IS-Drama

Dramatische Lehrstunden auf der Theaterbühne

Via Skype stets verbunden: IS-Kämpfer Bilel versucht mit Psychoterror und Schmeicheleien die vermeintlich naive „Mélody“ zu verführen.

Foto: Michael May

Via Skype stets verbunden: IS-Kämpfer Bilel versucht mit Psychoterror und Schmeicheleien die vermeintlich naive „Mélody“ zu verführen. Foto: Michael May

Iserlohn.   Das Stück „Undercover Dschihadistin“ fasziniert 350 Schüler im Iserlohner Parktheater.

Anna Erelle hat wahrlich mit dem Feuer gespielt als „Undercover Dschihadistin“. Die französische Journalistin klinkte sich auf Internetforen und bei Facebook unter Pseudonymn ins Netzwerk des „Islamischen Staats“ ein – und ging dabei so weit, dass sich ein namhafter IS-Anwerber aus Syrien bereits mit ihr verheiratet wähnte. Kurz vor Toresschluss brach sie ihr gefährliches Experiment für die Recherche ab. Am Ende schrieb sie ein Buch darüber und musste abtauchen. So ist auch „Anna Erelle“ nur ein Kunstname, die wahre Autorin bleibt im Verborgenen.

Fesselnder Stoff anderthalb Stunden

Aber die Geschichte der „Undercover Dschihadistin“ ist authentisch und wirkt in der Bühnenfassung von Christian Scholze für das Westfälische Landestheater als dramatisches Lehrstück, das am Donnerstagmorgen rund 350 Schülerinnen und Schüler im Parktheater fesselte. Das reichte von der achten Klasse bis zur Oberstufe, von Gymnasiasten aus Letmathe, Menden und Halver über das Berufskolleg Hansaallee in Iserlohn bis zur Hauptschule Letmathe. Das Parktheater also als Klassenzimmer für Kunst, Politik und Geschichte.

Drei gute Schauspieler, vier Stühle, ein Sofa, einen Tisch und einen großen Monitor – mehr braucht es auf der Bühne nicht, um diesen brandheißen Stoff so zu inszenieren, dass ihm junge Leute anderthalb Stunden folgen. Nicht immer mucksmäuschenstill, denn ein ums andere Mal gibt es Augenblicke, in denen das grausame Psychospiel auch Raum gibt für erlösendes Lachen. Dafür bürgt vor allem Neven Nö-thig alias Abou Bilel, der durch Mimik, Outfit oder Konsumwelt-Outing auch komödiantische Züge trägt. Etwa, wenn er plötzlich mit Adidas-Jacke und Ray-Ban-Brille vor der Kamera am Laptop sitzt. Wenn er teures Parfüm als Geschenk wünscht – oder onanierend von Reizwäsche unter der Burka faselt. Obwohl er doch alles Westliche hasst und abschlachten will.

Die Botschaft: Lasst euch nicht verführen

Gegenüber sitzt ihm die Französin „Mélody“, vermeintlich blutjung und zum Islam konvertiert, brav verschleiert und vermeintlich ein naives Opfer. Sie macht ihm Zugeständnisse, zögert und verlockt im Wechsel, um mehr über den IS und Verführungen aufs Schlachtfeld des religiös verbrämten Größenwahns zu erfahren. Und dazwischen stehen die Dialoge der Journalistin Anna mit ihrem Kollegen Milan, der sie wiederholt zum Abbruch des Mélody-Experiments mahnt – das sich zum Ritt auf einer Rasierklinge entwickelt.

Am Ende hat Anna ihren Kopf noch mal aus der Schlinge gezogen, ist dem Psychoterror via Smartphone und Laptop nicht erlegen. Aber zwischendrin scheinen die Figuren von „Mélody“ und Anna gefährlich zu verschwimmen.

Nach anderthalb Stunden auf der Bühne gehen die Schauspieler mit den Schülern ins Gespräch, erklären, beantworten alle Fragen und machen Mut: Lasst euch nicht verführen – so heißt die Botschaft.

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