Diesel-Debatte

Diesel-Motoren – eine Frage der Perspektive

Pack dir Diesel in den Tank? Millionen Autofahrer sind derzeit äußerst verunsichert.

Foto: Michael May

Pack dir Diesel in den Tank? Millionen Autofahrer sind derzeit äußerst verunsichert. Foto: Michael May

Iserlohn.   Schadstoffe, „Abwrackprämien“, Technik: Heimische Autohändler nehmen Stellung zur Diesel-Debatte.

Diesel-Krise, Diesel-Skandal, Diesel-Gate – in der Autonation überschlagen sich derzeit die Hiobsbotschaften. Software-Tricks und mangelnde Abgasreinigung bei Stickoxiden (NOX) lassen die Preise bei gebrauchten Diesel-Fahrzeugen purzeln, vernichten Werte bei den Besitzern. Denn im Hintergrund drohen mögliche Fahrverbote in Großstädten.

Was mit VW begann, hat sich inzwischen auf alle deutschen Autohersteller ausgedehnt – und damit deren Diesel-Kunden: größte Verunsicherung. Aber auch die Händler ausländischer Marken, die nicht mit den technischen Betrügereien verwoben sind, bekommen die Diesel-Debatte zu spüren: „Wir sind alle betroffen“, resümiert Ralf Aller, Toyota-Händler und stellvertretender Kfz-Obermeister in Iserlohn.

Alte Diesel verschrotten, Rabatte auf Neuwagen

„Die Frage ist, wie die Verbraucher im Kopf damit umgehen“, sagt Aller. Und: Wie und wann entscheidet die Politik? „Gut wäre, wenn die Regierung zum Beispiel erklären würde, dass alle, die ein Auto mit mindestens Euro-5-Norm besitzen, sich keine Sorgen machen müssen.“

Klar ist, dass der Volkswagen-Konzern seit gestern Rabatte anbietet für Kunden, die Neuwagen oder Jahreswagen kaufen – und dafür ihre alten Diesel-Fahrzeuge, von Euro-1-Norm bis Euro-4-Norm, verschrotten lassen. Das Abwracken übernehmen die Händler, die Prämien für Neuwagen liegen zwischen 2000 und 10 000 Euro, erläutert Markus Venemann, Verkaufsleiter beim VW-Autohaus Nixdorf in Hemer. 3000 Euro gibt es etwa beim Kauf eines Polo, 5000 Euro beim Golf und 10 000 Euro beim Touareg. Beim Kauf von VW-Jahreswagen schwanken die Prämien zwischen 1500 und 7500 Euro.

Zusätzliche Rabatte winken beispielsweise beim Kauf von Elektrofahrzeugen: Wer einen alten Diesel verschrotten lässt und dafür einen neuen E-Golf kauft, der erhält nicht nur 7380 Euro „Abwrackprämie“, sondern weitere 4000 Euro, die je zur Hälfte von VW und Vater Staat übernommen werden. Das macht summa summarum 11 380 Euro.

Mercedes hat neben „Software-Updates“ für bestimmte Modelle ebenso Abwrack-Rabatte beim Neuwagenkauf angekündigt. Zum Diesel-Thema wollte die Marketing-Leiterin des Mercedes-Autohauses Jürgens, Annette Thewes, auf Nachfrage der Heimatzeitung aber keine Stellung nehmen.

Das Interesse der Kunden richtet sich bei vielen Händlern derzeit deutlich auf Autos mit Benzin-Motoren. Wie weit die „Abwrackprämie“ für Diesel-Fahrzeuge den Absatz ankurbelt, bleibt jedoch abzuwarten. Denn wer einen betagten gebrauchten Diesel fährt, ist potenziell nicht unbedingt ein Neuwagenkunde.

Ganz anders ist die Perspektive im Iserlohner Autohaus Pütter (Volvo, Jaguar Land Rover). „Unser Image ist sehr gut. Wir haben viel Zulauf von Kunden deutscher Fabrikate“, betont Axel Pütter. Zumal Volvo versichert habe, nicht in Diesel-Tricksereien verwickelt zu sein.

Aber auch Pütter würde sich klarere Worte aus der Politik wünschen. „Wir Deutsche sind nun mal eine Reisenation“, unterstreicht er. Und gerade im Segment der SUV-Fahrzeuge entschieden sich die meisten Kunden nach wie vor für einen Diesel.

Beim Toyota-Händler Ralf Aller geht der Blick derweil in eine ganz andere Richtung: Toyota setze seit vielen Jahren schon konsequent auf Hybrid-Technologie, also eine Kombination aus Verbrennungsmotor und Elektromotor. Bei Diesel-Aggregaten habe Toyota schon vor Jahren auf eigene Entwicklung verzichtet und baue zugekaufte Motoren von BMW ein. So schätzt Aller den Diesel ein wie ehedem die Dinosaurier – eine aussterbende Art.

Wer fährt denn nun umweltbewusster?

„Wir haben doch zum Diesel noch gar keine richtige Alternative“, erklärt indes der Iserlohner Renault-Händler Ulrich Pape: Wenig Verbrauch, günstiger Treibstoff, das zeichne den Diesel aus. An der Zugkraft bei Kunden sei „auch der Staat nicht ganz unschuldig“. Zumal die CO2-Bilanz des Diesels besser ist als bei Benzinmotoren.

Mit Augenzwinkern macht Pape folgende Rechnung auf: Ein Paar ist getrennt unterwegs nach Stuttgart – er bei Vollgas mit einem benzindurstigen 400 PS starken Sportwagen, sie besonnen mit einem sparsamen Diesel-Kleinwagen. Der Sportwagen darf in die Stadt, der kleine Diesel nicht. „Glauben Sie wirklich, der Sportwagenfahrer sei umweltbewusster?“, fragt Pape rhetorisch.

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