Wirtschaft

Die Zahl der Insolvenzverfahren ist rückläufig

Jedes Inkasso-Verfahren eine Handakte: Die Bonität von Privatleuten und Unternehmen beschäftigt (v. li.) Gabriele Wick, Karin Nadzikowski und Michael Schulte von der Iserlohner Creditreform-Geschäftsstelle berufsmäßig.

Foto: Michael May

Jedes Inkasso-Verfahren eine Handakte: Die Bonität von Privatleuten und Unternehmen beschäftigt (v. li.) Gabriele Wick, Karin Nadzikowski und Michael Schulte von der Iserlohner Creditreform-Geschäftsstelle berufsmäßig. Foto: Michael May

Iserlohn.   20 Unternehmensinsolvenzen weniger im Jahr spiegeln die gute Konjunktur auch in Iserlohn wider. Creditreform hat Zahlen zusammengestellt.

Sinkende Arbeitslosenzahlen und ordentliches Wachstum – die guten Zahlen aus der Wirtschaft kurbeln den Konsum an. Und sie sorgen dafür, dass die Zahl der Insolvenzverfahren bei Unternehmen und Verbrauchern gesunken ist. In der Iserlohner Geschäftsstelle von Creditreform hat man die Zahlen im Blick. Die Statistik für das erste Halbjahr 2017 stimmt optimistisch.

Die Iserlohner Geschäftsstelle von Creditreform wertet die offiziell bei Gericht verzeichneten Zahlen aus. Waren 2016 noch 72 Firmen von Insolvenzen betroffen, mussten im ersten Halbjahr 2017 nur 24 den Weg zum Insolvenzgericht antreten. Auf das ganze Jahr hochgerechnet wären das „nur“ 48 Fälle. Bei den Verbraucherinsolvenzen sieht es ähnlich aus: 69 Fälle im ersten Halbjahr 2017 ergeben hochgerechnet auf das ganze Jahr 138 Fälle. Zum Vergleich: 2015 hatten 207 Menschen auf diesem Weg einen Weg aus der Verschuldung gesucht, 2016 wares es 174.

„Wenn man das herunterbricht auf unseren kleinen Bereich, dann sind 20 Insolvenzen weniger schon einiges“, sagt Michael Schulte, Di­plom-Wirtschaftsingenieur und Kundenberater in der Iserlohner Geschäftsstelle, die innerhalb des Verbandes Creditreform als eigenständiges Unternehmen organisiert ist. Zwölf Mitarbeiter arbeiten am Feldmarkring in Sümmern für das Unternehmen Creditreform Iserlohn Wick KG mit der Geschäftsführerin und Inhaberin Gabriele Wick an der Spitze. Der „kleine Bereich“, das ist in diesem Fall das Iserlohner Stadtgebiet, auch wenn das Sümmeraner Büro für einen größeren Raum rund um die Waldstadt zuständig ist: Hemer, Menden und Balve, Schwerte und Hohenlimburg. Insbesondere die Unternehmensinsolvenzen seien von wirtschaftlicher Relevanz, erklärt Michael Schulte, der aber auch Überschneidungen mit den Verbraucherinsolvenzen sieht. „Dahinter stehen Arbeitsplätze und Familien.“ Denn mit dem Betrieb fallen Job und Einkommen der Mitarbeiter weg.

Hinter den Zahlen stehen weitere Problemfälle

Doch die 24 Insolvenzanträge von Unternehmen und 69 beantragten Verbraucherinsolvenzen im ersten Halbjahr dieses Jahres spiegeln die Realität nur unzureichend wider. Weil ein solches Verfahren im Regelfall sechs Jahre dauert, befinden sich auch die Antragsteller aus den Vorjahren in der Phase, in der ihnen selbst nur ein Sockelbetrag zum Leben bleibt, der Rest komplett an die Gläubiger fließt, bis die Restschuldbefreiung erteilt wird. Mehr als 1000 Iserlohner dürften derzeit das Verfahren durchlaufen, um ihre Schulden hinter sich zu lassen. Hinzu kommt eine Dunkelziffer von Menschen mit „harten Negativmerkmalen“, wie es in der Branche heißt. Die Nichtabgabe der Vermögensauskunft beim Gerichtsvollzieher führt beispielsweise dazu, dass derjenige als nicht kreditwürdig eingeschätzt wird und deshalb weder Waren auf Rechnung kaufen kann, noch einen Kredit erhält.

Wirtschaftsauskunftei und Inkassounternehmen – die Creditreform vereint die Aufgaben unter einem Dach. Sie wurde 1879 in Mainz als Verein von Kaufleuten gegründet und besteht heute aus 129 selbstständigen Geschäftsstellen wie der von Gabriele Wick und ihren Mitarbeitern. „Unser Hauptgeschäft ist das Inkasso“, erzählt die Geschäftsführerin aus der Praxis. So haben sie und ihre Mitarbeiter einen tiefen Einblick in das Kaufverhalten der Menschen. „Wir leben in einer konsumorientierten Gesellschaft“, benennt Kundenberater Michael Schulte ein Grundproblem. Schulden zu machen, ist in Zeiten von Ratenzahlung und Null-Prozent-Finanzierungen, die in nahezu jedem Prospekt beworben werden, einfach geworden. Und ein Handyvertrag kann schnell ein großes Loch in die Kasse reißen.

Gute Erfahrungen mit den Schuldnerberatern

„Eine gewisse Eigenverantwortung hat jeder für sich selbst“, erklärt Karin Nadzikowski, die Leiterin der Inkassoabteilung des Sümmeraner Büros. Dass inzwischen viele junge Leute schon im Alter von 20 Jahren eine Vermögensauskunft abgeben müssen, empfindet die erfahrene Creditreform-Mitarbeiterin als besorgniserregende Entwicklung. „Modernes Inkasso wie wir es betreiben, hat mit stupidem Forderungseintreiben nichts zu tun“, erzählt sie weiter und spricht von durchweg guten Erfahrungen mit Schuldnerberatungen, mit Gerichtsvollziehern und mit dem Großteil der Schuldner selbst. „Der Schuldner ist ein Kunde wie jeder andere Kunde auch“, betont Ga­briele Wick. In der Praxis werde nicht nur geschrieben, sondern viel telefoniert und miteinander gesprochen: Kooperation statt Konfrontation, ohne das Interesse des Auftraggebers aus den Augen zu verlieren. Karin Nadzikowski: „Wir wollen ja was Wichtiges vom Schuldner, das ist sein Geld.“ Manchem Schuldner würden Karin Nadzikowski und ihre Kollegen eher einen anderen Weg als das Insolvenzverfahren anraten. „Streng dich doch mal an“, formuliert sie ihren Gedanken an so manchen, schließlich dauere eine Insolvenz lange und sei eben keine einfache Angelegenheit.

Ein Bereich, mit dem sich Credit-reform traditionell beschäftigt, sind die Unternehmensauskünfte, stets unter Wahrung datenschutzrechtlicher Vorgaben. Für die Betriebe geht es im Allgemeinen darum, vorher zu wissen, ob der gewerbliche oder auch der private Kunde seine Rechnung später bezahlen will und bezahlen kann. Entsprechend trägt das Sümmeraner Büro Erfahrungen seiner Kunden zusammen, auch im Netzwerk des Verbandes. Durch die regionale Struktur mit eigenen Geschäftsstellen hat sich in dem Unternehmen eine besondere Recherche-Kultur erhalten. Nicht nur Stimmen und Informationen von anderen werden zusammengetragen, sondern die Creditreform-Mitarbeiter sprechen die heimischen Unternehmen gezielt an, um Einschätzungen für die Kunden zu gewinnen. „Auf der andere Seite sind die Unternehmen ebenfalls daran interessiert, sich selbst darzustellen“, erläutert Gabriele Wick die Vorgehensweise. So geschieht es nicht selten, dass Unternehmen im Büro in Sümmern ihre Jahresabschlüsse, Auswertungen und Pläne für die Zukunft präsentieren, um als zuverlässiger Auftragnehmer zu gelten.

Ein neuer Blick auf die Lieferantenbeziehungen

Wer sich vorstellt, dass im gewerblichen Bereich grundsätzlich der Auftragnehmer die Bonität seines Auftraggebers erfahren will, irrt. Inte­grierte Lieferketten, bei denen genau vorgegeben ist, wann ein bestimmtes Teil wo benötigt wird, machen Verlässlichkeit zur unbedingten Notwendigkeit im Produktionsalltag. „Kann der Geschäftspartner langfristige Lieferverträge einhalten?“, formuliert Kundenberater Michael Schulte, die Frage, die sich Unternehmer heute stellen und sich damit auch an die Wirtschaftsauskunftei wenden. Der reine Blick auf den günstigen Einkaufspreis tritt somit in den Hintergrund, wenn Partnerschaften mit den Lieferanten angestrebt werden.

Laufen die Geschäfte über einen langen Zeitraum gut, sinkt nach Erfahrungen der Bonitätsfachleute die Bereitschaft, vor einem Vertragsabschluss eine Auskunft einzuholen, weil dann Ausfälle insgesamt seltener eintreten. „Prävention wird bei vielen Firmen nicht hochgeliked“, formuliert es Schulte ziemlich neudeutsch und empfiehlt naturgemäß, besser zu viele als zu wenige Auskünfte einzuholen. Dass unbezahlte Rechnungen Betriebe schnell in Schieflage bringen können, kennt man bei der Creditreform ganz praktisch aus dem Bauhandwerk. Dort kalkulieren manche Auftraggeber ein, dass der Handwerker den Rechnungsbetrag eintreiben lassen muss. Vor Gericht kommt dann oft ein Vergleich heraus, mit dem sich manche Bauherren vermutlich einen eigentlich unredlichen Nachlass verschaffen.

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