Kneipensterben

Die gute, alte „Sonne“ geht für immer unter

Abschied von der Kneipe "Zur Sonne"

Abschied von der Kneipe "Zur Sonne"

Foto: Frank Jungbluth

Iserlohn.   Die gute alte „Sonne“ in der Elisabethstraße/Ecke Hövelstraße ist für immer untergegangen, das 100 Jahre alte Gasthaus hat geschlossen.

Erdnüsse auf der Theke, in den Knobelbechern rollen die Würfel, Schock vier im ersten Wurf, die Truppe jubelt, in der Pilstulpe schäumt das Bier. Susanne Sengenleitner zapft eine Runde nach. In der „Sonne“, an der Ecke Elisabethstraße/Hövelstraße zwischen Altbauten aus der Jahrhundertwende eingezwängt, hat man am Eingang den Schlager „Die kleine Kneipe“ von Peter Alexander im Ohr. „Schade, dass es heute vorbei ist nach mehr als 100 Jahren. Es sind leider nur noch die Stammkunden, die kommen“, sagt die Wirtin. Und das reicht nicht mehr fürs Geschäft.

Am Wochenende haben die Stammkunden, wie Karl-Heinz Venner, Billard-Kalli, wie er genannt wird, oder Erich Recktenwald, der freundlich lächelt hinterm Schnäuzer und sich das Feierabendbier schmecken lässt, mal für die Wirtin gekocht zur großen Abschiedsfeier, da haben sie der Simone mal ein Buffet hingestellt. 27 Jahre lang hat sie das für die anderen für die lieben Gäste, für ihre Familie, wie sie sagt, gemacht.

Eine große Familie, die zusammengehalten hat

Eine große Familie, die immer eng zusammen gehalten hat, die durch dick und dünn gegangen ist mit der Wirtin, und sie mit ihnen. „Man ist Pastor und Seelenklempner, so wie viele Wirtinnen und Wirte. So war das auch bei mir.“ Deshalb ist Verschwiegenheit auch eine Tugend für Gastronomen wie Simone Sengenleitner, die jetzt erst mal Pause macht nach fast 30 Jahren in der „Sonne“.

Auch 1994, als die Sonne ausbrannte und ein halbes Jahr geschlossen war, kamen die Stammgäste danach wieder, der Billard-Club, die Schützen, die Nachbarn, der Bäckermeister Karl von gegenüber und alle anderen. Aber dann kam das Nichtraucherschutzgesetz und es war vorbei mit der Gemütlichkeit, wenn der eine Nichtraucher alleine an der Theke wartete, bis die Raucher ihre Zigarette durchgezogen hatten. „Das hat viel kaputt gemacht“, sagt Simone Sengenleitner. Aber auch die modernen Zeiten, sind ein Grund für den Gästeschwund. „Es gibt eben keine Laufkundschaft mehr, sagt Simone Sengenleitner. Es fehlen die Jüngeren, die heutzutage zu Hause ihr Bier trinken oder gleich in die Disco ins Ruhrgebiet fahren und den Abend eben nicht in der Sonne oder einer der anderen alten Traditionsgaststätten einläuten oder ausklingen lassen. So, wie das früher eben war. Die Stammtische wuchsen nach, der Sohn des Bäckermeisters Karl Schreiber, Karl junior, kam auch, der Sohn vom Metzger Walter Müller, Walter junior, ebenso und die Väter tranken ihr Bier zusammen.“

Einmal haben die beiden Älteren sogar einen Imbiss organisiert in der Sonne. Der Bäckermeister brachte Brot und Brötchen, der Metzgermeister die Wurst. „Das war spontan. Das hat Spaß gemacht. Da war mehr Leben im Stadtteil“, erinnert sich Karl-Heinz Venner, in dessen Billard-Club auch nur noch acht von ehemals mehr als 20 Aktiven mit dem Queue Dreiband spielen. „Wir haben nur noch eine Mannschaft, wir hatten mal vier“, sagt Venner, der bei der Berufsfeuerwehr war, nebenan wohnt und beim Feuer 1994 mitgelöscht hat. Zum Abschied hat er seiner Wirtin Simone Sengenleitner die Ehrenurkunde des Clubs überreicht und einen Strauß Blumen. „Es ist sehr traurig und wir müssen sehen, wohin wir Billardspieler künftig gehen“, sagt Karl-Heinz Venner.

Die gute, alte Sonne geht unter an der Ecke Elisabethstraße/Hövelstraße. Es wird dann wieder dunkler im Stadtteil, der früher geprägt war von den alten, alteingesessenen Betrieben. Der Bäcker und der Metzger sind noch da, aber die „Laterne“ in der Hindenburgstraße ist auch schon lange aus und der „Rauchfang“, den es früher in der Langen Straße gab, ist ebenso längst Vergangenheit im Quartier.

2005 war Simone Sengenleitner, deren Mann Berufssoldat war, auch im Hofstaat beim IBSV, da war man stolz das Stammlokal in der Zeit. Jetzt ist man wieder sehr stolz auf den BVB, der in der Bundesliga ganz oben steht, für den es ein Wappen gibt an der Wand vor der Theke und andere Devotionalien.

„Schalker Bier? Daswürde keiner trinken“

Es gibt die schöne Anekdote zum Ballverein Borussia Dortmund, dass eine Brauerei aus dem Sauerland den Zuschlag bekommen hat, als die Privatbrauerei Iserlohn aufgeben musste. „Iserlohner, das war mein Bier hier, die Leute haben die Stangen geliebt, bevor die Tulpen kamen“, erzählt Simone Sengenleitner. Stammgast Andreas Kock will sein Bier noch aus der Stange, auch wenn nicht mehr Iserlohner draufsteht. Jedenfalls endete der Wettstreit der Sauerländer Brauereien um den Ausschank in der Sonne vor einigen Jahren so, dass Krombacher den Zuschlag bekam, und das vor allem deshalb, weil man in einer Borussenkneipe einfach kein Veltins ausschenken könne. „Schalker Bier, geht gar nicht“, sagen die Stammgäste und schütteln wieder die Würfel im Lederbecher. Schocken, das ist auch so ein Ritual, das langsam vergeht an den Theken dieser Stadt.

Das Ende „ihrer“ Gaststätte ist für Wirtin Simone Sengenleitner auch das Finale ihrer Familiengeschichte in der Iserlohner Gastronomie. Ihr Vater Dieter Kendziorra war Wirt in Letmathe in der Gaststätte „Zum Freibad“, er führte die Gaststätte „Treffpunkt“ in der Danziger Straße. Tochter Simone hat die „Sonne“ vom Vater übernommen. „Ich bin ein Kneipenkind“, sagt sie. „Es tut schon weh, das hier hinter mir zu lassen.“

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