Soziales

„Die Schreie gehören bei Demenz zum Krankheitsbild “

Der Leiter des Seniorenzentrums Waldstadt, Meinolf Breimhorst, mit der Altenpflegerin Thi Tank Le auf dem Balkon des Altenheimes, aus dem häufig Schreie von dementen Personen zu hören sind.

Foto: Cornelia Merkel

Der Leiter des Seniorenzentrums Waldstadt, Meinolf Breimhorst, mit der Altenpflegerin Thi Tank Le auf dem Balkon des Altenheimes, aus dem häufig Schreie von dementen Personen zu hören sind. Foto: Cornelia Merkel

Iserlohn.   Wenn Altenheimbewohner immer wieder laut um Hilfe rufen, hat das oft mit ihrem Krankheitsbild Demenz zu tun. Heimleiter Meinholf Breimhorst weist den oft entstehenden Eindruck zurück, dass Bewohner vernachlässigt werden.

Schreiende Bewohner in Altenheimen sind nichts Ungewöhnliches, erklärt Meinolf Breimhorst. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den versuchten Mord an der Südstraße war das zur Sprache gekommen, ebenso wie die Schreie durch Streitereien am Bahnhof am Wochenende.

Besorgte Passanten oder Nachbarn alarmieren Polizei

Aber ihm ist wichtig klarzustellen, dass die Hilferufe oder Schreie aus dem Altenheim die Demenzerkrankungen der Bewohner zurückzuführen seien: „Vernachlässigung in der Pflege ist es nicht“, tritt er dem Eindruck entgegen, der durch diese Schreie häufig hervorgerufen werde: „Die Polizei war schon mehrfach im Haus, weil Passanten oder Nachbarn diese alarmiert hatten aus Sorge um die Altenheimbewohner. Oder es sind Leute von der Straße ins Haus gekommen, mit dem Gedanken, sie müssten helfen.“

Das städtische Seniorenzentrum Waldstadt beherberge immer mehr Menschen mit Demenz, erklärt Meinolf Breimhorst. „Die Situation, dass immer mehr Menschen mit dieser Krankheit im letzten Lebensabschnitt in Pflegeeinrichtungen wohnen, hat sich schon vor der Pflegereform vor fünf Jahren angedeutet.“

Von den Kostenträgern und der Politik sei es gewollt, dass die Erkrankten so lange wie möglich zu Hause gepflegt werden nach dem Motto „ambulant vor stationär“.

Von aktuell 154 Bewohnern des städtischen Seniorenzentrums Waldstadt sind 70 bis 80 Prozent an Demenz erkrankt – in einem unterschiedlichen Schweregrad von leichter Vergesslichkeit bis zu Extremfällen. Darunter sind auch Menschen mit Pick-Demenz, die bereits im Alter ab 50 Jahren einsetzen kann. Wenn die Betroffenen anhaltend laut schreien, sei das für die Angehörigen ebenso wie für die Mitbewohner und das Pflegepersonal stark belastend, erklärt Meinolf Breimhorst.

Der Anteil der Senioren, die „nur“ gepflegt werden müssen, weil sie gehandicapt seien, gehe stattdessen zurück. Meinolf Breimhorst berichtet außerdem von zunehmender Altersverwahrlosung im häuslichen Bereich: „Ich mache es schon lange im Altenpflegebereich, was mir fehlt ist jemand, der bei Gefahr im Verzug offensiv in Haushalte gehen kann.“ Breimhorst war früher im Jugendhilfebereich tätig und verweist auf Jugendschutzstellen. „Für alte Menschen gibt es das nicht.“ Er erzählt von Fällen, in denen Tagespflege-Patienten aus Kellern geholt wurden. Eine Frau habe in einem Keller gehaust, in dem sie kein Tageslicht hatte, und anstelle eines Badezimmers gab es nur eine Wasch- und eine Toilettenschüssel. „Als wir diese prekären Verhältnisse kritisierten, haben wir den Kunden verloren“, erzählt Breimhorst schulterzuckend. „Und das waren Leute in keiner schlechten Wohngegend.“

Breimhorst weiß, dass solche Fälle keine Seltenheit darstellen. Aber die alten Menschen seien auf die Personen, die sie versorgen, angewiesen: „Da macht man den Mund nicht auf. Für die Betroffenen ist es eine ganz schwierige Situation.“

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