Raserunfälle

Ein kurzer Kick ist das Leben nicht wert

Mit ihrem 150 PS starken Mercedes gibt Astrid Bedehäsing gern Gas, aber stets mit Bedacht. Andere Dinge im Leben sind ihr wichtiger.

Mit ihrem 150 PS starken Mercedes gibt Astrid Bedehäsing gern Gas, aber stets mit Bedacht. Andere Dinge im Leben sind ihr wichtiger.

Foto: Alexander Barth

Kalthof/Iserlohn.  Astrid Bedehäsing hat beim Raserunfall in Stuttgart eine Freundin verloren. Als leidenschaftliche Fahrerin appelliert sie an die Vernunft.

Astrid Bedehäsing kennt den Rausch der Geschwindigkeit. „Wenn ich aufs Gas gehe und von der Beschleunigung in den Sitz gedrückt werde, das ist ein geiles Gefühl“, gesteht sie. Das kommt für die 23-jährige Kalthoferin aber nur auf der Autobahn in Frage oder bei anderen Verkehrssituationen, in denen rasantes Fahren und Verantwortung nicht im Konflikt miteinander stehen. Die Nachricht über den schweren Raserunfall auf der Mendener Straße in der Nacht auf Karfreitag hat sie aufgewühlt, denn dabei musste sie an ihre Freundin ­Jackie denken.

Freundin mit 22 Jahren aus dem Leben gerissen

Die Düsseldorferin hat sie vor rund acht Jahren übers Internet kennengelernt und wegen ihrer grundpositiven Art bei den gegenseitigen besuchen ins Herz geschlossen: „Jackie war nie böse, wenn ich mich mal nicht gemeldet hatte. Wir konnten wunderbar zusammen tanzen, singen und Fotos machen.“ Als sie Anfang März die Meldung über einen Unfall aus Stuttgart hört, bei der ein Raser in einem gemieteten Jaguar ein Pärchen totgefahren hat, gibt es für Astrid zunächst keinen Grund zur Sorge. „Ich wusste nicht, dass ­Jackie mit ihrem Freund in Stuttgart ist. Ihre Mutter hat dann angerufen“, sagt sie leise. Jackie und ihr Freund standen an einer Parkplatzausfahrt, als der außer Kontrolle geratene Sportwagen ihr Auto wie ein Geschoss rammte und gegen einen Baum drückte. Beide starben noch am Unfallort, Jackie mit 22 Jahren.

Astrids nächster Besuch in Düsseldorf ist die Beerdigung am 4. April. So richtig verarbeitet hat sie das ganze noch nicht. „Ich habe den Artikel immer wieder gelesen, um es zu begreifen. Wie waren ihre letzten Momente, hatte sie Schmerzen? Das frage ich mich manchmal“, berichtet sie offen, während ihr die Tränen übers Gesicht laufen. Raser nähmen bewusst in Kauf, andere zu verletzen, ist die Kalthoferin überzeugt: „Die treffen diese Entscheidung. Warum ist der Typ am Freitag nicht auf die A 46 gefahren, wenn er Gas geben wollte?“, fragt sie.

Begeisterung für PS-starke Autos kann sie gleichwohl nachvollziehen. Schon als Kind habe sich diese Affinität bei ihr gezeigt: „Als mein Vater seine E-Klasse verkauft hat, war ich richtig traurig. Da war ich sechs.“ Eine Laune des Schicksals – an Zufälle glaubt sie nicht – will es, dass sie selbst schon einen Jaguar gefahren hat. Nur an einem Tag, durch Zufall, aber die Erfahrung hat sie nachhaltig beeindruckt. Sowohl in der Freude am Fahren als auch bei dem Augenmaß und der Selbstbeherrschung, die dabei erforderlich sind. „Ein schnelles Auto ist wie ein wildes Tier. Wenn man es zu sehr triezt, dreht es durch. Das würde man bei einem echten Jaguar nicht tun“, zieht sie einen Vergleich zwischen Gaspedal und Tierwelt.

Die 23-Jährige mag nicht nur Autos wie ihren 150 PS starken Mercedes, sie reitet auch leidenschaftlich – dabei ist ihr eine Pferdestärke genug. Auf Rücksichtnahme komme es dabei besonders an: „Vielleicht fällt mir das Verantwortungsbewusstsein leichter, weil ich den Umgang mit diesen großen Tieren gewohnt bin“, überlegt sie. Wie groß der Reiz des schnellen Fahrens auch sei, am Ende müsse sich jeder klar machen, was wirklich zählt. „Es gibt diesen Spruch: Lieber um zehn zu Hause als um acht im Krankenhaus“, zitiert sie.

Inoffizielle Rennstrecken gibt es nicht nur in der Innenstadt

Ihre silberne Limousine hat sie mit Aufklebern verziert, einer auf dem Heck spricht eine deutliche Sprache: „Wenn Sie noch näher kommen, stellen Sie sich bitte vor.“ Das zu nahe Auffahren und Drängeln im Berufsverkehr geht ihr gewaltig auf die Nerven. Inoffizielle Rennstrecken gebe es in Iserlohn nicht nur in der Innenstadt: „Die Nordhauser Straße ist auch sehr beliebt, da gibt es immer wieder welche, die in der Kurve den Engländer machen, also auf der Gegenfahrbahn überholen, obwohl sie kaum etwas sehen können.“ Auch im Bereich um den Kreisverkehr Alte Poststraße/Schirnbergstraße sind ihr schon viele riskante Manöver aufgefallen.

Grundsätzlich müsse man unterscheiden zwischen Rasern, die unverantwortlich fahren, und Autotunern, die ihr Hobby legal und rücksichtsvoll ausüben. Astrid Bedehäsing hat Bekannte in dieser Szene, der sie sich selbst nicht zugehörig fühlt. Die wichtigen Events, so viel weiß sie, spielen sich nicht in Iserlohn ab, Zentren dafür seien eher Dortmund oder zum Beispiel Meinerzhagen. Im Straßenverkehr mal den Motor aufheulen zu lassen oder an der Ampel neben einem Sportwagen betont zügig anzufahren, findet die junge Frau in Ordnung. „Das habe ich selbst schon gemacht“, verrät sie, „ich wollte mir nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.“ Sie warnt jedoch davor, aus dem harmlosen Spiel in den Rausch der Geschwindigkeit zu verfallen – sie weiß zu genau, dass daraus tödlicher Ernst werden kann.

Das Schicksal ihrer Freundin hat Astrid nachdenklich gemacht. „Jackie hat jeden Tag ihres Lebens genossen. Sie hatte viel vor, wollte Management studieren und noch viele Länder besuchen.“ Als sie kurz nach dem Begräbnis auf einer Feier fröhlich wirkte, sei sie darauf angesprochen worden und habe geantwortet: „Jackie hätte nicht gewollt, dass wir nur trauern.“ Seit der Tragödie hinterfragt Astrid vieles. „Wir regen uns zu viel über unwichtige Dinge auf. Auch im Studium lasse ich mich nicht mehr so viel stressen“, hat sich die 23-Jährige vorgenommen, die ihren Psychologie-Master im Fernstudium absolviert. Ihre Zusage für ein Interview verbindet sie mit der Hoffnung, andere leidenschaftliche Fahrer zu erreichen und vielleicht einen schlimmen Unfall zu verhindern. Wer wirklich mal nachdenke, müsse zu demselben Ergebnis kommen wie sie: „Das Leben ist es nicht wert.“

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