Serie „Nachhaltig leben“

Der lange Weg zu einem plastikfreien Leben

Handgemachte und damit umweltschonende Produkte wie diese Handcreme findet man im Haushalt von Steffi Albedyhl zuhauf.

Handgemachte und damit umweltschonende Produkte wie diese Handcreme findet man im Haushalt von Steffi Albedyhl zuhauf.

Foto: Michael May

Iserlohn/Hemer.   Die gebürtige Iserlohnerin Stefanie Albedyhl lebt fast ohne Plastik. Eine Lebensweise, die Arbeit kostet, aber auch Zufriedenheit mit sich bringt.

Man darf sich einen Gang mit „Steffi“ Albedyhl durch den Supermarkt vielleicht als eine Art Spießrutenlauf vorstellen, oder zumindest als Gang durch eine fremder werdende Welt. Mit ihrer roten Kiste ist sie dann unterwegs zu den bekannten Stationen, zielgerichtet dorthin, wo die Produkte in plastikfreier Verpackung stehen. Produkte, die in Papier eingeschweißt sind, oder Tomatensuppe und Joghurt und Milch im Glas zum Beispiel. „Es gibt erstaunlich viel im Glas“, sagt sie.

25 Kilogramm: So viel Plastikmüll produziert jeder Deutsche durchschnittlich etwa im Jahr – allein im Haushalt. Bei 96.000 Iserlohnern ergibt das rund 2400 Tonnen. Weltweit wird die Menge auf rund 350 Millionen Tonnen jährlich geschätzt. Vor allem das Badezimmer wird hierzulande schnell zum Plastik-Sammellager: Shampoo-Flaschen, Duschgel, Zahnbürste und -pasta, Kosmetik, Creme-Tuben noch und nöcher. Dazu Lebensmittel, Reiniger, Getränke.

Aufhören. So gut es geht.So schnell wie möglich

Vor gut drei Jahren entscheidet die gebürtige Iserlohnerin Stefanie Albedyhl für sich, dass damit Schluss sein soll. Soweit es geht. So schnell wie möglich.

Damals zieht die 41-Jährige, die in Iserlohn arbeitet, mit ihrem Lebensgefährten in einem Haus in Bredenbruch zusammen. Sie fängt an, gesünder zu kochen. Frisch, saisonal, mit viel Gemüse. „Der Berg an Verpackungsmüll hat mich schnell aufgeregt“, sagt sie.

Irgendwann kauft sie sich das Buch „Besser leben ohne Plastik“ mit Tipps und Rezepten. Der Startschuss für den langen Pfad hin zu einem plastikfreien Leben. „Ich möchte irgendwann ,zero waste’ (,ohne Abfall’) leben. Der Weg ist nicht einfach, man muss einen langen Atem haben.“

In Bredenbruch öffnet sich die Tür zu einem Haus in einer Siedlung zwischen Bergen und Hügeln auf einer Anhöhe. Glasflaschen im Flur, eine Milchflasche auf dem Tisch, natürlich aus Glas. Wasser gibt es aus einer Karaffe, für Kohlensäure sorgt eine spezielle Armatur, gleich wenn es aus dem Hahn sprudelt. Obst und Gemüse kommen vom Markt, ebenso Käse, seit sich einer der Händler bereit erklärt hat, ihn in eine Tupperdose zu packen. Schokolade gibt es nur noch eine Sorte, weil die in Pappe verkauft wird. Auch Tiefkühlgemüse wie Spinat gibt es im Karton. Butter? Kein Problem. „Man findet viel, wenn man bereit ist, sich damit zu beschäftigen.“

Schwieriger wird es bei Reinigern oder Hygieneprodukten. Oder doch nicht?

Seife und Handcreme etwa lassen sich ohne Probleme selbst herstellen.

Oder Haarseife. Letztere beispielsweise aus Natron und Lavendelsud. „Dauert aber relativ lange“, meint die Hemeranerin.

Zahnpasta? Natron, Kokos- und Pfefferminzöl. Haushaltsreiniger? Wasser mit Zitronensäure. Spülmittel? Olivenölseife mit Waschsoda. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Bei der Beschaffung der Zutaten allerdings gerät Steffi Albedyhl häufig in einen Zwiespalt. Weil einiges im Internet bestellt werden muss, was zum einen beim Transport Energie kostet, zum anderen bei einigen Produkten Ware ohne Plastikverpackung schwierig oder gar nicht zu bekommen ist.

„Plastikfrei zu leben hat viel mit Planung zu tun“

Beispiel Katzenfutter. Der Hauskater mag es trocken. Und Trockenfutter gibt es nur in der Tüte. „Das ist ein großes Übel. Er ist unser Plastiksünder hier“, scherzt die Hausherrin. Ebenfalls schwierig: Reis. Oder Rosinen. „Aber auch da gibt es sicher was, man muss nur die Zeit haben, sich damit zu beschäftigen.“

Für den Fall, dass im Netz bestellt werden muss, hat Steffi Albedyhl neben dem Rückgriff auf nachhaltig orientierte Anbieter einen weiteren Tipp: „Große Mengen bestellen.“

Beispiel Natron. Bestellt man den Alleskönner im Haushalt, einsetzbar unter anderem zum Putzen und Backen, kiloweise, so kann der Vorrat Jahre halten. „Plastikfrei leben hat viel mit Planung zu tun.“ Es bringe aber auch innere Zufriedenheit.

Beim Einkaufen stellt sich die Vegetarierin dabei stets eine Frage: „Brauche ich das wirklich?“ Bewusster Verzicht – da ist sich Steffi Albedyhl sicher – „damit fängt alles an“. Und mit dem Bewusstsein darüber, was man im Laufe eines Lebens auslöst, wenn man immer nur unkritisch kauft und konsumiert.

Seit einigen Jahren scheint aber ein Prozess hin zu mehr Umweltbewusstsein im Gange. Erst geriet die Plastikfolien-Gurke in Verruf, zuletzt der Trinkhalm, zuvor eher unschuldiges Accessoire früher Kindheitserinnerungen an Freibadbesuche und Zucker-Limo im Trinkpaket. Dann kamen die Bilder von Plastikmüllhalden und den verdreckten Weltmeeren, um sich in das kollektive (Umwelt-)Bewusstsein zu brennen. Und dann Greta Thunberg und „Fridays for Future“.

„Ich setze große Hoffnungen in diese Generation“, sagt Steffi Albedyhl. Denken die Menschen nun um? „Zumindest denken sie nach.“

Auch bei sich selbst macht Steffi Albedyhl noch viel Luft nach oben aus. Und so findet sich im gelben Sack, wenn die Müllabfuhr kommt, doch schon mal eine kleine Menge allerdings dann säuberlich getrennten Mülls. Chips aus der nicht gänzlich plastikfreien Stapel-Rolle – das ist eines dieser kleinen Zugeständnisse, das sie sich manchmal gönnt. „Ich mache wirklich viel, aber ich bin auch nur ein Mensch.“

Zahlen, Daten, Fakten zum Thema Müll:

In Deutschland fielen 2016 insgesamt 18,16 Millionen Tonnen Verpackungsabfall an. Das ist ein Anstieg um 0,05 Prozent gegenüber 2015, so steht es im immer noch aktuellen Bericht des Umweltbundesamtes.

Umgerechnet entspricht dies 220,5 Kilo Verpackungsabfall pro Kopf. Im Vergleich dazu lag der Pro-Kopf-Verbrauch in der EU bei 167,3 Kilo pro Person. 70 Prozent des Verpackungsabfalls wurden dem Recycling zugeführt, der Rest großteils energetisch verwertet.

Die Recyclingquote variiert bei den unterschiedlichen Verpackungen. Vergleichsweise hoch ist sie bei Glas (85,5 Prozent), Papier/Karton (88,7 Prozent), Aluminium (87,9 Prozent) und Stahl (92,1 Prozent).

Bei Kunststoffen (49,7 Prozent) und Holz (26 Prozent) gibt es noch viel Potenzial. Kunststoffverpackungen sind aufgrund der Materialvielfalt schwer zu sortieren und recyceln.

2016 wurden 0,9 Prozent mehr Kunststoffverpackungen recycelt als im Vorjahr – erstmals mehr als der energetischen Verwertung, also der Verbrennung zum Gewinn von Energie, zugeführt.

Der Verbrauch von Kunststoffverpackungen von Privatpersonen nahm minimal ab von 25 auf 24,9 Kilo pro Kopf.

Dafür wurden mehr Glas- und Aluminiumverpackungen verwendet, was vermuten lässt, dass diese Kunststoffverpackungen ersetzen. Glas und Aluminium sind in der Herstellung jedoch sehr energieintensiv.

Die Ursachen für den nach wie vor hohen Verpackungsverbrauch sind vielfältig. Ein Grund sind zusätzliche Funktionen der Verpackungen wie Dosierhilfen oder aufwendige Verschlüsse, die mehr Material benötigen und das Recycling erschweren.

Zudem setzt sich der Trend hin zu kleineren Portionen fort, außerdem zum Versandhandel und zum Außer-Haus-Verzehr.

Seit dem 1. Januar ist das neue Verpackungsgesetz in Kraft, das Hersteller betrifft, die sich am Dualen System beteiligen. Das Recycling dieser Verpackungen muss weiter gesteigert werden. Zunächst liegt die Quote bei 58,5 Prozent, ab 2022 muss sie bei 63 Prozent liegen.

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