruckzuck zur Stelle“, erinnert sich Dieter Reinecke. Der 79-Jährige war Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes in der Jugendstrafanstalt Drüpplingsen. Er wohnt in einem weißen alten Haus im Gemarkenweg seit 1971. Vom Garten aus kann er die Mauer des Gefängnisses sehen. Sein Sohn ist hier aufgewachsen, im Sommer soll er ausziehen. „Meine Frau belastet das sehr“, erzählt er.

Das Haus, in dem Reinecke wohnt, ist zusammen mit 43 anderen im Gemarkenweg und im Schmerbruch gebaut worden, als das Land Nordrhein-Westfalen auch die Justizvollzugsanstalt in Drüpplingsen baute. Die Vollzugsbeamten zogen ein, bevor die ersten Gefangenen kamen. „Damals machte das Sinn, dass wir hier gewohnt haben, denn wir waren so schnell zur Stelle, wenn wieder Alarm war in der JVA; und das war oft so“, erinnert sich auch Günter Fornahl. Er ist 69 Jahre alt. Er war auch Vollzugsbeamter, wie Dieter Reinecke kennt er fast alle Nachbarn in den Häusern und Wohnungen am Drüpplingser Gefängnis.

Die beiden Pensionäre haben Ausbrüche und Gewalttaten im Knast erlebt, auch eine Geiselnahme. „Die Inhaftierten hatten vor fast 50 Jahren keine guten Aussichten auf die Zukunft, da gab es viel Gewalt. Das ist heute anders“, wissen sie. Reinecke sucht seit Monaten für sich und seine Frau eine neue Wohnung. Eine zu finden, sei nahezu aussichtslos. „Der Markt ist eng, ich erlebe, dass Wohnungen rar und nahezu unbezahlbar sind.“

Im Garten von Dieter Reinecke hüpft ein Rotkehlchen durchs Beet, der Frühling erwacht. „Meine Frau fragt sich, ob das unser letzter Sommer hier sein wird“, sagt er. Für sie sei das alles zu viel. „Dazu kommt, dass man nicht mehr so fit ist. Es ist für viele hier eine unglaublich große Belastung, das sind harte menschliche Schicksale, die man hier erleben muss“, erzählen Reinecke und Fornahl von der Zeit seit Oktober 2018, als man den Mietern, 144 Menschen leb(t)en hier, die Kündigungen gebracht hat.

Die beiden kennen die Geschichte des Kollegen, der in seiner Verzweiflung gesagt habe, er bringe sich eher um, als auszuziehen. Sie kennen die Geschichte eines anderen, der vor kurzem nach schwerer Krankheit verstorben ist, und den nicht losgelassen hat, was aus seiner Frau und seiner Tochter werden soll, wenn sie das Haus verlassen müssen. „Man kann es nicht verstehen, dass hier Wohnraum platt gemacht werden soll, während man überall hört, wie viele Wohnungen fehlen, und dass man eher mehr neue bauen müsse.“

Hans-Erich Maus-Jahnke, einer der Rebellen unter den Mietern der Dienstwohnungen im Schatten der Gefängnismauer, hat einen verzweifelten Appell an die Fraktionen im Rat der Stadt geschrieben, die sich heute Abend ab 17 Uhr mit Vertretern des Bau- und Liegenschaftsbetriebes im Iserlohner Rathaus treffen. Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens ist dabei, Stadtbaurat Thorsten Grote, Alexandra Schroven für die Drüpplingser Dorfgemeinschaft, Ministeriale aus Düsseldorf. „Lassen sie die Menschen hier nicht im Stich, geben sie Ihnen den Glauben an die Politik und die Parteien zurück.“

Nur noch 27 der 44 Wohnungen seien bewohnt, viele Mieter würden dem Druck nachgeben, bis Dienstag, 12. März, ihre Zustimmung zum Auszug – verbunden mit einer Prämie – zu unterschreiben. „Viele haben dafür unterschrieben, obwohl sie noch keine neue Wohnung haben“, weiß er.

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