Turbo-Abi

Der Rückweg wird immer länger

Heinz-Dieter Klusmann, Dr. Babette Woelke-Westhoff und Gregor Schmitz

Foto: Ralf Tiemann

Heinz-Dieter Klusmann, Dr. Babette Woelke-Westhoff und Gregor Schmitz Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.   Die heimischen G8-Gegner kritisieren die Nachbesserungen des Runden Tisches: eine Zwischenbilanz

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Wenn es um Bildung und Schule geht, werden in der Diskussion gerne plakative Bilder gewählt, die das Ringen um den richtigen Weg mit einem Totschlagargument gleich beenden sollen. G8-Befürworter bemühen gerne das Bild der unmöglichen „Rolle rückwärts“ – soll heißen: Ganz egal, wie schlecht das Turbo-Abi auch sein mag, man kann den Schulen und Lehrern nach all der Mühe der letzten Jahre auf keinen Fall einen neuerlichen Kurswechsel und eine Rückkehr zum G9-Abitur zumuten.

Heinz-Dieter Klusmann kontert dieses Bild mit einem anderen, das einem zu denken gibt: „Je länger man in die falsche Richtung läuft, desto länger wird am Ende der Rückweg.“ Nach seiner Pensionierung hat sich der ehemalige Direktor des Stenner-Gymnasiums den aktiven G8-Gegnern vor Ort angeschlossen. Und dass die Schulen, das Land und die ganze Gesellschaft mit dem Turbo-Abi auf einem verhängnisvollen Holzweg sind, ist für diese G8-Gegner völlig klar. Ein halbes Jahr nachdem die G8-Gymnasien in NRW von der Landesregierung aufgefordert wurden, den an einem Runden Tisch ausgehandelten 10-Punkte-Plan zur Nachbesserung des Turbo-Abis umzusetzen, ziehen Gregor Schmitz, Dr. Babette Woelke-Westhoff und Heinz-Dieter Klusmann eine Zwischenbilanz. Der Tenor: „Wo und wie auch immer nachgebessert wird, es wird nur noch schlimmer.“

Im Blick haben das Trio dabei vor allem den durch G8 ausgelösten Niveau-Verlust der Gymnasien. Die Notwendigkeit, das neue System irgendwie so „hinzubiegen“, um die gymnasiale Bildung auch unter G8-Bedingungen beizubehalten, hatte schon bei der Angleichung der Jahreswochenstunden und der Verkürzung der Sekundarstufe I um ein Jahr zu einer immensen Schieflage geführt. Zum einen, weil die Systeme nicht mehr zusammenpassen: Nach der neunten Klasse, dem Ende der verkürzten Sekundarstufe I, hat ein Gymnasiast heute beispielsweise nur noch einen Hauptschulabschluss, während ein Realschüler nach der zehnten Klasse – so wie früher auch am G9-Gymnasium – die mittlere Reife mit Q-Vermerk für die Oberstufe bekommt. Reibungslose Übergänge zwischen den Schulformen sind nicht mehr möglich.

Zum anderen geht mit der Sek-I-Verkürzung, durch die derselbe Stoff wie früher in viel weniger Zeit behandelt werden muss, eine hohe Belastung der Schüler einher. Ganz abgesehen davon, was das für die Freizeit und die Entwicklung der Jugendlichen bedeutet, versuche die Landesregierung nun auch noch, dieser erhöhten Belastung entgegenzuwirken, indem sie die Hausaufgaben zum Gegenstand der Verhandlungen mache.

Augenwischerei, um die Eltern zu beruhigen

Statt Hausaufgaben sollen demnach mehr Lernzeiten während der Unterrichtszeit eingerichtet werden. Aus pädagogischer Sicht ein Hohn, so die G8-Gegner. Hausaufgaben seien noch nie zuvor ein Thema gewesen. Und das aus gutem Grund, denn das Vertiefen des Gelernten und das Üben seien eminent wichtig. „Effektives Lernen beinhaltet Übungszeiten. Ohne die geht es nicht“, sagt Gregor Schmitz. „Es kann nicht sein, dass nun der Sinn des Vokabellernens in Frage gestellt wird und man versucht, diese Dinge als Lernzeiten in den Unterricht zu verlagern.“ Und Heinz Dieter Klusmann ergänzt: „Niemand würde ernsthaft erwarten, dass man im Sport oder in der Musik ohne Üben irgendeinen Erfolg erzielen könnte.“ Es sei unglaublich, dass das Üben in Mathematik oder in Fremdsprachen jetzt nicht mehr als notwendig erachtet werde.

Den Eltern eine Reduzierung der Hausaufgaben als Erleichterung zu verkaufen, sei Augenwischerei – ebenso wie viele andere Maßnahmen des 10-Punkte-Plans und des „Runden Tisches“, der inzwischen erneut in Düsseldorf getagt habe, um eine Zwischenbilanz der Nachbesserungen von G8 zu erstellen.

Dort sei zum Beispiel von einer Verbesserung der „Anerkennungskultur“ die Rede, über die außerschulische Leistungen stärker gewürdigt werden sollen. „Das hat doch überhaupt nichts mit G8 zu tun“, ärgert sich Gregor Schmitz darüber, dass die Landesregierung versucht, sich Beifall bei den Eltern abzuholen, ohne auch nur ansatzweise auf die kritischen Punkte des Turbo-Abis einzugehen. Auch die geforderte Begrenzung der wöchentlichen Klassenarbeiten und Klausuren sei im Grunde schon lange vor G8 so umgesetzt worden. Auch das werde jetzt hervorgeholt, um die Akzeptanz zu erhöhen, ohne wirklich etwas zu verbessern.

Schüler brauchen Zeit, um zu reifen

Als Fehlentwicklung sehen die G8-Gegner auch die Überlegungen zu den neuen Lehrplänen, die „Entschlackungen“ und „Synergien“ vorsehen und letztlich auch eine Tendenz zu mehr „Kompetenzorientierung“ zu Lasten der „Wissensvermittlung“ meint. Zum einen sei Kompetenzorientierung schon früher selbstverständlich gewesen. Zum anderen sei die Annahme, man brauche kein Wissen mehr, sondern nur noch die Kompetenz, das öffentlich vorhandene Wissen abzurufen, ein Irrtum, wie Heinz-Dieter Klusmann klar stellt. „Wir brauchen ganz im Gegenteil eine erhöhte Beurteilungskompetenz, um die Informationsflut der neuen Medien einordnen zu können. Und die Beurteilungskompetenz braucht Wissen.“ Schüler, so Klusmann, bräuchten Zeit, um Wissen anzuhäufen und um zu reifen. Und diese Zeit hätten sie unter G8 nicht mehr, ganz gleich an welcher Stelle jetzt noch versucht werde, nachzubessern: „Es gibt kein einziges pädagogisches Argument für G8.“

Dass die Rückkehr zum G9-Abitur trotz der Ablehnung durch den Landtag vor einem halben Jahr noch lange nicht ad acta gelegt ist, zeige die „Abstimmung mit den Füßen“ überdeutlich. Nur 13 von über 600 Gymnasien in NRW hatten sich einst für G9 entschieden. Und diese können sich vor Anmeldungen kaum retten. Drei Schulen hatten beide Möglichkeiten angeboten, wobei deren G8-Zweig inzwischen mangels Nachfrage eingestellt wurde. Ähnlich sieht es in Hessen aus, wo die Eltern zwei Jahre lang echte Wahlfreiheit hatten. Dort gibt es inzwischen nur noch rund 20 G8-Schulen. Auch in Bayern ist G9 auf dem Vormarsch. Und Niedersachsen hat bekanntlich die gefürchtete „Rolle rückwärts“ schon vollzogen.

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