Herbsttage für Musik

Ein Feuerwerk der Leichtigkeit

Alexandra Dariescu

Foto: Michael May

Alexandra Dariescu Foto: Michael May

Iserlohn.   Alexandra Dariescu lässt zum Auftakt der Herbsttage das Publikum staunen.

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Es gibt unterschiedlichste Arten von Künstlern und Musikern. Oft sind sie unnahbar, weit entfernt und entrückt (der klassische Konzertbetrieb sieht ja auch nach wie vor nicht wirklich vor, dass moderiert oder gescherzt wird), manchmal scheinen sie aber auch zum greifen nah zu sein, und der Zuhörer hat das Gefühl, sie schon nach dem ersten Stück, schon auf den ersten Blick bestens zu kennen. Alexandra Dariescu gehört zweifellos zu letzteren. So jugendlich frisch, wie sie da am Dienstagabend im Löbbecke-Saal auf die Bühne kam, wie sie sich mit strahlendem Lachen über den Begrüßungsapplaus freute, wie sie auch offensichtlich Spaß an kostbaren, goldglitzernden Pailletten-Kleidern hat und wie sie mit dem Publikum sprach, ihre paar Brocken Deutsch zusammen kramte, um dann auf englisch und sehr humorvoll die Stücke, die sie spielte, erklärte – das alles war nicht nur ausgesprochen nett und sympathisch, das stellte auch sofort Nähe her, womit sie das Publikum von Beginn an für sich einnahm. Liebe auf den ersten Blick, könnte man sagen. Es ist schön, dass wir in dieser Woche bei den Herbsttagen für Musik erneut eine Gastkünstlerin aus der großen Klassikwelt in Iserlohn haben, die „auch“ mit solchen menschlichen Qualitäten und in ihrem Auftreten gewinnt.

„Auch“, weil das, was sie an musikalischen Qualitäten folgen ließ, noch viel mehr Freude machte als ihr sympathisches Auftreten – aber von denselben Charakterzügen zeugte: Aus jeder Phrase, die sie spielte, strömte jugendliche Frische und Kraft, sie bewies ein Übermaß an Spielwitz, ließ das Publikum über ihre technische Brillanz ebenso staunen, wie über ihre Fähigkeit, alle Hemmungen fallen zu lassen und donnernd und wüst drauf los zugehen.

Das Programm, das sie für ihr Iserlohner Solo-Recital zusammengestellt hatte, kam ihr dabei natürlich entgegen. Sie eröffnete mit Beethovens Klaviersonate Nr. 6, in der auch Beethoven ganz ungewohnten Witz beweist – ein Stück, das Alexandra Dariescu mit einem Dauerschmunzeln quasi zum warm werden mit sichtlichem Spaß abfeuerte. Danach folgten mit Mendelssohns „Variations sérieuese“ und der „Grande Polonaise Brillante“ von Chopin zwei absolute Meisterwerke der romantischen Klaviermusik, die ihr alles an Virtuosität und Gestaltungskraft abverlangten. Schon das war ein eindrucksvolles Schauspiel, für das es schon vor der Pause donnernden Applaus gab. Nicht unerwähnt sollten aber die beiden Teile aus den „Préludes“ für Klavier von Olivier Messiaen bleiben, die Alexandra Dariescu quasi als Ruhepol zwischen diese beiden wuchtigen, alles überrollenden Großwerke setzte und zu einer wirklich himmlischen, klangmalerischen Schönheit führte, die man von dem oft ungemütlichen Neutöner Messiaen so gar nicht erwartet hätte.

Mit der Nussknacker-Suiteauf Welt-Tournee

Das Hauptwerk des Abends folgte aber erst nach der Pause: Tschaikowskys berühmte Nussknacker-Suite – ein Werk, das sich Alexandra Dariescu mehr als alle anderen zu eigen macht und mit dem sie noch viel vor hat. Sie plant ein multimediales Erlebnis mit Computer-Animationen und einer Ballerina und möchte mit diesem Projekt eine Welt-Tournee antreten. Die Premiere soll im Dezember in London steigen. In Iserlohn gab es jetzt schon einen rein pianistischen Vorgeschmack, der noch mehr als alles zuvor gehörte staunen ließ. Einige Wackler waren hier und da noch spürbar, aber das tat dem grandiosen Gesamteindruck dieses 14-sätzigen Werkes keinen Abbruch. Ein wahres Feuerwerk an bekannten Melodien und feurigen Tänzen, die oft in donnernde Klavierakrobatik ausarteten, die sie mit unglaublicher Leichtigkeit meisterte – ein Feuerwerk der Leichtigkeit. In allen Sätzen haben die vier Arrangeure die Orchestervorlage in pianistische Juwelen und berührende Stimmungsbilder verwandelt, die Alexandra Dariescu herrlich auskostete – mal federleicht, mal tonnenschwer, mal düster, mal breit strahlend, und immer betörend. Das Publikum war am Ende genauso geschafft wie die Pianistin und wurde nach langem Applaus im Stehen mit zwei Zugaben belohnt.

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