NRW-Literaturtage

Die Qual der Wahl bei der Nacht der Poeten

Die „Lange Nacht der Poeten“ in Barendorf bot eine große Vielfalt an anspruchsvoller Literatur. Foto: Cornelia Merkel

Die „Lange Nacht der Poeten“ in Barendorf bot eine große Vielfalt an anspruchsvoller Literatur. Foto: Cornelia Merkel

Foto: IKZ

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Iserlohn. „Kultur muss mit den entsprechenden Mitteln ausgestattet sein“: Das erklärte Heinrich Bleicher-Nagelsmann, Bundesgeschäftsführer des Verbandes deutscher Schriftsteller, bei der Eröffnung der „Langen Nacht der Poeten“.

„Künstler, Autoren, Übersetzer und Kulturschaffende leben in einem Existenz-Spagat. Sie schaffen einen Mehrwert, der sich nicht in barer Münze auszahlt“, erklärte Bleicher-Nagelsmann, der für den Verband ausreichend Geld für Kunst und Kultur forderte. Eine Finanzreform sei notwendig, die die Städte und Gemeinden in die Lage versetzt, ihre kulturellen Aufgaben auch weiterhin wahrnehmen zu können.

Der Geschäftsführer des deutschen Schriftstellerverbandes überreichte dem Iserlohner Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens dabei auch symbolisches Notgeld und erinnerte an das Motto des deutschen Kulturrates, „Kulturgut stärken“. Seiner Aufforderung, sich in einer Unterschriftenliste einzutragen, folgten viele Besucher der Literaturtage.

Sie hatten die Qual der Wahl, mussten sich zwischen den parallelen Lesungen und Vorträgen entscheiden. Die Stadtschreiber hatten natürlich ihre Angehörigen und Freunde mitgebracht. Die neunjährige Wiesengrundschülerin Anna-Lara Beutel nahm als erste Vorleserin auf dem eigens für diesen Anlass von dem Barendorfer Kunsttischler Konrad Horsch gefertigten Stadtschreiberstuhl Platz und las ihre fantasievolle Geschichte „Das wundersame Haus“. Moderator Patrick Hummel vom Kinder- und Jugendrat erklärte, dass der Stuhl einen Ehrenplatz im Kinder- und Jugendbüro erhält. Anna Lara Beutler hatte als Vorbereitung an einem Schreibworkshop in der Bücherei teilgenommen.

Dann folgte die 12-jährige Stenner-Gymnasiastin Britta Flügel mit ihrem reizvollen Beitrag „Berge, Täler, Wunderwelten“. „Ich habe mich an den Computer gesetzt und geschrieben, was mir dazu in den Sinn kam“, erzählte Britta, die sich übrigens wie Patrick im Kinder- und Jugendrat engagiert. Die Nachwuchsautorinnen erhielten Urkunden und Buchgutscheine. Auch die übrigen Kinder, die ihre Texte eingereicht hatten, erhielten als Dankeschön fürs Mitmachen Buchgutscheine.

Bei den Erwachsenen stellten die heimischen Autorinnen Christiane Röper, Sabine Hinterberger und Wolfram Cosmus ihre von der Jury ausgezeichneten Texte vor. Moderatorin Andrea Reichart betonte, dass sie gleichrangige Sieger seien und überreichte ihnen neben Urkunden Gutscheine für das Iserlohner Parktheater.

Wolfram Cosmus machte den Anfang mit seiner traumhaften Geschichte „In Iserlohn lebt meine Fantasie“ über die rätselhafte Begegnung mit den Skulpturen Elena, Sappho, dem Zeitungsleser und den Lechner-Figuren am Marktplatz. Sein Autorenkollege Winfried Diener ermunterte ihn, diese humorvolle Geschichte um weitere Iserlohner Skulpturen zu erweitern; und Marlis Gorki vom Verkehrsverein schlug vor, das dann mit Fotos anzureichern. Der 71-jährige Autor verriet, dass er sich nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben als Zahntechniker den Traum vom Schreiben erfüllte. Nach dem Erstlingswerk „Das teuflische Buch“ bringt er im Juni seinen Krimi „Geld“ heraus.

Christiane Röpers nachdenkliche Kindheitserinnerungen mit dem Titel „Dunkellila“ kommentierte ein beeindruckter Zuhörer: „Das geht unter die Haut.“ „Großartig, diese lyrische Sprache“, sagte Moderatorin Andrea Reichart. Christiane Röper (Jahrgang 1962) verriet dem Publikum, dass sie im Alter von 15 Jahren ihr erstes Gedicht geschrieben habe und dass ihr Mann ihr „Lektor Gnadenlos“ ist. In einem privaten Autorenkreis, mit dem sie auch die Anthologie „Ungewöhnliche Begegnungen“ herausbrachte, tauscht sie sich jeden Monat mit anderen heimischen Schriftstellern aus.

Sabine Hinterbergers sensible Geschichte „Die Welt buchstabieren“ lenkte den Blick auf Iserlohn aus Sicht eines Autisten und erinnerte an andere Geschichten von Außenseitern, die sie in dem Buch „Scheißspiel“ vorlegte. Ihre Bücher sind nicht mehr im Buchhandel erhältlich, aber in der Stadtbücherei, wie Gudrun Völcker berichtete.

„Lauscht und lacht und klatscht und grölt, sitzt nicht da wie versunken. Wir Slammer sind das Feuerwerk, und ihr seid zündende Funken“ – mit diesen Worten eröffnete Moderator Marian Heuser zeitgleich den ersten „Poerty Slam“ in der Historischen Fabrikanlage Maste-Barendorf.

Die meisten Zuschauer hatten einen solchen Wettkampf unter Poeten noch nie erlebt und nahmen mit gemischten Gefühlen Platz. Aber kaum hatte der Moderator die ersten Worte gesprochen, war allen klar: Das wird ein Erlebnis, das man so schnell nicht vergessen wird.

Heuser erklärte den Zuschauern, dass sie entscheiden, welcher der Slammer weiterkommt und als Sieger einen Reisegutschein für zwei Personen in die Bundeshauptstadt in den Händen hält. An sieben zufällig ausgewählte Personen verteilte der Moderator Karten mit Nummern von 1 bis 10. Dann startete die erste Runde. Den Anfang machte der Jüngste im Feld: Thilo aus Greven. Der 16-Jährige überraschte mit extrem Tiefsinnigem über das Leben. Unheimlich wortgewandt schossen ihm die Gedanken regelrecht aus dem Mund, und immer weiter „bis zum nächsten Track“ über den „Soundtrack deines Lebens“. Staunend und fasziniert war das Publikum über das sprachliche Können des jungen Künstlers.

Dann war Marcus aus Paderborn an der Reihe mit einer fantasievollen und auch ein wenig nachdenkliche Erzählung über die Beziehung zu seiner Wand, die ihn später mit seinem Nachbarn betrogen hatte und ihn dadurch in die Arme seiner Wohnzimmertür getrieben hatte. Maschi aus Werl legte als nächster sofort nach. Es ging Schlag auf Schlag. Inzwischen war das kleine Fachwerkhaus rappelvoll. Sogar draußen versuchten einige dem Gesprochenen drinnen zu lauschen. „Ich bin ein Mensch, und ich lebe und bin frei“, Maschi sprach über die „Sinnlosigkeit des Menschen und des Lebens“ und spielte dabei unglaublich perfekt mit Wörtern. Als letzter Slammer der ersten Runde betrat Andreas Weber aus Münster die Bühne. Der 37-Jährige ist bekannt durch Auftritte im WDR, wo er bereits einen Dichtwettkampf gewonnen hat. Der Profi ging als Favorit ins Rennen und überzeugte mit seiner ersten Geschichte des Abends „Reine Verschwendung“: Dienstag, 18 Uhr, war es, als er von der Arbeit nach Hause kam und mal wieder das Licht hatte brennen lassen. Fernseher und Kaffeemaschine seien auch noch an gewesen. „Ich ärgere mich über dieses Ausmaß an Verschwendung.“ Er dreht das Glühlämpchen aus dem Kühlschrank heraus, denn wer weiß schon, ob es wirklich aus ist, wenn dieser geschlossen ist. Gleich den Stecker mit rausgezogen, denn der brummt beleidigt vor sich hin. Die Heizung abgestellt, denn die brummt auch. Das Publikum konnte sich vor Lachen kaum auf den Stühlen halten. Und als er dann erzählte, dass ihn Lisa anrief, weil diese ihn zum Bäume Umarmen einladen wollte, kochte die Hütte.

Ins Finale schafften es Andreas Weber und Thilo. Damit standen sich der Jüngste und der Älteste des Wettkampfs gegenüber. „Spiegelbild“ gewann am Ende vor dem „Wiesen Schorsch“. Der 16-Jährige Thilo aus Greven konnte nicht nur mit den Inhalten überzeugen, sondern auch durch die Art, seine Gefühle dabei zum Ausdruck zu bringen. Er ging als Sieger aus dem Poetry Slam heraus und darf nach Berlin reisen. Ob dort der nächste Wettstreit wartet?

Parallel war auch in den anderen Barendorfer Fachwerkhäusern eine Menge los. Gut besucht war das Nadelmuseum, wo Gitta Edelmann aus Bonn Auszüge aus ihren Erzählungen darbot. Gespannt verfolgten die Zuhörer „Das Muttertaggeschenk“. Schriftsteller Harald Gröhler aus Essen hatte die mysteriöse Geschichte „Der Vogel, der nichts verrät“ mit im Gepäck.

Im Café Barendorf wartete bereits Liliana Lukic. Liliana Lukic bezauberte mit ihrer Geschichte über Toni und die Zweisamkeit. Den Schlusspunkt setzte der Iserlohner Walter Wehner. Man hatte den Eindruck, dass sämtliche Besucher versuchten, im Obergeschoss Platz zu nehmen. Wer keinen Sitzplatz ergattern konnte, blieb tapfer stehen. Der Autor hatte „Der Beifahrer“ und „Die Borbeck-Connection“ mit dabei. Zum Abschluss der absolut gelungenen Veranstaltung wurde es dort noch einmal richtig spannend.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben