Interview

„Die meisten werden doch rückfällig“

Lesedauer: 13 Minuten
Dr. Malte Rubach im Video-Chat mit der Heimatzeitung. So sehen offensichtlich glückliche Menschen aus. Vor allem Menschen, die nicht die harten Kurse gegen sich selbst verfolgen, sondern ihr Heil in der gemäßigten und wohlinformierten Bedachtsamkeit suchen.

Dr. Malte Rubach im Video-Chat mit der Heimatzeitung. So sehen offensichtlich glückliche Menschen aus. Vor allem Menschen, die nicht die harten Kurse gegen sich selbst verfolgen, sondern ihr Heil in der gemäßigten und wohlinformierten Bedachtsamkeit suchen.

Foto: Screenshot / IKZ

Iserlohn.  Die richtige Ernährung ist eine Wissenschaft für sich. Da braucht’s Willen und Wissen. Von beidem hat Dr. Malte Rubach reichlich.

Er ist ein Spezialist in Sachen gesunde Ernährung – Dr. Malte Rubach hat Ernährungswissenschaft in Deutschland, der Türkei und den USA studiert, nachdem er sich schon in seiner Jugend als Leistungssportler für Ernährungsthemen begeisterte. Gesundheit, Nachhaltigkeit und Innovation – das sind seine Schwerpunkte. Zudem hat er bereits Erfahrung als Autor sammeln können. Bislang hat er bereits acht Bücher über Gesundheit und Ernährung veröffentlicht. Unter anderem zählen darunter „Gesund mit Kaffee“ und „Die 30 besten Tipps für deine Ernährung“. Er kennt wenigstens 70 verschiedene Diät-Möglichkeiten. Wenn das in dieser Zeit nicht Gründe für ein Interview sind.

treu trifft - Dr. Malte Rubach
treu trifft - Dr. Malte Rubach

Darf ich Sie mal was vielleicht Indiskretes zum Auftakt unseres Gesprächs fragen? Sie haben schon so unfassbar viel gemacht, geforscht und geschrieben und Sie sehen so jung aus. Wie alt sind Sie wirklich? Oder sehe ich nur das Ergebnis Ihres gesunden Lebensstils vor mir?

(lacht) Das steht ja alles in meinem Buch „Das Geheimnis des gesunden Alterns“.

Aber auch Ihr tatsächliches Alter?

Das steht da wahrscheinlich auch drin. Aber ich habe jetzt das vierte Jahrzehnt voll. Ich versuche aber, mich mit Sport und einem abwechslungsreichen Leben fit zu halten.

Rette ich die Welt oder zumindest den Wald, wenn ich nur noch heimisches Gemüse und Tofu-Klopse esse?

Also Tofu-Klopse werden natürlich heimisch schwer. Wir haben zwar einen Soja-Anbau in Deutschland, aber der liegt gerade mal bei 30.000 Hektar. Das muss man also importieren. Und Tofu hat vom Wasserverbrauch und auch von der Klimagas-Entstehung keinen deutlich besseren Entstehungswert als ein Geflügelfleisch-Filet. Auch nicht was die Protein-Wertigkeit betrifft. Es sei den man ist eben Veganer oder Vegetarier und isst es in der Tat als Fleischersatz. Allen anderen würde ich raten, auf heimische Eiweißquellen zu setzen. Grundsätzlich ist aber bei einem heimischen Lebensmittel – egal ob pflanzlich oder tierisch – die Umweltbilanz in der Regel immer besser.

Klimaschonend sich zu ernähren, heißt nicht automatisch, sich gesund zu ernähren, oder?

Das ist wie mit allen Ernährungsweisen. Sobald eine Ernährung einseitig erfolgt, muss ich darauf achten, dennoch alle Nährstoffe zu bekommen und das ist natürlich deutlich schwieriger, wenn ich alle tierischen Lebensmittel ausschließe. Die, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, wissen das auch meistens sehr gut und oft auch besser als die Mischköstler, aber man muss es eben tatsächlich wissen. Und dann ist es eben auch immer noch die Frage, ob es wirklich freundlicher zu Klima und Umwelt ist. Wir dürfen ja nicht immer nur die Klimabilanz sehen, sondern auch die Wasserbilanz. Wenn man sich mal vor Augen hält, dass ein Kilo Cashew-Nüsse, das ja gern in Mus-Form als Ersatz genommen wir zum Beispiel für Butter, dann ist das ein ähnlich hoher Wasserverbrauch pro Kilo wie für ein Kilo Rindfleisch.

Auf meiner rechten Schulter sitzt hin und wieder gerne ein Männchen, das sagt: „Iss doch mal was Süßes!!!!!“ Und auf der linken Schulter sagt das Männchen: „Ein Eisbein wäre jetzt nicht schlecht!!!!“ Warum fällt es mir so schwer, den beiden Mund zu verbieten?

Wahrscheinlich, weil Sie in der Mitte sitzen. Und das ist auch gut so, denn Sie dürfen sich den Genuss oder die Lust beim Essen noch gönnen und bewahren. Das ist eine sehr individuelle Sache. Man kann vegan-vegetarisch sehr lecker kochen und sehr schöne Gerichte zubereiten, aber dieser Fleischgeschmack an sich oder diese Umami-Note, wie man diesen besonderen Geschmack nennt – der übrigens auch in Pilzen, Tomatenmark oder anderen Gemüsearten drin ist – also das Röstaroma vom Fleisch ist uns evolutions-biologisch eingeimpft. Da verspüren wir einfach Genuss. Und das sollte man auch nicht künstlich unterdrücken. Aber eben in Maßen.

Heißt?

In der Woche sollte man nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch genießen. Möglichst aus einer regionalen Haltung. Und dann kann man eigentlich nicht viel falsch machen, sowohl was die Gesundheit als auch was die Umwelt betrifft.

Was bedeutet gesunde Ernährung überhaupt für Sie?

Gesunde Ernährung an sich gibt es eigentlich gar nicht. Ebenso wenig wie die ungesunde Ernährung. Man kann alles mit jedem Lebensmittel ins Gegenteil verkehren. Schlichtweg deshalb, weil die Dosis zählt. Ich kann mich selbst mit Wasser zu Tode trinken. Gerade im letzten Hochsommer ist es passiert, dass Menschen zu viel getrunken haben und sich dadurch der Elektrolyt-Gehalt im Blut so verdünnt hat, dass sie entweder einen Herzkollaps oder ein Hirnödem bekommen haben, was beides tödlich enden kann. Insofern kommt es immer auf die Dosis an, ob etwas gesund oder ungesund wirkt. Das gilt auch für Mythen, die in die Welt gesetzt werden, dass manche Lebensmittel Krebs erregen oder vor Krebs schützen. Das sind aus meiner Sicht marktschreierische Falschbehauptungen, weil gerade Krebs ein multi-faktorielles Ereignis ist, das von so vielen Dingen abhängt. Garantiert nicht von einem einzigen Lebensmittel, sondern von einem ganzen Lebensstil.

Wir werden mit Abnehm-Programmen bombardiert, ganze Zeitungsverlage leben bekanntlich davon. Sie haben mehr als 70 davon geprüft. Aber richtig helfen tut nix. Wer erfindet so etwas überhaupt? Und warum wird das so gierig verschlungen?

Da stecken viele Trigger dahinter, die zunächst einmal den Kauf veranlassen und dann auch meist in eine Spirale von Diäten und Ernährungsumstellungs-Versuchen führen. Und bei denen dann im Resultat das Gegenteil steht, nämlich, dass die Leute immer dicker werden. Der Grund ist schlichtweg, dass wir natürlich erstens das Schönheitsideal verfolgen, was gerade in weiblichen Gefilden durch gesellschaftliche Strukturen und Erwartungshaltungen stark verankert ist.

Und zweitens?

Zweitens ist es auch der Wunsch nach Gesundheit. Fragt man nach den größten Ängsten der Deutschen, dann ist unter den Top 10 eben auch die Angst vor einer schweren Krankheit oder dass man sich mit irgendwelchen Lebensmittel-Rückständen oder -Giften die Gesundheit schädigt.

Schönheit, Akzeptanz und Gesundheit sind also die drei Trigger, die uns immer wieder ansprechen?

Und dann natürlich auch diese Aussicht, dass es möglichst einfach gelingen soll. In meinem Buch „Die Ich-Ernährung“ habe ich in der Tat über 70 Ernährungskonzepte und Diäten mal analysiert und war selber überrascht, dass sie in der Praxis zwar einen kurzfristigen Gewichtsverlust auslösen können, aber dann nicht mit langfristigen Auswirkungen. Dann gibt es welche, die sich positiv und langfristig auswirken können, obwohl die wissenschaftliche Erklärung dahinter gar nicht stimmt. Zum Beispiel bei der Säure-Basen-Ernährung. Das ist eigentlich was für Menschen mit Nierenerkrankungen, aber wer das mal so machen möchte und sich ein Leben lang daran hält, ernährt sich quasi vegetarisch. Aber er brauchte es eigentlich nicht und könnte sich im Alltag mit etwas Kontrolle ausgewogen Mischkost-förmig ernähren und damit das gleiche Resultat erzielen. Versprechungen auf Zeitschrift-Covern und auch auf Ernährungsratgebern locken die Menschen an und führen sie manchmal auch in die Diätfalle.

Sie sagen: Wenn Sie weder abnehmen wollen noch krank sind, dann brauchen Sie auch keine Diät . . .

Das stimmt. Eine Diät ist ja ohnehin qua Definition mit einem Anfang und einem Ende versehen, weil es ja eigentlich eine klinische Form der Ernährungsumstellung ist. Eine Therapie quasi. Das, was die Leute eigentlich brauchen und oft auch wollen, ist ja eine dauerhafte Ernährungsumstellung. Und das gelingt mit den meisten Konzepten nicht. Auch das so im Trend liegende Intervall-Fasten halten die Menschen in der Regel ja nicht Jahrzehnte lang durch. Es gibt noch gar keine Studien, die so lange laufen, aber es geht nicht, dass die Menschen auf Dauer nur acht Essensstunden haben und den Rest des Tages nichts essen. Das geht für ein paar Wochen oder Monate, aber werden die meisten werden doch wieder rückfällig, ohne dass sie etwas für ihre Ernährungsweise gelernt haben.

Supermärkte erschlagen uns mit dem Angebot. Brauchen wir wirklich nur rund 48 verschiedene Lebensmittel, um zu überleben?

Das ist richtig – und der Urmensch hat wahrscheinlich noch weniger benötigt. Das zeigt uns deutlich, wie überfordert wir eigentlich sind mit dem Angebot, das uns einerseits eine unglaubliche Vielfalt bietet, di wir früher nicht hatten, aber Konsum-psychologische Experimente zeige ja immer: Je größer das Angebot, desto schwerer fällt die Wahl. Das kennt man ja auch aus anderen Lebensbereichen. Wir wissen aber auch: Wenn die Vielfalt fehlt, geht die Versorgung unter Umständen auch in die verkehrte Richtung.

Wird am Ende „Bio“ mein Leben retten oder wenigstens verlängern?

Wahrscheinlich nicht, es sei denn, sie machen auch sonst alles im Leben gesundheitsförderlich richtig. Also, Sie bewegen sich regelmäßig, versuchen, kein Übergewicht aufzubauen oder – wenn es da ist – es abzubauen, dann haben Sie sowohl mit Bio als auch mit konventionell erzeugten Lebensmitteln eine gute Basis, um in Deutschland im Schnitt 80 Jahre alt zu werden. Es gibt natürlich Stimmen, die behaupten, dass in Lebensmitteln aus ökologischer Erzeugung mehr pflanzlich aktive Inhaltsstoffe drin sind, zum Beispiel Vitamine. Und das stimmt zum Teil auch, aber wir haben in Deutschland keinen Vitaminmangel. Allerdings stimmt auch – und deswegen plädiere ich auch dafür –, dass gewisse landwirtschaftliche Praktiken vorgeschrieben sind, bei denen letztlich und langfristig die Umwelt profitiert.

Im Moment kochen alle um die Wette, weil viel Zeit da ist. Aber ohne Pandemie ist auch der Stress wieder da. Geht’s dann wieder zurück zum alten Trott?

Wahrscheinlich schon, denn der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier. Wir lernen immer schnell, Gewohnheiten anzunehmen, die uns das Leben und den Alltag erleichtern. Aber zwei- oder dreimal kochen am Tag ist dann doch zeitaufwendig und bedarf auch einer gewissen Planung. Und das steht sich ein wenig mit unserer Natur konträr gegenüber. Aber es lohnt sich, wenn man es tut, denn man hat schlichtweg den Vorteil, dass man die Lebensmittel selbst aussucht, dass man Mengen abwägt und somit auch im Supermarkt rationaler einkauft. Mit Einkaufszettel sind es ein Drittel der Einkäufe, die man impulsmäßig absolviert, ohne Einkaufszettel sind es zwei Drittel. Das macht sich im Warenkorb, im Geldbeutel und bei den Kalorien bemerkbar.

Sie sagen: „Gegen Fakten gibt es keine Argumente.“ Da hat Ernährung viel mit Corona gemeinsam, oder?

Genau. Es gibt viele Beispiele, die vorgeben, Fakten zu liefern oder daraus irgendwelche Ernährungs-Empfehlungen abzuleiten. Gerade in der Bestseller-Literatur finden sie Bücher, die da seit Wochen und Monaten stehen, in denen es um Tierexperimente geht. Und da wird dann von diesen Experimenten auf den Menschen abgeleitet. Das ist – auch wenn man populär-wissenschaftlich schreibt – ein No-Go, daraus Ernährungsempfehlungen für Menschen abzuleiten. Der andere Punkt ist, dass oft mit einer wissenschaftlichen Schein-Genauigkeit argumentiert wird, dass die Lebenswirklichkeiten der Menschen durch eine Studie gar nicht abbildbar ist.

Lieber Herr Dr. Rubach, ich habe es eingangs erwähnt: Sie sind bei so vielen Themen unterwegs, dass ein einziges Gespräch nicht reichen kann. Dürfen sich unsere Leserinnen und Leser, aber auch unsere Video-Zuschauer auf einen zweiten Teil freuen? Zum Beispiel mit der Idee, dass wir sie gemeinsam in eine ganz neue Kaffeewelt entführen?

Supergerne. Ich freue mich.

Ein ausführlicheres Video vom Gespräch finden Sie u. a. unter www.ikz-online.de

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