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Der langsame Abschied vom Jugendwahn

Aus Fiktion Wirklichkeit werden lassen: FH-Professor Dr. Ulrich Kernbegreift den demografischen Wandel auch als Chance.

Aus Fiktion Wirklichkeit werden lassen: FH-Professor Dr. Ulrich Kernbegreift den demografischen Wandel auch als Chance.

Foto: IKZ

Iserlohn.   Eine neue Generation von Produkten wird unser Leben im Alter schon bald wohl nachhaltig verändern. Ein Gespräch mit dem FH-Professor, Produktergonom und Designwissenschaftler Dr. Ulrich Kern

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Im Alter wird alles anders, vor allem für jene, die jetzt jung sind: Rollatoren mit GPS, die Dementen die Orientierung erleichtern, Häuser und Wohnungen, die den Gesundheitszustand ihrer Bewohner überwachen und Notfälle melden, Folien mit Eigenschaften aus der Robotik, die den menschlichen Bewegungsapparat unterstützen – es ist eine schöne neue Welt, in der die Senioren der Zukunft leben könnten. Eine Welt, in der sich körperlicher und geistiger Verfall zu einem großen Teil mittels Technologie kompensieren lässt.

Verantwortlich dafür ist auch ein Umdenken in Forschung und Wissenschaft, das etwa Mitte der 1980er Jahre eingesetzt hat. Das einfache Grundprinzip dieser neuen Denkrichtung in den Designwissenschaften, der Produktergonomie, besagt, dass zunächst die alltäglichen Bedürfnisse des Menschen erkannt werden müssen, bevor ein Produkt überhaupt entwickelt wird.

Ebenso entscheidend: das schnelle Verstehen und die einfache Handhabung. Auch Menschen, die motorisch oder geistig eingeschränkt sind, wie manche Senioren, sollten die Produkte bedienen können. Damit geht es um deutlich mehr als nur Telefone mit großen Druckknöpfen, es geht um tiefgreifende Veränderungen unserer Gesellschaft. Ein Protagonist dieser Denkrichtung ist Dr. Ulrich Kern, Professor an der Fachhochschule Südwestfalen.

Professor Kern, verdanken wir der Produktergonomie und den Senioren indirekt also Produkte wie Tablet-PCs und iPhones, die ja kinderleicht zu bedienen sind?

Ein Stück weit schon. Apple hat dort sicher eine Vorreiterfunktion, allerdings gehen die Ursprünge noch viel weiter zurück. Schauen Sie sich die alten Produkte der Firma Braun an, diese Denkweise hat der Apple-Gründer Steve Jobs übernommen. Die Idee ist es, wegzugehen vom technischen Imponiergehabe und endlich aufzuhören, Menschen mit Kompliziertheit zu quälen, die Dinge einfach zu machen. Die Komplexität des Alltagslebens ist so gestiegen, die Menschen sind froh über jedes Teil, das ihr Leben nicht noch anstrengender macht. Im Grunde ist das eine Form von Befreiung und Demokratisierung.

Was hat zu diesem Umdenken geführt?

Die Tatsache, dass Menschen länger fit bleiben und für die Wirtschaft somit als Kunden schwerer berechenbar sind – sie sind erfahrener, kritischer und wählerischer geworden. Heutzutage beginnen Menschen noch mit 60 Jahren das Fallschirmspringen. Nehmen Sie den „Smart“, der war ursprünglich als Auto für junge Leute gedacht, wird nun aber auch von zahlungskräftigen Seniorenpaaren gern als praktischer Zweit- oder Drittwagen genutzt. Es ist gut, wenn ein Produkt für alle Altersgruppen attraktiv ist.

Wie stellen Sie sich die Welt im Jahre 2050 vor?

Wir werden unsere Wohnung mit Robotern teilen, die uns helfen, das Leben zu meistern. Es werden technische Produkte sein, die uns das Baden oder auch das Kochen erleichtern oder ganz abnehmen werden. Ich glaube, wir werden Orthesen und Prothesen mit ganz neuen Funktionalitäten haben, etwa Exoskelette, die den altersbedingten Kraftverlust und Verschleiß am Bewegungsapparat ausgleichen können. So könnte sich auch ein Teil des Problems des fehlenden Pflegepersonals lösen lassen. Und mit Hilfe von Neuroimplantaten könnte es möglich sein, Demenz um Jahre nach hinten zu verschieben. Der Mensch wird also noch älter werden, dabei aber länger fit und selbstbestimmt bleiben.

Das klingt ein Stück weit nach der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Wo liegen da die Grenzen?

Theoretisch gibt es keine – diese Verschmelzung hat ja seit langem begonnen. Oder würden Sie sich gegen eine künstliche Hüfte oder einen Herzschrittmacher wehren? Aber sicher sollte frühzeitig über ethische Standards nachgedacht werden. Nicht alles, was technisch möglich ist, muss auch realisiert werden. Eine Diskussion, die in der Intensiv- und Palliativmedizin längst geführt wird. Aber so, wie es die dauerhafte Medikamenteneinnahme gibt, die regulierend in unsere physiologischen Prozesse eingreift, so könnten auch mikroskopisch kleine „Rechenmaschinen“ in unsere Stoffwechselprozesse eingreifen und beispielsweise Depressionen verhindern.

Auf welche Neuerungen dürfen wir uns noch einstellen?

Realistisch sind alle Fahrassistenzsysteme, die uns „Stress-Arbeit“ im Verkehrsgewimmel abnehmen und unser Verhalten in Krisensituationen sicherer machen. Wahrscheinlich bedarf es eines Tages keines Führerscheins mehr. Das Auto wird wieder zum Transportmittel und seine Funktion als Statussymbol verlieren. Es wird auch neue Wohnformen geben, weil die Familie als soziales Stützsystem an Bedeutung verliert. Alte Menschen wollen trotzdem ein soziales Netzwerk haben, sich fortbilden, VHS-Kurse besuchen und mehr. Ich persönlich ärgere mich jedes Mal, wenn ich einem neuen Arzt meine ganze Krankengeschichte erzählen muss. Warum sind solche Daten nicht auf den Versichertenkarten gespeichert? Das wird ganz sicher die Zukunft sein.

Diese Zukunftsszenarien klingen noch sehr nach Science-Fiction . . .

Ja, aber fangen nicht viele Zukunftsentwürfe als Fiktion an und werden dann Wissenschaft? Da Vinci hat den Hubschrauber bereits in der Renaissance als Möglichkeit erahnt. Vieles von dem, was Jules Verne sich vorgestellt hat, ist heute längst Realität. Das Antizipieren der technischen Möglichkeiten hat immer schon stattgefunden. Zukunft ist ja kein blindes Fatum, sondern vor uns liegende Zeit, die wir zum großen Teil mitgestalten können. Das setzt aber auch voraus, unseren heutigen Alltag nicht als unveränderlich zu betrachten.

Das klingt nach Rente mit 85 – aber das ist ja vielleicht auch nicht jedermanns Sache . . .

Wer jahrzehntelang seine Körperkraft eingesetzt hat, der hat auch das Recht auf ein ruhiges Leben nach den Jahren der Arbeit. Vielleicht schafft man eines Tages die Flexibilisierung dieses Themas. Schließlich gibt es immer weniger Arbeitsplätze, die körperlich zermürbend sind. Und der eine oder andere will auch weiter arbeiten. In kreativen Berufen wie dem meinen wird man dann länger arbeiten können , zumal viele Menschen, wenn sie noch fit sind, ihr Denken und ihre Ideen nicht mit 65 abschalten. Gerade in der Wissenschaft und den Künsten gibt es reichlich Beispiele von Menschen, deren Erfahrung Basis für neue Ideen und Erfindungen ist.

Welche Konsequenzen sollte man daraus ableiten?

Gegenwärtig entlassen wir fitte, intelligente und leistungsfähige Leute in die Rente. Das ist natürlich falsch. Zudem sollten Arbeitgeber Teams aus verschiedenen Schichten und Altersgruppen bilden, die sich gegenseitig ergänzen. Davon würden alle profitieren. Die Zahl an alten Junggebliebenen ist riesig und ein Schatz, den Gesellschaft und Wirtschaft nur heben müssten. Heute ist Alter immer weniger eine kalendarische Kategorie, sondern immer mehr ein professionelles Potenzial. Mit Recht heißt es „Zukunft braucht Vergangenheit“.

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