NS-Verbrechen

Der gute Arzt und das große Sterben

Dr. Walter Wehner und SPD-Ratsfrau Annegret Simon an der Hugo-Fuchs-Allee

Dr. Walter Wehner und SPD-Ratsfrau Annegret Simon an der Hugo-Fuchs-Allee

Foto: Frank Jungbluth

Iserlohn.   Dr. Hugo Fuchs, der bis 1945 das Krankenhaus Bethanien leitete, soll in die Morde der Nazis an Kranken und Behinderten verstrickt sein.

Für Dr. Walter Wehner ist es eine Frage der Gerechtigkeit. „Es kann nicht sein, dass nach diesem Mann noch eine Straße benannt ist“, sagt er. Er ist überzeugt, dass Dr. Hugo Fuchs, bis 1945 Chefarzt des Bethanien-Krankenhauses, tief verstrickt war in die Mordserie der Nationalsozialisten, die „unwertes Leben“, wie sie Menschen mit Behinderungen verächtlich nannten, zehntausendfach vernichtet haben. „Für mich steht das nach meiner Forschung im Bundesarchiv fest“, sagt Wehner. Deshalb hat die SPD-Fraktion den Antrag gestellt, dass der Name Hugo Fuchs aus dem Straßenbild der Stadt verschwinden möge.

Hugo Fuchs sei ein guter Arzt gewesen, er habe vor allem Frauen in medizinischen Notlagen geholfen, heißt es, wenn man über den 1956 verstorbenen früheren Chefarzt des Evangelischen Krankenhauses Bethanien spricht.

„Hugo Fuchs hat mitgeholfen, dass Menschen getötet wurden, vergast, dass man sie verhungern ließ“, sagt Dr. Walter Wehner, der den Antrag der SPD gemeinsam mit der Ratsfrau Annegret Simon, stellvertretende Vorsitzende des Kulturausschusses, geschrieben hat. „Wer heute noch sagt, Dr. Fuchs sei an diesen Untaten nicht beteiligt gewesen, der liegt falsch. Ich bin bei meinen Recherchen über die Biografie der Ratsfrau Clementine Varnhagen darauf gestoßen, dass das Krankenhaus Bethanien in Morde im Rahmen der ,Euthanasie’ verwickelt ist. Hugo Fuchs soll also nicht nur beteiligt gewesen sein, er war als verantwortlicher Chefarzt dieser Klinik beteiligt“, macht Wehner deutlich.

„Gerade in diesen Zeiten“, sagt Annegret Simon, „wo rechte Kräfte wieder stärker werden und Gehör finden, wo gehetzt wird und ausgegrenzt, müssen wir mit einer Straßen-Neubenennung wie im Fall der Hugo-Fuchs-Allee auch ein Zeichen setzen“.

„Dr. Hugo Fuchs war ab 1936 während der Zeit des Nationalsozialismus Chefarzt des Bethanien. Im Zuge der Umsetzung des ,Gesetzes zur Verhütung erkranken Nachwuchses’ führte er Zwangssterilisationen an Menschen durch, die als asozial, schwer erziehbar oder hysterisch galten“, sagt Wehner.

200 Opfer aus Iserlohn zwischen 1936 und 1945

„Nach aktuellen Erkenntnissen fielen in Iserlohn 200 Menschen der Durchführung dieses Gesetzes zum Opfer“, fassen Annegret Simon und Walter Wehner im Antrag ihrer Fraktion zusammen. Schlimmer noch: „Im Rahmen der so genannten Aktion T4 wurden nach Auskunft der heutigen Gedenkstätte Hadamar in die damalige Tötungsanstalt in der südhessischen Stadt mindestens 42 Patienten aus Iserlohn überstellt und dort getötet.“ Im Jahr 1941 seien zwölf Menschen in der Gaskammer ermordet worden, zwischen 1942 und 1945 seien weitere 30 Iserlohner durch überdosierte Medikamente, Hungerkost und vorenthaltene medizinische Versorgung umgebracht worden.

Das Handeln von Dr. Fuchs als Chefarzt des Krankenhauses Bethanien stelle deshalb nicht nur in der heutigen rückblickenden Betrachtung der Ereignisse ein grauenvolles und von Menschenverachtung geprägtes Tun dar. Für Dr. Walter Wehner ist nach seinen Nachforschungen sicher: „Er war Verrichtungsgehilfe der nationalsozialistischen Krankenmorde. Unter seiner Verantwortung und durch sein eigenes Handeln wurden in seiner Zeit als Chefarzt von 1936 bis 1945 Körperverletzungen durchgeführt und – sehr viel schwerwiegender – die Grundlage für systematische Morde an als minderwertig eingestuften Menschen geschaffen.“

Der Hauptausschuss des Rates berät den SPD-Antrag in seiner nächsten Sitzung am Dienstag, 22. Januar, um 17 Uhr im Ratssaal.

Leserkommentare (4) Kommentar schreiben