Interview

„Diesen Hass kann ich nicht nachvollziehen“

Dr. Andreas Hollstein setzt für sich immer wieder die Tat, die Tatfolgen, Tätermotive und auch die öffentlichen Reaktionen aus Einzelteilen zusammen.

Foto: Michael May

Dr. Andreas Hollstein setzt für sich immer wieder die Tat, die Tatfolgen, Tätermotive und auch die öffentlichen Reaktionen aus Einzelteilen zusammen. Foto: Michael May

Iserlohn/Altena.   Altenas Bürgermeister Dr. Hollstein lebt mit der Attacke auf sein Leben. Er versteht sie nicht, aber arbeitet weiter die Gründe auf.

Wenn am Dienstag der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Altena dem Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein die Hand zur Begrüßung reicht, dann mussten ihn seine Mitarbeiter vorher wahrscheinlich nicht sonderlich briefen. Das überdurchschnittliche Flüchtlings-Engagement der Stadt an der Lenne als Teil einer kommunalen Entwicklungsstrategie hat sich ja bis in höchste nationale wie internationale politische Kreise rumgesprochen. Aber der Bundespräsident hat auch erschrocken die Attentats-Meldungen aus dem November des letzten Jahres gehört, als Dr. Hollstein in einer Imbiss-Bude Opfer einer unvorhersehbaren, aber möglicherweise geplanten Messer-Attacke wurde. Heute, ein Vierteljahr später, zeigt sich der Bürgermeister wieder erstarkt. Man fühlt bei ihm eine Mischung aus abgeklärter Nachdenklichkeit und rhetorisch-argumentativer Kampfbereitschaft. Ein Gespräch über einen wirklichen Lebens-Einschnitt.

Man kommt um die Frage ja gar nicht herum: Wie geht es Ihnen heute – knapp ein Vierteljahr nach der Messer-Attacke auf Sie und Ihr Leben?

Mir geht es soweit gut, die Akut-Phase liegt sicherlich hinter mir. Allerdings musste ich schon zur Kenntnis nehmen, dass sich so einiges verändert hat. Aus so einer Ur-Vertrauenssituation in einer Kleinstadt wie Altena hat man natürlich plötzlich anders Angst, wissend, dass so etwas immer wieder und jedem passieren kann. Hinzu kamen körperliche oder gesundheitliche Reaktionen, auf die ich schließlich mit einer Auszeit reagieren musste. Inzwischen bin ich aber wieder voll im Geschäft.

Was empfinden Sie heute für die Tat und den Täter?

Sicherlich kein Verständnis. Ich habe ja gesagt, ich empfinde keinen Hass auf den Täter – und das ist auch nach wie vor der Fall. Ich glaube, dass der Täter auf einem gewobenen Teppich aus Motiven und Argumentationsmustern aus dem rechten und rechtspopulistischen Bereich ausgeglitten ist. Ich kann nicht sagen, dass er mir leid tut, denn jeder ist in diesem Staat auch noch für sich selbst verantwortlich. Aber ich habe keinen Hass gegen diesen Menschen. Allerdings bleibt es ein Unrecht.

Umschreibt „Ausländerfeindlichkeit“ wirklich sein Grund-Motiv des Angriffs?

Diese Ursachenforschung muss vor Gericht stattfinden. Seine Argumentation gehörte allerdings zusammen. Einerseits seine persönliche Notlage und andererseits sein Glaube, dass daran die Menschen Schuld seien, die zu uns gekommen sind. Und ich war dann eben das Ventil, um die Verzweiflung loszuwerden. Wir dürfen aber in dieser Gesellschaft nicht anfangen, nach Gründen zu suchen, warum es verständlich ist, einem Menschen ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser an den Hals zu setzen. Ein Messer, das er augenscheinlich zum Zwecke der Tat mitgenommen hat und mit den Worten „ich stech dich ab“ auch benutzt hat.

Wie haben Sie danach bewusst Dinge in Ihrem Leben in Ihrem Handeln verändert?

Ich denke, ich war die erste Zeit deutlich vorsichtiger, musste mich überwinden, Wege im öffentlichen Raum zu gehen. Da habe ich mit mir selbst gerungen, hatte Angst-Momente. Aber insbesondere die gewaltige Zahl der Reaktionen von tief betroffenen Altenaer Bürgerinnen und Bürgern aber eben auch von überall her haben mich beeindruckt. Und betroffen gemacht. Allerdings auch die stattliche Zahl von Menschen, die meinen, es sei richtig, dem Opfer mitzuteilen, dass es eigentlich selbst schuld ist, dass es schade ist, dass es nicht umgekommen ist. Oder dass man ihn aber beim nächsten Mal bekommt. Ich habe im Dezember zusätzlich auch alle Hate-Speech- und Bedrohungsszenarien erleben müssen. Es gibt Bilder von mir, die mit einer Blutlache versehen wurden, Bilder mit ausgestochenen Augen. Eine Form von Hass, die ich nicht nachvollziehen kann, denn die kam nicht aus unserem Kleinstädtchen.

Hat Angst einen neuen Platz in Ihrem Leben und Denken?

Nein. Angst darf es nicht geben, weil man dann anders handeln müsste. Wenn man als Bürgermeister Angst hätte, in Gruppen zu gehen, mit Menschen zu sprechen, dann wäre man falsch am Platz. In den ersten Tagen war das natürlich so. Ich erinnere mich an ein zufälliges Zusammentreffen mit einem Mann, der die gleiche Physiognomie wie der Täter hatte. Der sprang auf mich zu, wollte mir aber nur sein Bedauern ausdrücken. Das löste sich dann so auf – und so etwas führt auch zu neuen Brücken des Vertrauens. Also – Angst nicht, aber vielleicht das Ablegen einer leichten Naivität im Umgang mit möglichen Risiken.

Bekommt ein durchaus wertneutral gemeinter Egoismus im eigenen Wertebild einen neuen Platz?

Die Frage „Warum machst Du das überhaupt?“ stellt man sich natürlich in der Akut-Phase. Im Krankenwagen. Aber auf dem Behandlungstisch in Werdohl habe ich schon gesagt: „Ist eigentlich kein Thema, ich mache es ja nicht für mich, sondern für meine Bevölkerung.“

Fürchtet man, irgendwann einmal das Verständnis, die Solidarität und somit auch die Liebe der Familie zu verlieren?

Ja, das wäre für mich allerdings ein Grund, meinen Job zu quittieren. Wenn die Familie nicht mehr mitträgt, was man macht. Obwohl meine Frau gerade auch in der Folgezeit mit den Bedrohungsszenarien furchtbar viel Angst um mich hatte, ist sie den Weg mitgegangen und hat mich sogar noch aufgebaut. Auch meine Kinder haben gesagt: Du bist so wie Du bist, und für uns musst Du Dich nicht ändern, musst für uns nicht Deinen Beruf und Deine Berufung aufgeben. Klar ist, dass man ohne eine Familie so eine Situation nicht stemmen kann.

Eine große Mitschuld geben Sie den sozialen Netzwerken. Warum?

Nicht nur den sozialen Netzwerken. Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die Individualansichten grenzenlos gesetzt werden. Das äußert sich bei den Einsätzen der Feuerwehr und Sanitätern, die von Gaffern gefilmt werden, die dabei einfach nur im Weg stehen und die Hilfe für Verletzte behindern. Das gilt auch für D-Jugend-Spiele. Früher hat mal ein Elternteil etwas dazwischen gerufen Richtung Schiedsrichter, heute müssen neutrale Zonen gebildet werden, damit sich die Eltern der unterschiedlichen Lager nicht mehr begegnen. In den Netzwerken tobt sich so etwas wirklich aus. Nochmal bezogen auf mich: Die überwiegende Zahl der Bedrohungen und Schmähungen kam über das Netz: Tenor: An Merkel kommen wir nicht ran, aber an Reker und dich kommen wir dran!

Sie haben diese Bedrohungen und Anfeindungen auch alle der Polizei übergeben?

Soweit sie aus meiner Sicht strafrelevant sind, ja. Ganz schlimm wurde es ja auch noch bei der Kommentierung der einzelnen Medienbeiträge, da gab es den meisten Schmutz. Da haben die ganz stramm rechtsradikalen Organisationen zugeschlagen. Das hat zu vielen Strafermittlungsverfahren geführt. Ob es aber von Erfolg gekrönt ist, wenn man gegen ‚Paulchen Panther‘ ermittelt, sei mal dahingestellt. Ich glaube aber, dass wir in unserer Gesellschaft viel zu lange viel zu still geblieben sind. Wir müssen darüber reden, um endlich Antworten geben zu können. Wenn ich aber in der gleichen Zeit lese, dass ein Gericht in den neuen Bundesländern geurteilt hat, dass es zur Kunstfreiheit gehört, einen Politiker am Galgen abzubilden, dann kann ich als Jurist, der zwar lange raus ist und das vielleicht deshalb nicht mehr versteht, sagen: Ich schäme mich für solche Urteile.

Alle Welt singt das hohe Lied auf die Digitalisierung – auch soziale Netze sind ein Teil davon, muss man nicht eher warnen?

Das gehört dazu. Neue Entwicklungen werden zunächst einmal offenbar grenzenlos gesehen. Wir müssen darüber reden, dass Digitalisierung unserer Gesellschaft viele Chancen bringt, aber auch viele Gefahren. Wenn ich nur daran denke, dass Kinder Portale für Mobbingangriffe nutzen, ohne zu wissen, was sie damit überhaupt anrichten.

Woher rührt dieser verbreitete Hass auf Ausländer, übertüncht er nur andere soziale Probleme?

Ausländerhass ist ein Ventil, mit dem Menschen, die zum Glück nicht über eine gesellschaftliche Relevanz in diesem Land verfügen, sich größer aufspielen konnten, als sie sind. Daraus ist ein Scheinriese geworden, der an diesem Thema gewachsen ist. Das gibt es aber eben auch bei anderen gesellschaftlichen Debatten, dass die Menschen hemmungslos werden. Zum Beispiel bei Schulschließungen oder Ansiedlungen von Gewerbebetrieben. Allerdings stellen wir fest, dass Rechtspopulismus insbesondere in den sozial abgehängten Teilen der Großstädte und im ländlichen Raum, der sich auch berechtigt politisch vernachlässigt sieht, groß geworden ist.

Wie kann und sollte man diesen Einstellungen begegnen. Kann reden wirklich noch helfen? Muss der Staat konsequenter, härter reagieren?

Ich bin nicht so der Law-and-Order-Mann, zumal das oft dazu führt, dass man das juristisch gar nicht gegriffen bekommt, was man eigentlich greifen will. Wenn man jetzt dazu kommt, überhaupt eine gesellschaftliche Debatte zu führen, sich mit Fragen zur „Hate-Speech“ (Hassrede – die Red.) auseinanderzusetzen, die Verantwortlichen der Foren auf ihre Verantwortung hinzuweisen, dann haben wir schon Veränderungen erreicht. Aber wir brauchen auch ein argumentatives Abwägen, dürfen die Rechte der Individuen nicht über die der Gesellschaft stellen.

Noch einmal zurück zu Altena. Sie haben Ihr Engagement für die Ausländer und deren Integration zunächst mit Menschlichkeit und Unterstützung von Merkels „Wir-schaffen-das“ begründet. Hatten aber wahrscheinlich auch positive Absichten für das sich langsam leerende Altena. Welche positiven Effekte sind tatsächlich eingetreten?

Zunächst einmal war und ist das ein kleines Rädchen in dem gesamtstrategischen Ansatz, wie wir Altena verändern wollen. Wir haben gesagt, wir haben den Wohnraum und die Möglichkeit zur Hilfe in der humanitären Situation von 2014. Wir hatten auch die Instrumente in der Bürgerschaft, um damit umzugehen. Begleiter für ehrenamtliche Sprachkurse, dann unsere so genannten „Kümmerer“. Und neben der humanitären Hilfe haben wir überlegt, dass sich daraus vielleicht auch eine Win-win-Situation würde ableiten lassen. Nämlich, dass eine gute, umfassende Integration uns langfristig auch einen Vorteil bringen würde. Wovon ich übrigens auch heute noch überzeugt bin. Allerdings glaube ich eben auch, dass seit zwei Jahren zu beobachtende Verbesserungen bei der Geburten- und Bevölkerungsstatistik für Altena auch auf eine Vielzahl kleinerer und größerer Stellschrauben unserer Arbeit zurückzuführen sind. Konkret beurteilen können wir das wohl erst in zehn Jahren.

Man muss ja vielleicht auch einmal die Zahlen etwas relativieren. Altena ist kein gigantisches Aufnahmelager mit eigener Burg. 450 aufgenommenen Flüchtlingen stehen 17 800 Einwohner gegenüber.

Ich erkläre das immer mit einem anderen Vergleich. Wir haben weniger Flüchtlinge als Italiener und Griechen mit einem eigenen Pass. Das überfordert uns nicht, das ist leistbar.

Nehmen die Altenaer wahr, dass nicht nur der Märkische Kreis oder NRW staunend auf Altena schauen, sondern Europa und die Welt?

Ich glaube eher nicht. Das wird eher monostrukturiert auf die Geflüchteten gesehen und weniger auf die Prozesse, die dahinterliegen. Aber am Ende zählen ja auch nur die Erfolge.

Aber das Selbstwertgefühl ist ja auch nicht zu verachten.

Das ist in der Tat nicht zu verachten, aber da sind die Altenaer wahrscheinlich doch eher wie die Südwestfalen: Wenn der sagt, wir haben etwas gut gemacht, dann hat er auch schon sechs Mal über die Probleme gesprochen, die dabei zutage getreten sind. Aber es war auch für mich schon eine besondere Situation, als die französische Zeitung „Le Monde“ oder die amerikanische „Washington Post“ auf der Titelseite über Altena berichtet haben. Oder als wir EU-Musterbeispiel für den Umgang mit Schrumpfung wurden. Aber letztlich wird das Spiel doch auf dem Platz, vor der Haustür, gewonnen.

Seit ein paar Wochen ist bekannt, dass Sie überraschend als SGV-Präsident zurückgetreten sind. Ist auch das Folge der November-Ereignisse?

Ja, da ist es, da mit der Abarbeitung des Prozesses besondere Belastungen auf mich zukommen werden. Parallel dazu muss beim SGV der Deutsche Wandertag vorbereitet werden, was mit Sicherheit eine Mammutaufgabe für den Verein ist. Und da ich immer den Anspruch habe, meine mir gestellten Aufgaben hundertprozentig zu lösen, wollte ich in der jetzt anstehenden Lage nicht an mir selbst verzweifeln. Es tut mir auch leid, denn der SGV war eine schöne Aufgabe. Da muss sich jemand mit voller Kraft ans Ruder stellen können, um die vielen tausend Mitglieder mitzunehmen.

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