Ausstellung

Den Opfern eine Stimme geben

In der Erlöserkirche zeigten Künstlerinnen ihre Arbeiten zum Thema „Sexuelle Gewalt in der Kindheit“. Das Konzept stammt von Ulrike Langguth, die auch selbst ihre Objekte ausstellte. 

In der Erlöserkirche zeigten Künstlerinnen ihre Arbeiten zum Thema „Sexuelle Gewalt in der Kindheit“. Das Konzept stammt von Ulrike Langguth, die auch selbst ihre Objekte ausstellte. 

Foto: Miriam Mandt-Böckelmann

Iserlohn.   Iserlohner Künstlerinnen und Pfarrer Dr. Gottfried Abrath engagieren sich gegen sexuellen Missbrauch.

Zahlen helfen, wo Worte für den Anfang fehlen: Laut Statistik des Bundeskriminalamts wurden 2018 insgesamt 13.683 Kinder als Opfer sexuellen Missbrauchs erfasst. Im Jahr zuvor waren es 12.850. Und jetzt? Wie weitermachen nach dem Grauen? Nicht schweigen, sondern daraus Kunst machen. Denn Kunst darf alles, nur eines nicht: Sich raushalten.

Ulrike Langguth, freischaffende Künstlerin aus Iserlohn, hat sich das zu Herzen genommen und die Benefizveranstaltung „Sogar Kinder!“ in der Erlöserkirche konzipiert und mit anderen engagierten Künstlern aus der Region auf die Beine gestellt. Der Erlös soll für konkrete Projekte in der Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt in der Kindheit gespendet werden. Ulrike Langguth in ihrer Einführung: „Bei diesem Thema entstehen oft Mauern der Sprachlosigkeit, des Schweigens. Diese Mauern schützen die Täter und ermöglichen so, dass die unfassbaren Taten über Jahrzehnte oder für immer ungeahndet bleiben – während die Opfer mehr und mehr unter den Folgen leiden. Ein Leben lang!“ Vor zwölf Jahren war Langguth durch eine bedrückende Begegnung der erste Gedanke zu einer solchen Veranstaltung gekommen, und nun hat die Idee in unterschiedlichen Kunstobjekten, Texten und Musikstücken Gestalt angenommen. Die Präsentation, eher Aktionskunst als Ausstellung, rührte die Besucher tief. Gefangen wurde der erste Blick durch zwei große Mädchen-Porträts auf weißen Stoffbahnen im Altarraum der Kirche: „Hannah“ und „Miriam“ stammen von der jungen und sehr begabten Malerin und Tänzerin Sarah Jil Niklas aus Schwerte, die in Iserlohn ihr Atelier hat. Die beiden Kindergesichter zeigen eine abgrundtiefe Traurigkeit, einen starren Blick, wo alle Tränen längst versiegt sind …

Puppen als Symbole fürden kindlichen Frieden

Über den Köpfen schwebte eine Kunstinstallation mit Puppen (Gestaltung: Erdmute Gaiser-Küper, Renate Sommerfeld, Dorothea vom Hofe-Hecht) in weißen Taufkleidern als Symbol der Reinheit. Dazu erklangen Kinderlieder. „Wir haben die Puppen absichtlich so hoch gehängt, damit sie für Täterhände unerreichbar bleiben“, erklärte die Initiatorin. Die Puppen stünden für den kindlichen Frieden, das Vertrauen in die Welt, das durch sexuellen Missbrauch jäh zerstört werde. Dieses „herausgerissen sein aus der Welt“ behandelte auch die Iserlohner Autorin Beate Assmann in ihrem Text „ES“. Darin der verzweifelte Wunsch des kleinen Lorenzo, der um seine tote Mutter trauert: „Es hätte ein Ende, und sie käme zurück.“ Doch das Grauen hat viel zu selten ein Ende, manchmal geht es über Jahre, Jahrzehnte. Kalligraphin Ursula Beck aus Iserlohn hat die Folgen des Missbrauchs anhand eines Textes der Sängerin Bettina Wegner kunstvoll gestaltet. Im Lied „Kinder“ heißt es: „Sind so kleine Seelen, offen und ganz frei. Darf man niemals quälen, geh’n kaputt dabei.“

Brutaler Riss symbolisiertdie nie verheilende Narbe

Dieser Zerrissenheit näherte sich auch Ulrike Langguth mit ihren Licht-Objekten an, die auf dem Altar Platz gefunden hatten. „Die weißen Quader sollen eine Seele darstellen. Auf der Vorderseite zeigt ein brutaler Riss, der grob und notdürftig zusammengenäht ist, den Missbrauch“, so die Künstlerin. „Er wird niemals verheilen. Diese Narbe wird bleiben!“ Tief drinnen, versteckt von der Fassade der scheinbar heilen Welt. Das zeigte auch das Bild der gebürtigen Iserlohner Kinderbuchillustratorin und Autorin Sonja Danowski, die heute in Berlin lebt. Es zeigte eine junge, in sich gekehrte Frau, deren trauriger Blick in die Ferne schweift. Was sie dort sieht? Womöglich ist es die Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben.

Ulrike Langguths Dank galt der Kirchengemeinde der Evangelischen Erlöserkirchengemeinde und ganz besonders Pfarrer Dr. Gottfried Abrath, der den Mut bewiesen habe, die Türen seiner Kirche für die Ausstellung zu öffnen. Und nicht nur das: Im anschließenden Gottesdienst fand er offene Worte gegen sexuellen Missbrauch und schonte dabei auch seine Kirche nicht. Denn Missbrauch ist nicht nur ein Problem des katholischen Klerus. Der Pfarrer las einen alttestamentarischen Text aus dem Zweiten Buch Samuel, Kapitel 13. Darin geht es um den sexuellen Missbrauch von Amnon, Sohn des König David, an seiner jungen Schwester Tamar. Tamar fleht den Bruder an: „Nein, mein Bruder, entehre mich nicht! So etwas tut man in Israel nicht. Begeh keine solche Schandtat!“, aber er hört nicht auf sie. Später schämt er sich für seinen Missbrauch und verstößt die Schwester. Der einzige Rat, den ihr ein anderer Bruder gibt: „Sprich nicht darüber, meine Schwester, er ist ja dein Bruder. Nimm dir die Sache nicht so zu Herzen!“ Missbrauch und eine Mauer des Schweigens in der Bibel. Und wie reagiert König David? Er wird zornig, aber er bestraft Amnon nicht, weil er sein Erstgeborener ist. Pfarrer Abrath erklärte dazu: „Auch hier sollte der Missbrauch ein Geheimnis bleiben, aber die Bibel deckt auf! Und auch so sollen wir hinsehen, aufdecken und die Taten nicht mehr verharmlosen. Anders als König David darf die Gesellschaft nicht mehr schweigen! Wir müssen sagen: ,Das passiert nicht in unserem Land!´“ Man müsse den Missbrauch dokumentieren und öffentlich machen, an der Seite der Opfer stehen und die Täter schwer bestrafen. „Die Opfer brauchen den ganzen Einsatz des Staates, der karitativen Hilfsstellen und der Kirchen. Lasst uns zur Stimme für die Opfer werden und ihnen ihre Würde wiedergeben!“, so sein eindringlicher Appell.

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