Glaube

Den Menschen Raum geben, sie selbst zu sein

IKZ Entwicklung der Konfessionszugehörigkeit in Iserlohn

IKZ Entwicklung der Konfessionszugehörigkeit in Iserlohn

Foto: IKZ

Iserlohn.  Die Prognosen für die Mitgliederentwicklung der Kirchen sind seit langem düster. Dennoch gibt es vieles, dass Hoffnung macht.

Gerade hat der junge Mann seinen ersten Beitrag zum Gespräch geleistet. Er hat davon gesprochen, wie es gehen kann, wie man junge Menschen einbeziehen kann, wie man sie Kirche gestalten lassen kann, wie man Überraschung hervorrufen kann, weil Kirche dann, wenn man sie selber mitgestaltet, so überhaupt nicht verstaubt und lebensfremd sein muss. Da platzt es förmlich aus Johannes Hammer heraus, dem Leiter des katholischen Iserlohner Pastoralverbundes (PV). Und er erzählt, wie Arthur Gorny, 27, Gemeindereferent beim PV, einmal mit Jugendlichen über das Thema Instagram gesprochen habe. „Ich weiß, Euch ist ein guter Status wichtig. Und dass andere ihn sehen. Gott sieht Euch auch so. Er weiß, wer ihr seid“, habe er gesagt. „Das hätte ich nie so gut erklären können“, freut er sich.

Wenn man Johannes Hammer und Arthur Gorny auf der einen und Superintendentin Martina Espelöer sowie Pfarrer Tom Mindemann, 37, vom Evangelischen Kirchenkreis auf der anderen Seite des Tisches so reden hört, so könnte man meinen, es gebe sie alle nicht, diese Probleme, die sich ewig wiederholenden Nachrichten vom Mitgliederschwund bei den Kirchen, dem Mangel an jungen Engagierten, vom Bedeutungsverlust des Glaubens. Nicht weil sie sie wegdiskutieren wollten, sondern weil sie trotz alledem auch so viel Gutes erkennen können. „Es wird nicht schlechter, es wird anders“, sagt Hammer.

Studie sagt minus 50 Prozent Mitglieder bis 2060 voraus

Dass es anders wird und die Frage nach dem „Wie“ – dies waren zwei Gründe für die Heimatzeitung, zum Gespräch einzuladen. Ein anderer war die „Projektion 2060“. Der Hochrechnung zufolge sollen die evangelischen Landeskirchen und die Bistümer der katholischen Kirche in Deutschland bis zum Jahr 2060 rund die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren. Und dementsprechend auch rund 50 Prozent weniger Geld in der Kasse haben.

„Ich möchte nicht über den Regen jammern, der erst 2060 fällt“, sagt Martina Espelöer zu der Studie. „Wir sollten nicht in Katastrophenstimmung verfallen, sondern schauen, wie wir zu den Menschen kommen.“

Zu den Menschen kommen – das geht häufig am einfachsten bei Feiern. Taufe, Hochzeit, Konfirmation, Firmung. Doch es gibt auch Kritik, weil mancher hier eher das Event schätzen soll als den religiösen Aspekt. Schließlich heiratet es sich in einer Kirche ja deutlich schöner als nur auf dem Standesamt.

„Ich glaube, man kann da Form und Inhalt nicht trennen. Dann ist eben eine Trauung meinetwegen ein Event. Von mir aus“, widerspricht Mindemann dieser Sichtweise. „Wenn ich mit den Paaren die Vorbereitung mache, gehen wird das Punkt für Punkt durch. Das Optische. Und auch die Bedeutung.“

Johannes Hammer pflichtet bei. Und sagt im Hinblick auf die Event-Kritik: „Mit dieser Einstellung wäre ich verkehrt in unserem Haus.“

Kein Problem des Glaubens, sondern Zweifel an Institution

Die Austritte aus den Kirchen indes, glaubt Martina Espelöer, seien ursächlich meist auf die Institution Kirche bezogen. Weniger sei der fehlende Glaube die Ursache. „Es gibt den Wunsch nach Religion und Frömmigkeit.“ Dies habe auch zuletzt der Kirchentag in Dortmund gezeigt. Aber auch eine sinkende Bereitschaft der Menschen, sich an Institutionen zu binden, sei ein Faktor, der ja nicht nur die Kirche betreffe.

Dass die sinkende Mitgliederzahl auch für Iserlohn nicht folgenlos bleiben werde, darin besteht in der Runde kein Zweifel. 2015 etwa musste die Adventskirche in Dröschede aufgegeben werden. „Das, was jetzt schon passiert, wird weiter passieren“, sagt Martina Espelöer. Vor den Kirchen werde es wohl zunächst Gemeindehäuser treffen. „Präsenz in der Fläche ist wichtig.“ Doch es fehle an Personal, vor allem an Pfarrern und Pfarrerinnen.

Auch Johannes Hammer glaubt, die Kirche brauche Sichtbarkeit. Der ewige Blick auf Statistiken sei ihm zu defizitorientiert. „Was ich nicht mache, ist ,Zählsorge’. Ich bin Seelsorger.“

Was aber kann Kirche anders machen? Muss Kirche etwas anders machen?

Geht es ums Zuhören? Weniger Institution zu wagen?

„Ich stelle fest, dass ich in meinem Beruf als Seelsorger zunehmend Zeit damit verbringe, Dinge laut gut zu finden“, sagt Mindemann. Also Wertschätzung auszudrücken? „Den Begriff finde ich irgendwie zu ,churchy’ (frei übersetzt: kirchenmäßig, altbacken)“, sagt Mindemann, jüngster männlicher Pfarrer im Kirchenkreis, der auch schon mal an einem Preacher-Slam teilgenommen hat, wo Pfarrer gegen Poetry-Slammer antreten.

Also geht es einfach nur ums Zuhören? Weniger Institution wagen? Sollten Kirche und Glauben ein eher loses Angebot sein?

Mindemann findet auch den Begriff „Angebot“ ebenfalls ein wenig „churchy“. „Wir sollten nicht etwas für die Menschen machen, sondern mit ihnen“, schiebt er als Begründung hinterher.

Womit wir wieder bei dem 27-jährigen Arthur Gorny wären, einem der jungen Menschen, die noch eine ganze Weile die Zukunft der Kirche in Iserlohn gestalten werden. „Ich habe früh gelernt, das Wort ,müssen’ aus meinem Wörterbuch zu streichen“, meint er.

Einfach man selbst sein können. „Das ist so wertvoll“

Bei der Firmvorbereitung etwa, wenn die jungen Menschen ins Reden kämen, kämen oft auch sehr persönliche oder kirchenferne Themen zur Sprache. Ein Gespräch über eine Trennung. Den Tod. Mal einen Brief an die verstorbene Mutter schreiben. Dinge tun, die man an anderer Stelle vielleicht nicht tun kann. „Wir müssen den Menschen einen Raum geben, wo sie sie selbst sein können“, sagt er. „Das ist so wertvoll.“

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