Geflügel

Die Nachfrage nach der Billigware

Geflügel in Freilandhaltung wie hier auf dem  Biohof von Uwe Deckert in Hennen ist heute die Ausnahme: Ein Großteil des Hähnchen-Angebots stammt aus industrieller Massenhaltung - mit allen daraus resultierenden Konsequenzen.

Foto: IKZ

Geflügel in Freilandhaltung wie hier auf dem Biohof von Uwe Deckert in Hennen ist heute die Ausnahme: Ein Großteil des Hähnchen-Angebots stammt aus industrieller Massenhaltung - mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Foto: IKZ

Iserlohn.  Seit seiner Jugend ist Thomas Meise Hobby-Geflügelzüchter. Derart mit Expertenwissen ausgestattet überrascht es den Drüpplingser kaum, dass bei einer vom BUND veranlassten Hähnchenfleisch-Untersuchung in Supermärkten und Discountern bundesweit bei jeder zweiten Probe antibiotikaresistente Keime gefunden worden sind.

„Wenn man weiß, dass ein Hahn aus der Massentierhaltung spätestens nach 36 Tagen geschlachtet wird, weil er dann schon über das nötige Gewicht verfügt, dann kann man sich an fünf Fingern abzählen, dass hier mit allen erdenklichen Mitteln nachgeholfen werden muss“, sagt Meise, „in einer so kurzen Lebenszyklus ist das Tier überhaupt nicht in der Lage, ein eigenes Immunsystem aufzubauen“.

Den Verdacht, dass ein industriell gezüchtetes Tiefkühl-Hähnchen, das zum Angebotspreis von 1,89 Euro in der Theke liegt, nicht unbedingt eine naturnahe oder artgerechte Aufzucht erfahren haben dürfte, müsste sich allerdings nicht nur dem Fachmann, sondern auch dem mündigen Verbraucher aufdrängen, meint Fleischermeister Heinz Knipp, „für den Preis gibt es bei uns noch nicht einmal eine Keule“. Dass aber die Belastung mit MRSA- und ESBL-Keimen laut der BUND-Untersuchung ein derartiges Ausmaß hat, davon zeigt sich Knipp überrascht, „das habe ich nicht erwartet“. Sein Geschäft und seine Kunden schützt der Metzgermeister durch eine enge Beziehung zu seinen Lieferanten, die sich regelmäßigen Qualitätskontrollen unterziehen und kontinuierlich Unbedenklichkeitsbescheinigungen abgeben müssen, die auch Grundregeln zur Ernährung umfassen. „Die Betriebe, die uns mit Geflügel versorgen, verwenden Antibiotika nicht in der Aufzucht, sondern nur für die Behandlung von kranken Tieren, die dann automatisch aus dem Lebensmittelprogramm herausfallen.“

Er sei ebenso schockiert wie die Verbraucher, erklärt indes Ulrich Brinckmann als Sprecher der heimischen Landwirte, dass auch ihn die jetzt veröffentlichten Untersuchungsergebnisse betroffen machen. Nicht vergessen werden dürfe jedoch bei aller Empörung die Eigenverantwortung der Verbraucher. Brinckmann: „Es wird das produziert, was abgenommen wird.“ Und zu den gewünschten Produkten zähle eben auch das Billig-Hähnchen aus dem Discounter. „Ich kaufe mein Hähnchen in der Nachbarschaft“, käme Brinckmann selbst nie auf die Idee, ein Tier aus der Massenhaltung zu erwerben, „das ist ein anonymes Geschäft, damit kann ich mich nicht identifizieren. Ich habe einen solchen Betrieb einmal besichtigt und ich war froh, als ich wieder weg war.“ Ganz ähnlich sieht das Metzger Knipp: „Massentierhaltung ist für mich Tierquälerei. Wenn man einmal gesehen hat, wie die Küken über ein Förderband transportiert werden, möchte man kein Hähnchen mehr essen. Aber das System funktioniert eben, weil der Verbraucher es immer gerne billig hat.“

Während im Iserlohner Stadtgebiet Geflügelzucht bestenfalls nur noch in kleinem Rahmen stattfindet, setzen die örtlichen Landwirte und Metzger ihr Vertrauen in ein Unternehmen aus der Nachbarschaft. Eine große Zahl von Betrieben wird beliefert vom Ardeyer Geflügelhof der Familie zur Nieden aus Fröndenberg, der vielen Kunden auch vom Wochenmarkt bekannt ist. „Jeder Konsument sollte sich zunächst einmal selbst an die Nase fassen“, will auch Dirk zur Nieden den Verbraucher nicht aus der Verantwortung entlassen mit Blick auf dessen Einkaufsverhalten. Die kontinuierliche Medikamentenbeimischung zum Futter sei allerdings aus seiner Sicht ein alter Hut. „Ich verfolge das Thema schon lange und rede innerhalb der Branche dagegen an“, sagt zur Nieden, wissend, dass er wohl gegen Windmühlen kämpft. Ein in Massentierhaltung gezüchtetes Hähnchen erreiche nach 36 Tagen ein Gewicht von 2,2 Kilo - auf natürlichem Wege ein Ding der Unmöglichkeit, „unsere Tiere wiegen zu diesem Zeitpunkt vielleicht 1300 oder 1400 Gramm“. Zur Nieden: „Wir verzichten vollständig auf den Einsatz von Antibiotika und verwenden ausschließlich Futter, das in unserer eigenen Mahl- und Mischanlage hergestellt wird. Jedes industriell hergestellte Mastgeflügelfutter ist hingegen mit Antibiotika durchsetzt.“ Philosophie des Fröndenberger Hofes sei es, anders als in der Massenzucht die Entwicklung der Tiere nicht künstlich zu beschleunigen, sondern ein stressfreies Aufwachsen zuzulassen, „darum werden unsere Hähnchen nicht nach fünf, sondern erst nach zehn Wochen geschlachtet.“ Damit liegt der Geflügelhof schon relativ nah an der zeitlichen Marke des Drüpplingser Hobby-Geflügelzüchters Thomas Meise: „Wenn ein Tier geschlachtet wird, dann frühestens nach drei Monaten, wenn es auf natürlichem Wege auf- und ausgewachsen ist.“

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik