Lebensgeschichte

Ein Bein verloren, ein Leben gewonnen

Jojo hat 20 Kilo zugenommen und kann seit ein paar Wochen auf seiner dauerhaften Prothese laufen. Die Alkoholsucht habe er besiegt, sagt er.

Jojo hat 20 Kilo zugenommen und kann seit ein paar Wochen auf seiner dauerhaften Prothese laufen. Die Alkoholsucht habe er besiegt, sagt er.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Früher hat er Obdachlose verachtet – bis er selbst auf der Straße landete und fast dort starb. Heute ist er glücklich.

Jürgen Harz weiß, wie es ist, alles zu haben im Leben – und nichts. Der 53-Jährige hat sieben Jahre auf der Straße gelebt, erst in Dortmund, später in Iserlohn. Hier wäre er fast gestorben, doch ein beherzter Bürger sorgte dafür, dass „Jojo“ ins Krankenhaus kam, wo eine Beinamputation sein Leben rettete. Inzwischen hat er das Glück wieder gefunden: Im Seniorenzentrum Waldstadt hat er gelernt, mit einer Prothese wieder zu laufen. Er hat soziale Kontakte und übernimmt Verantwortung in der Bewohnervertretung. Mit unserer Zeitung hat er über seine Erfahrungen gesprochen.

Mit seinem früheren Ich geht Jojo hart ins Gericht

Mit dem Namen, der in seinem Personalausweis steht – er ist stolz, wieder einen zu besitzen – kann Jürgen Harz nicht viel anfangen. Solange er denken kann, nennen die Leute ihn Jojo. „Weil ich immer wieder zurück komme“, sagt mit einer Mischung aus Spaß und Ernst. Nicht nur äußerlich habe er sich verändert, betont er: „Früher hätten Sie mich nicht kennenlernen wollen.“ Früher, das war vor seinem Absturz. Dank seines Jobs als Arbeiter in einer Schokoladenfabrik in Brackel kann sich Jojo materielle Wünsche erfüllen: Auto und Motorrad, Keyboards und eine E-Gitarre, modische Kleidung. Eine schöne Mietwohnung bietet Raum für die Besitztümer.

Nur für Mitgefühl ist kein Platz. „Ich war ein arrogantes Schwein“, sagt der 53-Jährige über sein früheres Ich. Als er mit seiner Frau in der Dortmunder Innenstadt unterwegs ist, bemerkt er einen Bettler am Straßenrand. Der Anblick versetzt Jojo in Rage: Er stößt den Pappbecher des Mannes um, spuckt ihn an, beleidigt ihn. „Am liebsten hätte ich ihn ins Gesicht getreten. Ich weiß selbst nicht, warum.“

Wenige Jahre später erlebt er die Situation erneut – mit vertauschten Rollen. Diesmal sitzt er auf der Straße, zum ersten Mal hat er sich dazu durchgerungen, zu betteln. Auch er stellt in stiller Hoffnung einen Pappbecher vor sich auf den Bordstein. Ein Passant geht auf ihn los, spuckt und schimpft. „Geh malochen, du faule Sau, hat er gesagt“, erinnert sich Jojo. Die Erniedrigung von damals ist ihm auch bei seiner Erzählung noch anzumerken. „Normalos denken, man wäre als Penner geboren“, erklärt er. Normalos sind Menschen, wie Jürgen Harz heute wieder einer ist, mit einem Dach über dem Kopf und Zielen im Leben.

Wie fällt man aus einem geregelten Dasein hinaus, stürzt so tief, dass man sich selbst aufgibt? Diese Frage hat Jojo in seiner Zeit „auf Platte“ oft gehört. „Warum bettelst du?“, wollen viele wissen, einige wagen auch Kritik an dem, was er tut. Dass er sich öffentlich selbst erniedrigt, finden sie nicht richtig. Schon seine Selbstbezeichnung lässt Widerworte aufkeimen: „Du bist kein Penner, haben sie gesagt, du bist ein Mensch.“ Sie könnten ja Clochard, das französische Wort benutzen, wenn ihnen das besser gefiele, entgegnet Jojo, aber an der Wahrheit ändere das nichts. Milde Gaben nimmt er an, wer aber versucht, ihn zum Ausbrechen aus seiner prekären Existenz zu bewegen, stößt auf Widerstand. Sieben Jahre lang fehlt ihm der Wille.

Jobverlust, Trennung und Alkohol führen zum Absturz

Nur einmal geht er zum Sozialamt. „Wovon leben Sie denn derzeit?“, habe der Beamte damals gefragt und seine wahrheitsgemäße Antwort quittiert mit: „Warum machen sie das nicht weiter so?“ – Jojo verlässt das Amt und kehrt nicht zurück. Den Beginn der Abwärtsspirale datiert er heute auf die Zeit, in der die Schokoladenfabrik bankrott ging und seine Ehe zerbrach. „Da ging es los mit dem Alkohol“, bekennt er. Zunächst ist die Sucht eine Folge seiner Probleme, später wird sie immer mehr selbst zu einem. Mit Alkoholismus ist er schon in seiner Kindheit konfrontiert worden – das wird deutlich, als er von seinen Wurzeln berichtet. „Ich bin im Ghetto groß geworden“, sagt er keineswegs abschätzig über den unbeheizten Plattenbau in Scharnhorst, wo er seine frühen Jahre verlebt, nachdem er am 1. April 1965 in Mengede das Licht der Welt erblickt hat. „Deshalb bin ich so ein fröhliches Kerlchen“, scherzt er mit Blick auf sein Geburtsdatum. Er ist das dritte von sechs Kindern, der Vater arbeitet, die Mutter trinkt. „Miete haben wir keine bezahlt. Es gab ein Plumpsklo draußen und zum Baden musste man Wasser kochen und in die Wanne kippen.“

Die Familien, die den Block bewohnen, sind arm, aber sie halten zusammen – so hat Jojo es in Erinnerung. Als die Mutter jedoch eine Entziehungskur beginnt, kommt er mit seinen drei ältesten Geschwistern in ein Heim in Eving. Die Gegebenheiten dort empfindet er als luxuriös: „Heizung war etwas neues für uns, und einen Balkon hatte ich noch nie von innen gesehen.“ In der Weihnachtszeit bekommt er ein ganzes Hähnchen vorgesetzt und fragt reflexartig, mit wem er es teilen solle. Dass die Portion nur für ihn gedacht ist, kann er kaum glauben. Zwei Jahre verbringt er dort. „Wir wollten gar nicht wieder weg“, erzählt er.

Später macht er seinen Hauptschulabschluss und geht bei einem Fleischer in die Lehre. „Weil mein Vater das wollte“, betont er. „Ich wollte keine Tiere töten.“ Der Schichtbetrieb auf dem Schlachthof ist hart, aber das Geld ist gut. Jojo heiratet, bekommt eine bessere Stelle, in der Schokoladenfabrik. 23 Jahre arbeitet er dort, bis zur Schließung. Seine Ehe geht in die Brüche, für das Ende der anschließenden Beziehung gibt er sich selbst die Schuld. Er gleitet in eine schwere Depression ab, sucht keine neue Stelle, bezahlt keine Miete mehr. Statt zu sparen, gibt er das Geld mit beiden Händen aus: „Ich habe alles auf den Kopf gehauen.“

Mit der Post kommt ein Termin für die Zwangsräumung

Er verfügt über einen Dispokredit von 20.000 Euro, aber eines Tages kann er nichts mehr abheben. Sein Vermieter stellt ihm ein Ultimatum. „Die Wohnungsgesellschaft hat mir angeboten, die ausstehende Miete in Raten zu begleichen. Damit erklärte ich mich einverstanden, aber bezahlt habe ich nicht“, berichtet Jojo und zuckt mit den Achseln. „Ich hatte ja nichts mehr.“ Als der Termin zur Zwangsräumung in den Briefkasten flattert, nimmt er dies gleichmütig zur Kenntnis. „Vorher habe ich nochmal richtig gelebt“, bemerkt er.

Um einen Teil seines Hausrats vorher zu Geld zu machen, lädt er frühere Kollegen zu einem Flohmarkt ein, aber niemand kommt. „Ich hatte da richtige Werte, die Entrümpler müssen Sachen vom Feinsten gefunden haben“, sagt er mehr kopfschüttelnd als mit Bedauern. Dass Spielereien wie eine Mini-Armbrust ihm damals bedeutungsvoll erschienen, kann er heute kaum noch begreifen. Am Abend vor der Räumung packt er einen Rollkoffer und geht dabei recht pragmatisch vor: Schlafsack, wetterfeste Kleidung, Messer, Feuerzeug. Viele Dinge, an denen Erinnerungen hängen, lässt er zurück. Nur einige Fotos und Ringe, die er geschenkt bekommen hat, steckt er ein. Und eine Handvoll Sachbücher – besonders Indianer haben es ihm angetan. „Früher sah ich aus wie ein Winnetou für Arme“, scherzt er über seinen Kleidungsstil.

Um 10 Uhr klingelt es an der Tür. „Ab jetzt sind Sie obdachlos“, kommentiert sein Vermieter. Jojo verlässt seine Wohnung und setzt einen Fuß vor den anderen. „Ich wusste nicht, wo ich hingehen würde.“ Zur Familie besteht kaum noch Kontakt, die Wohnorte seiner Geschwister kennt er nicht. Halb in Trance wandert er durch Scharnhorst, verbringt seine erste Nacht auf einer Parkbank. „Die ersten Monate waren die härtesten“, berichtet er, trotz Erfahrung als Waldläufer. In seiner Situation fühlt er sich ausgeliefert, findet keinen Schlaf. „Bei jedem Geräusch bin ich hochgeschreckt. Am sichersten habe ich mich im Wald gefühlt.“

Zweimal fasst er in dieser Zeit den Entschluss, sich „wegzumachen“. Doch irgendetwas hält ihn davon ab, sich vor die Straßenbahn zu werfen. Auch von der Brücke springt er am Ende nicht. „Ich war zu feige – Gott sei Dank“, sagt Jürgen Harz heute. Tiefpunkte gibt es viele. Er wird überfallen, wacht bis auf die Unterhose entkleidet auf. Einige Stunden muss er in einem belebten Bereich der Innenstadt gelegen haben, doch die Polizei ruft niemand. Als er einmal lange nichts einnimmt, spielt er mit dem Gedanken, selbst jemanden auszurauben. Dazu kommt es nie, und auch dafür ist er dankbar.

Über einen Bekannten von der Straße verschlägt es ihn nach Iserlohn, das ihm damals völlig unbekannt ist. „Ich dachte, das wäre ein Sahneschnittchen“, erzählt er grinsend. In der Waldstadt gibt es weniger Konkurrenz, die Menschen sind hilfsbereiter. Sein Kumpel hat eine Wohnung, aber die schreckt Jojo nur ab: „Lieber im Freien schlafen als in einem Rattenloch.“ Auch in der Notunterkunft hält er es nicht aus, die etablierten Bewohner geben ihm das Gefühl, ein Eindringling zu sein. Er trinkt fast nur noch, mit seiner Gesundheit geht es bergab. „Der erste Gang führte morgens zum Supermarkt, Bier kaufen“, gibt er zu.

Wieder bergauf geht es erst, nachdem er die Talsole erreicht hat. Und die liegt tiefer, als er es für möglich gehalten hätte, sagt Jojo. Sein Gesundheitszustand verschlechtert sich, er steht nicht mehr auf. Iserlohner sorgen dafür, dass er ins Krankenhaus kommt. Weil seine Beine über längere Zeit nicht richtig durchblutet gewesen sind, müssen die Ärzte ihm den rechten Unterschenkel und am linken Fuß die Zehen amputieren. Trotzdem lebt Jojo in seinem neuen Zuhause an der Alexander­straße auf. Heute ist er dankbarer, als er es mit Worten ausdrücken kann.

„Ich habe genug erlebt, um zwei Bücher zu füllen“, sagt er. Etwa mit der Geschichte, wie er im Brunnen am Schillerplatz ein Schaumbad genommen hat. Lesen tut er schon wieder eifrig, und in seinem Zimmer hängt neuer Indianerschmuck. Weihnachten verbringt er mit seinen Mitbewohnern. Auch wenn das Fest als solches ihm nie viel bedeutet hat – endlich hält es für ihn mehr bereit als den vollsten Pappbecher im Jahr. Was er sich wünscht? „Eine eigene Wohnung. Selbst Geld verdienen. Und nie wieder von irgendetwas so abhängig sein.“

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