Kantorei

Ein Requiem für die Lebenden

KMD Hanns-Peter Springer probt derzeit mit der Evangelischen Kantorei das Requiem von Brahms.

KMD Hanns-Peter Springer probt derzeit mit der Evangelischen Kantorei das Requiem von Brahms.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Die Evangelische Kantorei führt „Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms auf.

Ein Requiem ist für eine evangelische Kantorei von heute nicht ganz unproblematisch. Schließlich speist es sich als musikalische Gattung in seiner klassischen Form aus einem altertümlichen Textbausteinen, die etwa mit dem „Dies Irae“ (Gottes Zorn) oder anderen Teilen mit der heutigen christlichen Weltanschauung einfach nicht mehr zu vereinbaren ist. Und das ist nicht unwichtig. „Uns geht schließlich auch immer um die Frage, was wollen wir mit unseren Konzerten aussagen?“, sagt Kirchenmusikdirektor Hanns-Peter Springer, der die Evangelische Kantorei Iserlohn leitet.

Texte des „Bauch-Theologen“ Brahms passen

So gesehen ist „Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms geradezu ein Glücksfall. Denn Brahms, der als tief gläubiger Protestant offensichtlich auch ein ausgewiesener Bibelkenner war, hat hier eine sehr eigene und persönliche Textauswahl zusammengestellt und vertont, mit der er sich schon von rund 140 Jahren sehr weit von den eigentlichen Texten eines Requiems entfernt und eher eine Tröstungsmusik für die Hinterbliebenen statt keine Totenmesse für die Verstorbenen geschrieben hat – ein Requiem für die Lebenden und nicht für die Toten, wie Springer sagt.

Am Karfreitag 1868 hat der damals 35-jährige Brahms sein Requiem im Bremer Dom selbst uraufführt und damit auch einen großen Erfolg gefeiert. Für die eigenmächtige Textauswahl und die theologische Ausrichtung musste er aber dennoch viel Kritik einstecken. Heute hingegen sei gerade diese Textauswahl des „Bauch-Theologen“ Brahms etwas, hinter der er als Kantor voll und ganz stehen könne, sagt Hanns-Peter Springer.

Aber nicht nur deswegen ist dieses Werk ein Glücksfall. Brahms ist natürlich vor allem wegen seiner Musik einer der unangefochtenen Giganten Musikgeschichte, der mit diesem Requiem seinen größten kirchenmusikalischen Wurf vorgelegt hat – ein großes siebenteiliges Werk von einmaliger handwerklicher Perfektion, traditionsverbunden und gekennzeichnet von einer starken und spannenden Entwicklung, das aber die volle Pracht des romantischen Orchesters entfaltet und eine Fülle großer Momente bereithält. 16 Jahre ist es her, dass es zuletzt auf dem Programm der Kantorei stand. „Es war jetzt einfach wieder dran“, sagt Hanns-Peter Springer.

Damals war die Kantorei im Übrigen aus der Obersten Stadtkirche, die eigentlich ein bisschen zu klein für derartige romantische Ausmaße ist, in die deutlich größere Aloysius-Kirche umgezogen. Nun war man aber einhellig dafür, in der gewohnten und sehr viel direkteren und klareren Akustik der Obersten Stadtkirche zu bleiben. Ebenso war die Entscheidung klar, dieses Werk, das mit seinen ungeheuren Schwierigkeiten eine große chorische Erfahrung voraussetzt, alleine als Kantorei zu bewältigen. Zuletzt hatten Hanns-Peter und Ute Springer ja in sehr eindrucksvollen Gemeinschaftsproduktionen die Kantorei mit der Jugendkantorei und dem Pop-Chor vereinigt.

Hindemiths „Trauermusik“ dient als Vorspiel

Nun gibt es also wieder ein reines Kantorei-Konzert am Sonntag, 10. November um 18 Uhr in der Obersten Stadtkirche. Der Vorverkauf hat bereits begonnen. Karten gibt es in der Stadtinformation, 02371/217-1819, in der Christlichen Bücherstube an der Vinckestraße und bei den Kantoreimitgliedern. Die Kantorei tritt zusammen mit der „Camerata Instrumentale Siegen“ und den beiden Gesangssolisten Cornelia Samuelis (Sopran) und Martin Berner (Bariton) auf. Als Vorspiel erklingt die „Trauermusik“ von Paul Hindemith, die Hindemith 1936 bei einem London-Aufenthalt spontan und an nur einem Tag zum Tode König Georgs V. Komponiert hat.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben