Ende des Ersten Weltkrieges

Ein „rotes Fähnchen“ am Rathaus

In Iserlohn werden während des  Ersten Weltkrieges verwundete Soldaten in der neuen Halle gepflegt.

In Iserlohn werden während des Ersten Weltkrieges verwundete Soldaten in der neuen Halle gepflegt.

Iserlohn.   Der Arbeiter- und Soldatenrat in Iserlohn ist zerstritten. Im Frühjahr 1919 sind die ersten freien Wahlen, bei denen Frauen mitstimmen können.

Auf dem Turm des alten Rathauses wehte eine rote Fahne, und Carl Brenner war nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im November 1918 einer der führenden Köpfe im Iserlohner Arbeiter- und Soldatenrat – aber die Reaktion rüstete zum Gegenschlag gegen die Revolution. Am 14. April 1919 kam es zu wilden Schießereien in der Stadt zwischen den Revolutionären von der USPD, einer linken Abspaltung der SPD, Spartakisten und dem Freicorps Lichtschlag.

„Danach war es mit dem Arbeiter- und Soldatenrat in Iserlohn endgültig vorbei, die Protagonisten flüchteten aus der Stadt“, weiß der Historiker und pensionierte Lehrer Wolf R. Seltmann, der am heutigen Donnerstagabend, 15. November, um 19.30 Uhr im Alten Stadtbad einen Vortrag zum Ende des Ersten Weltkrieges aus lokaler Perspektive halten wird.

Spartakisten streiten mit Sozialisten über Zukunft

„Eine Fahne kann man sie eigentlich nicht nennen.Es ist nur ein bescheidenes Fähnchen“, schreibt die Heimatzeitung nach Kriegsende über den Versuch einer linken Revolution, deren Symbol die Fahne auf dem Rathaus ist. In der Zeitung finden sich im November 1918 auch die Anzeigen der Familien für die Gefallenen aus Iserlohn. Der Jäger Willy Teves ist einer von ihnen. „Im blühenden Alter von 21 Jahren infolge seiner schweren Verwundung in einem Feldlazarett gestorben“, trauern die Angehörigen in tiefem Schmerz. Zahlreiche Iserlohner sind am Ende des Ersten Weltkrieges an den Fronten gefallen. Man gedenkt ihrer zum Beispiel auf Tafeln in der Obersten Stadtkirche. Nach dem Krieg bricht die alte öffentliche Ordnung auch hier zusammen.

„Wie auch in vielen anderen Städten der Region und des damaligen Deutschen Reiches gab es einen Arbeiter- und Soldatenrat in Iserlohn“, weiß Seltmann, der die Geschichte aufgearbeitet hat. „Aber auch in diesem Gremium waren die Linken sich nicht einig. Carl Brenner zum Beispiel hat sich als Spartakist verstanden, er trat für ein Rätesystem ein. Das führte zu Reibereien und internen Kämpfen, die in der blutigen Schießerei einige Monate später gipfelten“, beschreibt Wolf R. Seltmann die Lage 1918/19.

„Wir sind im Felde unbesiegt“, sagen die Konservativen, und die Militärs sekundieren mit der Geschichte vom Dolchstoß an der Heimatfront. Sie meinen Demokraten, die nach der Flucht des Kaisers die Verantwortung für die Niederlage wider Willen geerbt haben.

Vor der Schießerei im April 1919 erlebte man in Iserlohn ein weiteres historisches Ereignis – die ersten freien Wahlen, eine Kommunalwahl, bei der alle Bürger der Stadt ab 20 Jahren mitwählen dürfen, und vor allem zum ersten Mal auch Frauen. „42 Ratssitze waren zu vergeben. Sieben gingen an die Deutsche Volkspartei, neun ans Zentrum. sechs an die DDP, eine Wirtschaftliche Wählervereinigung erobert fünf Sitze, Mehrheits-Sozialdemokraten von der MSPD bekommen neun Sitze und die USPD, die unabhängigen Sozialdemokraten, kommen auf sechs. Die Wirtschaft geriet damals in eine Krise, weil die alten Märkte nach dem Krieg verloren waren. Die Industrie hier war exportorientiert, außerdem hatte man auf Kriegsproduktion umgestellt, das war jetzt ein Problem“, sagt Seltmann. Dazu kommt Rohstoffmangel, und die Kohle wird knapp, weil die Franzosen das Ruhrgebiet besetzen, die Einwohnerzahl in Iserlohn wächst, es herrscht Wohnungsmangel. „Die Lage war prekär“, weiß Wolf R. Seltmann aus seiner Forschung.

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