Türchen auf

Ein Meisterwerk – zwei Wege

Großer Chor im Lutherhaus – ähnlich wie Christopher Brauckmann an St. Aloysius versammelt auch Hanns-Peter Springer mehrere Generationen.

Foto: Michael May

Großer Chor im Lutherhaus – ähnlich wie Christopher Brauckmann an St. Aloysius versammelt auch Hanns-Peter Springer mehrere Generationen. Foto: Michael May

Iserlohn.   Evangelische und katholische Chöre teilen sich Bachs Weihnachtsoratorium.

Die Adventszeit entfaltet stets ihren besonderen Zauber. Unsere Serie „Türchen auf“ öffnet den Blick auf besondere Momente und Dinge, die oft im Verborgenen bleiben. Ein Adventskalender voller Geschichten also bis Weihnachten. Heute öffnen wir die Tür zum Weihnachtsoratorium. Denn Weihnachten ohne Weihnachtsoratorium (WO) – das ist für viele kaum vorstellbar. Ab diesem ersten Adventswochenende läuft Bachs Meisterwerk weltweit wieder zu Höchstform auf. Kaum eine Stadt, in der das Oratorium nicht in Kirche oder Konzerthaus zur Aufführung gelangt. In vielen Metropolen sogar in Dauerschleife, mit großen Orchestern, Chören, Stars und immensen Eintrittspreisen. Kein Konzerthaus ohne Neunte, kein Opernhaus ohne Zauberflöte und kein Weihnachtsfest ohne Weihnachtsoratorium. Es gibt Werke, die sind mehr als ihre Musik. Ohne die läuft nichts. Ein Muss.

Sehr unterschiedliche Erfahrungswerte mit Bach

Und doch ist Weihnachtsoratorium nicht gleich Weihnachtsoratorium, wie ein Blick in die Iserlohner Probenräume verrät. Hanns-Peter Springer, Kantor der evangelischen Versöhnungs-Kirchengemeinde, und sein katholischer Amtskollege Christopher Brauckmann haben den sechsteiligen Kantatenzyklus als ökumenisches Gemeinschaftsprojekt in den Innenstadtkirchen aufs Programm gesetzt. Inhaltlich passend singen die Chöre der Evangelischen Kantorei die Teile 1 bis 3 in der Vorweihnachtszeit am dritten Adventswochenende, die Chöre des katholischen Pastoralverbundes folgen am 2. Weihnachtstag mit den Teilen 4 bis 6. Für beide Seiten stiftet das Großprojekt zum Jahresabschluss eine besondere Chorgemeinschaft – auch wenn sie sich auf sehr unterschiedliche Weisen dem WO nähern.

„Ich singe das Oratorium bestimmt schon zum 15. Mal“, sagt Rahel Schöttler, Sopranistin in der Kantorei. Und das sei noch gar nichts im Vergleich zu den älteren Kantorei-Mitgliedern, die das WO komplett oder in Teilen mitunter schon zum 50. Mal aufführen. „Das Weihnachtsoratorium ein evangelisches Wiederkehrerstück, das wir in Iserlohn alle drei bis vier Jahre singen“, sagt Kantor Springer – Pflichtprogramm könnte man sagen, wenn es nicht so negativ klänge. Denn das Gegenteil ist der Fall: Jeder in der Kantorei geht mit riesiger Begeisterung an das WO, für viele eine Art Lieblingsstück, dessen festliche Chöre und Choräle man jederzeit auswendig abrufen kann, weswegen der Probeaufwand vergleichsweise gering, der Spaßfaktor aber ziemlich hoch ist.

Ganz anders bei den katholischen Chören der Stadt. Bach gehört natürlich allen Menschen auf der Welt, den Katholiken ist er mit seiner kunstvollen Musik und den rasanten Koloraturen aber bei weitem nicht so geläufig, wie den Protestanten. „Viele bei uns singen gerade tatsächlich zum ersten Mal in ihrem Leben Bach“, sagt Kantor Brauckmann. Mit seiner eigenen Begeisterung für Bach musste er seine Sänger daher auch erst anstecken. Dem Stöhnen über die Schwierigkeiten ist inzwischen aber die Freude über die Schönheiten der Musik gewichen.

Weihnachtsoratorium stiftet mehr Gemeinschaft

Was beide gemeinsam haben, ist dass sie dieses besondere Werk zu dieser besonderen Zeit als Möglichkeit wahrnehmen, die vielen unterschiedlichen Gruppen ihrer Gemeinde zu vereinen. „Das Werk ist bei uns eine neue Form der Gemeinschaft“, freut sich Christopher Brauckmann darüber, dass er mit dem Collegium Vocale, dem Kammerchor und dem Jungen Chor drei Gruppen zu einem großen Chor vereint – was soll man sich zu Weihnachten mehr wünschen. Ein Ruck zu mehr Miteinander, den die Evangelische Kantorei schon lange hinter sich hat. Immer wieder holt Hanns-Peter Springer für große Werke auch den jungen Chor „5nach5“ hinzu, weswegen das WO inzwischen den Charakter eine großen Klassen- und Familientreffens hat. Ehemalige „5nach5er“ reisen an, Mütter singen mit, auch von den Maxis der Kinderkantorei machen schon einige mit – eine große rund 100-köpfige Kantorei-Familie entsteht, die das Wunder der Weihnacht mit schallenden Bach-Chören besingt. Dass das sogar in ökumenischer Eintracht mit den katholischen Chören geschieht, wird auf beiden Seiten als großartige Sache wahrgenommen.

Die beiden Konzerte im Überblick

Die Teile 1-3 erklingen am Samstag, 16. Dezember, ab 18 Uhr in der Obersten Stadtkirche. Ausführende sind: Evangelische Kantorei, Junger Chor „5nach5“, Kourion-Orchester Münster, Sophie Richter (So­pran), Franziska Orendi (Alt), Max Ciolek (Tenor) und Markus Matheis (Bass). Die Leitung hat KMD Hanns-Peter Springer.

Die Teile 4-6 folgen am Dienstag, 26. Dezember, ab 17 Uhr in der St.-Aloysius-Kirche. Ausführende sind: Collegium Vocale Iserlohn, Junger Chor und Kammerchor im Pastoralverbund, „Musica antiqua Markiensis“, Anna-Kristina Naechster (So­pran), Lea Martensmeier (Alt), Daniel Tilch (Tenor) und Andreas Post (Bass). Die Leitung hat Kantor Christopher Brauckmann.

Karten für beide Konzerte gibt es im Vorverkauf in der Stadtinformation, Tel. 02371/217-1819, und in der Alpha-Buchhandlung an der Vinckestraße.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik