Justiz

„Ein Geist, er ist nie wirklich da“

Am Montag wurden mit Einverständnis des Angeklagten zwei Nachtragsklagen für das Verfahren gegen einen jungen Marokkaner zugelassen.

Am Montag wurden mit Einverständnis des Angeklagten zwei Nachtragsklagen für das Verfahren gegen einen jungen Marokkaner zugelassen.

Foto: Michael May

Iserlohn.   Im Prozess gegen einen jungen Marokkaner sind zwei neue Anklagen zugelassen worden. Die Hinweise auf starke geistige Beeinträchtigung verdichten sich weiter

Wieder das gleiche Bild: Der junge Marokkaner wirkt abwesend, blickt ins Leere, äußert sich nicht zum Verfahren. Seine Körperhygiene hat er offenkundig nicht im Griff, weil er bis in den Nachmittag schläft, beginnt die Verhandlung mit 45 Minuten Verspätung. Eine Betreuerin setzt den jungen Mann, der in einer Unterkunft für Asylbewerber wohnt, schließlich in ein Taxi. Als ihn im Laufe des Verfahrens am Montag ein Zeuge in seiner Heimatsprache nach seinem Wohlbefinden fragt, hebt er den Daumen und grinst. Es ist ein bizarrer Moment, es wirkt, als würde sich hier eine Geste aus einem einst in der Vergangenheit einstudierten Verhaltens-Repertoire Bahn brechen, eher ein blasser Widerhall, denn eine wirkliche Emotionsbekundung.

Attacke mit abgebrochener Flasche bleibt Hauptvorwurf

Es ist der dritte Verhandlungstag vor dem Jugendschöffengericht in Iserlohn gegen den jungen Mann, von dem keiner genau weiß, wie alt er eigentlich ist. Vier mögliche Geburtstermine sind für ihn aktenkundig – zwischen 1996 und 2000.

Wie berichtet, soll der Angeklagte einem Mitbewohner in der Unterkunft an der Bleichstraße eine Flasche über den Kopf geschlagen haben. Als diese zerbarst, soll er den Mann mit dem zerbrochene Flaschenhals schwer verletzt haben. Das Opfer erschien trotz Ladung erneut nicht zur Verhandlung. Er gilt als „unbekannt verzogen“. Bei dem Marokkaner wurden bei seiner Verhaftung 7,4 Gramm Haschisch gefunden.

Weitere Tatvorwürfe: Ein tätlicher Angriff auf eine damals 14-Jährige am Fritz-Kühn-Platz. Außerdem soll der Angeklagte einem Schlafenden in einem Zug die Brieftasche gestohlen haben.

Am Montag nun wurden mit Einverständnis des Angeklagten zwei Nachtragsklagen für das Verfahren zugelassen. Die Schilderungen zu den Tatvorwürfen liefern weitere Hinweise darauf, dass die geistige Gesundheit des jungen Marokkaners schwer angeschlagen ist und er wohl dringend psychiatrische Betreuung benötigt.

Laut Staatsanwaltschaft soll der Marokkaner im Juli vergangenen Jahres mit heruntergelassener Hose die Friedrichstraße entlang in Richtung Innenstadt gelaufen sein. Einen Polizisten, der ihn ansprach, soll er mit einem Kopfstoß leicht am Jochbein verletzt haben.

Bereits im Juni 2017 soll er eine Fahrkartenkontrolleurin im Zug zwischen Kalthof und Dortmund niedergeschlagen haben. Zuvor hatte ihn die Frau angesprochen. Er soll darauf versucht haben, mit einem 50-Euro-Schein eine Fahrkarte zu kaufen. Als die Frau kein Wechselgeld hatte und ihm einen Überzahlungsbeleg zur späteren Rückzahlung gab, soll er das Geld zurückgefordert und gewalttätig geworden sein.

Hauptvorwurf in der Verhandlung bleibt aber die vermeintliche Attacke mit dem abgebrochenen Flaschenhals auf den Unterkunfts-Mitbewohner an der Bleichstraße. „Ich kann bis heute nicht glauben, dass er das gemacht hat. Ich hätte es mir eher umgekehrt vorstellen können“, sagte ein 32-jähriger Zeuge zur Tat, der damals in der Unterkunft als Betreuer gearbeitet hatte. Ein 25-jähriger Zeuge, ebenfalls Betreuer, unterstützte diese Darstellung.

So sei das Opfer der Attacke in der Vergangenheit mehrfach als aggressiv aufgefallen, nicht aber der Angeklagte, der zumal zu wirklicher Kommunikation kaum fähig sei. Ein 48-jähriger Mitarbeiter des Iserlohner Ordnungsamtes drückte sich hierzu so aus: „Er ist ein Geist, eine Hülle, nie wirklich da.“

Der Prozess wird am 19. Februar um 9 Uhr fortgesetzt.

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