„Die Politik hat uns nicht auf dem Schirm“

Auf den ersten Blick ist dieser Christian Vosseler (re.) nur ein anders Wort für „gechillt“. Doch hinter der Stirn wird um Hilfe gerungen.t.

Auf den ersten Blick ist dieser Christian Vosseler (re.) nur ein anders Wort für „gechillt“. Doch hinter der Stirn wird um Hilfe gerungen.t.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn/Dortmund.  Christian Vosseler beweist, dass selbst ein eigenes Bett ein Kind zum Lachen bringen kann. Und er hat noch einen Lebenstraum

Gleich in zweierlei Hinsicht hat dieser Christian Vosseler ein „einnehmendes Wesen“. Und, Achtung! Das ist in beiden Fällen überaus positiv gemeint. Da ist natürlich in erster Linie seine Gabe, Menschen dazu zu bringen, ihm auch im Jahr 20 nach der Idee und Jahr 18 nach tatsächlicher Vereinsgründung Geld für sein „Kinderlachen“-Projekt zu geben.

Und besser als im Internetauftritt des Vereins kann man es auch eigentlich gar nicht beschreiben: „Kinderlachen unterstützt gemeinnützig mit vielen ehrenamtlichen Helfern bedürftige Kinder in ganz Deutschland mit dem, was sie am dringendsten benötigen. Dazu gehören Möbel, Materialien für Schule und Freizeit, medizinische Geräte, Betten und vieles weitere mehr. Darüber hinaus erfüllt Kinderlachen Kinderträume im Rahmen von unvergesslichen Veranstaltungen und Freizeitaktivitäten.“

Und weiter heißt es: „Im Mittelpunkt des Engagements stehen Begriffe wie Chancengleichheit, kindliche Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe. Kinderlachen e.V. finanziert sich ausschließlich aus privaten Spenden und durch privatwirtschaftliches Sponsoring.“

Aber das mit dem „einnehmenden Wesen“ hat eben noch einen zweiten Gesichtspunkt. Es ist die Art, mit der Christian Vosseler seinem Gesprächspartner entgegen tritt. Da ist so eine verständnisvolle Milde in der Stimme und im Blick. Schlaufüchse und Charakter-Analysten würden wahrscheinlich von einer „empathischen Nähe“ sprechen. Oder auch von einem „Menschenfreund“.

Irgendwann wird der Mit-Vierziger sagen, dass er auch einen „Tacken eitel“ sein könne, aber das verschwindet hinter der Offenheit und dem Interesse am Gegenüber. Man kann sich leicht vorstellen, wie dieser Christian Vosseler vor 20 Jahren einem Freund eigentlich nur einen Gefallen tun wollte und einen kleinen behinderten Jungen am Heiligen Abend im Krankenhaus besuchte. Doch die Nachwirkungen waren beträchtlich. Danach lud er sich im Jahr drauf einfach selbst ins Kinderklinikum Dortmund ein, mobilisierte Freunde und Bekannte und besorgte für die 60 kleinen Patienten Geschenke.

In einem früheren Gespräch mit der Heimatzeitung sagte der gebürtige Dortmunder, der heute die meiste Zeit in Österreich lebt, um auch da den an ihn herangetragenen Wunsch, „Kinderlachen“ auch in der Alpenrepublik aufzubauen, aktuell besser nachkommen zu kommen, über sein ganz persönliches Kick-off: „Wir haben dabei die schlimmsten Fälle besucht, die zum Teil völlig aussichtslosen. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn man dann wieder in seine heile Heiligabend-Welt im Kreis der Familie zurückgeht? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber das war für mich wie eine Art Entjungferung. Ich wollte und musste meinem Leben einen neuen Sinn geben.“

Nun sitzen wir also einige Jahre später wieder im Gutenbergzimmer des Wichelhovenhauses und reden vor allem natürlich über Corona, über die Auswirkungen für Kinder und auch über die daraus resultierenden Auswirkungen für die, die die Folgen für die Kinder lindern wollen.

Herr Vosseler, wie beeinflusst Corona die Arbeit von „Kinderlachen“?

Ganz extremst. Es gibt diesen klassischen Spender, diesen Peter Müller, der im Monat zehn Euro spendete - den gibt es seit Corona gar nicht mehr. Diese kleinen Spender, von denen „Kinderlachen“ ja extremst abhängig ist, sind fast vollständig weggebrochen. Was uns gerade hilft, sind die großen Spender. Große Stiftungen oder die Initiative von Leon Goretzka und Joshua Kimmich ‚We kick corona‘ haben uns sehr geholfen.

Aber vermutlich sind in gleichem Maße, wie das Spendenaufkommen zurückgegangen ist, die Nachfrage und Bedürftigkeit durch soziale Auswirkungen gestiegen, oder?

Ja, aber nicht so extrem wie wir vermutet hätten. Aber wir glauben, dass das auch noch erst kommt. Bisher konnten wir alle unsere Hilfe-Zusagen noch erfüllen. Eigentlich ist es eine normale Steigerung, wie wir sie seit Jahren beobachten. Die Zahl der Anträge, die wir reinbekommen, sind in den letzten fünf Jahren extrem gestiegen.

Aber die wirtschaftlichen Probleme in den Familien werden wohl noch steigen…?

Das beobachten wir jetzt auch schon. Wir arbeiten ja in mehreren Städten auch mit der „Arche“ zusammen. Die haben uns gesagt, dass während des Lockdowns die Kinder nicht in die Einrichtung kommen durften und zuhause bleiben mussten. Aber dort fehlte das Geld für ein Mittagessen. Das hatten die Eltern auch schon vorher nicht, aber da konnte das Kind dann eben in die „Arche“. Da konnten wir inzwischen auch etwas helfen und unterstützen.

Kommen denn auch Eltern mit Migrationshintergrund verstärkt zu Ihnen, um Hilfe-Anträge zu stellen?

Nicht direkt zu uns, aber über den Weg derer, die sie betreuen. Wir haben ja die Aktion „Jedem Kind sein eigenes Bett“, die wir gemeinsam mit dem Möbelhändler Poco durchführen und die immer weiter wächst. Und da kommen dann die Familienbetreuer auf uns zu. Da spricht sich das rum. Aber hier möchten wir mit unserem Partner auch noch aktiver an den Markt gehen und unsere Hilfe anbieten. Ich glaube aber auch nicht, dass es immer die Eltern sind, die sich nicht trauen, uns anzusprechen. Oft kommt die Info auch einfach gar nicht bei ihnen an. Die Familie XY in Dresden weiß dann eben gar nicht, dass „Kinderlachen“ ein Bett, Schulsachen oder Schreibtische spendet für Kinder.

Von der Idee bis heute ist die Nachfrage nach Ihrer Hilfe wohl stetig gestiegen. War das eher linear oder ist doch ein steilerer Anstieg zu verzeichnen?

Der Bedarf ist in den letzten Jahren ganz extrem gestiegen. 2005 oder 2006, also in unseren Anfängen, waren wir in einem Hospiz und haben Wünsche erfüllt. Heute ist unser Schwerpunkt wirklich da, dem Staat zu helfen, dass wir Spielplätze bauen, die wegen Baufälligkeit abgerissen werden mussten, dass wir den Kindern die eigenen Betten zur Verfügung stellen, dass wir deutschlandweit den Kindern, bei denen die Eltern das Geld nicht haben, eine Vereinszugehörigkeit bezahlen. Und auch die dazugehörigen Sportsachen. Will sagen, die soziale Komponente ist deutlichst gestiegen. Und das auch nicht nur im Ruhrgebiet. Die Anträge kommen genauso aus München, Nürnberg oder Stuttgart.

Dreht sich Ihnen in diesen Tagen nicht der Seelen-Magen um, wenn Sie lesen müssen, dass in diesem tatsächlich gut situierten Deutschland selbst so eine segensreiche Einrichtung wie das Hospiz „Balthasar“ mehr als scharf nachrechnen muss, wie es überhaupt weitergehen kann?

Ja, das ist total traurig. Das ist ein so sinnvolles Projekt, dafür müssten immer Gelder da sein.

Werden Sie und Ihre Arbeit eigentlich von der Politik wahrgenommen?

Ich hatte vor ein paar Tagen tatsächlich kurzfristig einen Termin bei Herrn Herrmann, dem bayrischen Innenminister. Der wollte mich mal treffen. Und ich habe ihm gesagt, dass wir keine Lobby in Deutschland haben. In jeder Talksendung redet man über die Autoindustrie und über die Gastronomie. Und die, die Charity machen, die sieht man gar nicht. Wir brauchen auch Unterstützung. In der Charity-Hilfsbranche ohne Ehrenamtliche sind es 3,3 Millionen Aktive. Wir haben im letzten Jahr alle zusammen rund 991 Millionen Euro an Spenden reingeholt. Das wird in diesem Jahr richtig wegbrechen. Und er fragte mich dann, was er tun kann und ich sagte: Wir brauchen eine Lobby. Sie müssen Ihre Politiker-Kollegen in Berlin und Journalisten auf uns aufmerksam machen. Die Politik hat uns nicht auf dem Schirm.

Müsste denn nicht jeder Politiker ein knalliges Schild „Hallo, ich bin Sozial-Unterstützer“ vor sich hertragen...

Da bin ich ganz bei Ihnen. Das habe ich auch dem Minister gesagt. Ich habe ihm auch gesagt, dass man in diesen Tagen kreativ sein muss. Wir haben in Dortmund einen „Kinderlachen“-Burger ins Leben gerufen. Oder ein anderes Beispiel: Seit Mai bekomme ich sämtliche getragenen Trikots und Schuhe vom FC Bayern, die wir jetzt versteigern. Da haben wir bis letzten Sonntag über 35.000 Euro eingenommen. Wir müssen im Moment gucken, wo wir noch Geld einnehmen können, um unsere Projekte aufrechterhalten und weiterentwickeln zu können.

Wie vielen Kindern konnten Sie in den Jahren Ihres Bestehens helfen?

Die letzten acht oder zehn Jahre waren ja extrem. Da haben wir bestimmt pro Jahr viertausend oder fünftausend Kindern helfen können. Geschätzt auf die ganzen zwanzig Jahre sind wir bestimmt sechsstellig.

Gibt es eigentlich in Europa vergleichbare Modelle?

Wir sind nur für Kinder da und machen keine Geld- sondern nur Sachspenden. Schwierig zu beurteilen. Wir haben aber Paten-Organisationen, machen sehr viel mit den EAGLES Charity und aufgrund persönlicher Beziehungen gibt es auch zu der Franz-Beckenbauer-Stiftung eine enge Bindung. Wir helfen uns gegenseitig, versuchen auch, uns gegenseitig Mut zu machen, tauschen unsere Kontakte.

Wie viele Hauptamtliche arbeiten derzeit für „Kinderlachen“?

Mit mir drei. Zwei hier in Dortmund, wo die meiste Arbeit ist. Ich bin in München und Hamburg.

Leben Sie selbst davon?

Ja. Ich habe vor vier Jahren meinen Beruf aufgegeben.

Was haben Sie bis dahin gemacht?

Ich war bei der Kredit- und Tankkarten-Firma DKV, habe 13 Jahre in dem Beruf gearbeitet. Ich hatte auch viele Kunden in Iserlohn. Ich habe gutes Geld damals verdient, das verdiene ich heute bei Weitem nicht mehr.

Muss man sich für das, was Sie tun, immer wieder von innen heraus motivieren oder kommt die Motivation von außen?

Ich muss mich gar nicht motivieren. Du steht morgens auf, du hast – wie hoffentlich die Mehrzahl Ihrer Leser – keine Chemo vor dir, sitzt nicht im Rollstuhl und musst nicht zur Dialyse und kannst normal leben. Vielleicht der eine etwas besser, der andere etwas schlechter. Und bei uns bei „Kinderlachen“ gibt es das Wort „Problem“ nicht im Wortschatz.

Was ist dennoch mehr Motivation? Die Armut oder die lachenden Kinder?

Zu helfen, wenn man ein Kind sieht, in welcher Armut es lebt oder wie krank es ist. Und der Lohn ist dann, das Lachen zu sehen. Wenn es noch ein Lachen gibt. Oder auch die Dankbarkeit der Eltern. Die ist teilweise noch größer. Ich habe Kinder in Armut gesehen in Deutschland. Wenn ich es hätte fotografieren dürfen und ich Ihnen jetzt das Bild hier auf den Tisch legen würde, dann würden Sie mir sagen: Das ist in Bukarest 1986 aufgenommen! Und ich würde antworten: Nein! 2020 in Deutschland! Und natürlich sagen dann viele auch noch: Da sind doch die Eltern schuld! Natürlich ist immer jemand verantwortlich, aber da können doch die Kinder nichts dafür. Und da können und wollen wir bei „Kinderlachen“ helfen. Unbürokratisch und sofort!

Ist es nicht – Ironie des Schicksals – fast noch Glück im Unglück, dass Kinder sich mit Krisen-Situationen dieser Art sogar noch irgendwie arrangieren können?

Richtig. Weil das Kind es teilweise ja gar nicht anders kennt, es ist in diesen Bedingungen aufgewachsen. Es sieht erst dann die Probleme, wenn es damit konfrontiert wird. Beispiel: Ein Junge möchte Fußball spielen und hat nur kaputte Sachen. Das fällt ihm erst auf, wenn er in den Verein kommt und alle haben die neuesten Schuhe an. Oder andere haben Weihnachten, erzählen, was sie alles bekommen haben und das Kind sagt: Ich habe nur einen Pulli bekommen.

Oder bei Krankheit?

Da sagen uns auch Fachleute, dass Kinder mit Krankheiten oft besser umgehen als die Eltern. Die Kinder sind oft disziplinierter. Auch bei Chemo-Therapien. Das ist halt so.

Kommen wir doch einmal zu Corona. Derzeit werden viele Betroffene wirtschaftlich unterstützt und gleichzeitig wissen wir, dass viele verantwortliche Menschen und eben auch Politiker Probleme wie Armut einfach nicht auf dem Schirm zu haben scheinen. Blenden die das aus oder wissen sie es wirklich nicht besser?

Ich will keinem Politiker unterstellen, dass er es ausblendet, aber vielleicht hat er einfach bis dato kein Mittel, wie man helfen kann. Vielleicht sind sie einfach überfordert.

Geld ist aber wahrscheinlich auch nicht immer das Allheil-Mittel, oder?

Ein Scheck ist tatsächlich nicht immer die Lösung. Und Gießkanne auch nicht. Wir fragen, was gebraucht wird, besorgen das und übergeben das. Das ist unsere Philosophie.

Wie lautet Ihre Prognose für 2021 für „Kinderlachen“?

Unsere Krankenbetreuung wird gleich bleiben, aber auf dem sozialen Sektor rechnen wir mit einer großen Keule. Im Winter wird einiges kaputt gehen. Und wir werden erst frühestens im nächsten Jahr sehen, was uns Corona wirklich kosten wird.

Ihr „Kinderlachen“-Weg hat mit einem zufälligen Weihnachtsmann-Auftritt begonnen. Wenn Sie jetzt noch einmal die Möglichkeit hätten, einen Wunsch an höherer Stelle abzusetzen – was wäre das für einer?

Das kann ich Ihnen sagen, denn das möchte ich gerne noch erleben. Mein Wunsch ist es, dass es irgendwann in Deutschland, Österreich und in der Schweiz normal ist, dass Kindergarten-Kinder mindestens einmal in der Woche den Vormittag in einem Altenheim verbringen. „Kinderlachen“ zahlt die Kosten der Busfahrt, der Organisation, alles. Die Kinder morgens für vier Stunden in ein Altenheim und die Alten machen was mit den Kindern zusammen. Malen und Vorlesen. Beide sollen voneinander was lernen, haben eine Aufgabe. Dafür würde ich alles tun.

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