Bombardierung

Ein stiller Soldat in der Nacht der Katastrophe

Unteroffizier Karl Schütte aus Drüpplingsen (rechts) stand in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 an der Flak auf der Möhnetalsperre.

Foto: Helmuth Euler (privat)

Unteroffizier Karl Schütte aus Drüpplingsen (rechts) stand in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 an der Flak auf der Möhnetalsperre.

Iserlohn.  Karl Schütte aus Drüpplingsen schoss beim Angriff auf die Möhne-Talsperre einen britischen Bomber ab

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Wir sehen einen stillen, fast schüchternen Mann, der in die Ferne blickt: Es ist der Tag nach dem Angriff auf die Möhnetalsperre. Es ist der 17. Mai 1943. In der Nacht brach die Katastrophe herein über 1400 Menschen, die in der Flutwelle ertranken, die Möhne und Ruhr durch die Region wälzten. Es ist Karl Schütte aus Drüpplingsen, in jener Nacht Unteroffizier an einer Flugabwehrkanone (Flak) am Nordturm der Möhnetalsperre.

Schütte hat „seine“ Talsperre erbittert verteidigt in der Nacht. Er traf einen der Lancaster-Bomber der 617. Squadron der Royal Air Force, der brennend abstürzte. „Das hat Karl als seine Pflicht angesehen. So war das damals. Aber ein Held wollte er nie sein“, erinnert sich Helmuth Euler (84) aus Werl an seinen alten Freund aus Iserlohn, der seit langer Zeit verstorben ist.

Die Nazi-Propaganda aber machte Karl Schütte aus Drüpplingsen zum Helden. Ihm wurde das Eiserne Kreuz verliehen für eine Leistung in einem Kriegseinsatz, den die Propaganda ansonsten lieber verschwiegen hätte. Denn die technische Meisterleistung des britischen Konstrukteurs Barnes Wallis hielt man für unmöglich auf deutscher Seite. Seine Rollbomben, die wie Kieselsteine auf dem Wasser auf die Möhne-Sperrmauer, den Sorpe- und den Ederstaudamm zuhüpften und dann unmittelbar davor auf Grund sanken, um dann zu explodieren, waren das Ergebnis jahrelanger Tüftelei.

Deutsche Spionage verschläft Erfindung der Spezialbombe

Das war der deutschen Spionage entgangen. Man fühlte sich sicher. Zu sicher, wie sich in der Schicksalsnacht zeigen sollte.

Zu peinlich war dem Militär jener Zeit, dass den Briten in der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 gelungen war, was nicht gelingen durfte. Dieser Irrtum mündete in die Möhne-Katastrophe, an die der Zeitzeuge, Fotograf und Forscher Helmuth Euler sich erinnert, als sei es erst gestern geschehen. Euler ist in der Nacht neun Jahre jung, als um 23.40 Uhr Fliegeralarm ausgelöst wird. Karl Schütte ist mit seinen Kameraden von der Flugabwehr in Alarmbereitschaft, jetzt sind die Zwei-Zentimeter-Geschütze scharf.

Das Donnern der Motoren der Lancaster-Maschinen erschüttert die Stille in dieser Nacht. Karl Schütte und seine Männer sehen nur einen dunklen schwarzen Flugzeugkörper, der sich vom Horizont löst und im Tiefstflug auf sie zurast. „Die erste Bombe explodierte 50 Meter vor der Sperrmauer“, erinnerte sich Karl Schütte Jahre später als Zeitzeuge in Helmuth Eulers Buch „Der Wassserkrieg“. Euler, Autor zahlreicher Werke zu den Kriegsereignissen in Westfalen, dem Sauerland und dem Ruhrgebiet, freundete sich mit dem Drüpplingser Karl Schütte an. „Wir haben uns viele Jahre lang mit britischen Besuchern an der Möhnetalsperre getroffen. Karl hat seine Erlebnisse erzählt, die Briten ihre Erinnerungen. So wurden aus den Feinden von einst Freunde“, weiß Helmuth Euler. Sehr gute Freunde.

Euler selbst entwickelte seine Passion für die Ereignisse der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 als Zeitzeuge, den das Geschehen nie mehr losließ. Wenn man heute in sein Haus in Werl kommt, eröffnet sich eine historische Bibliothek mit hunderten Büchern, etlichen dabei aus seiner Feder, mit tausenden Fotos und hunderten Metern Film. „Ich bin in den 60er Jahren mit Karl Schütte auf einem Boot vor der Staumauer auf und ab gefahren und habe ihn dabei interviewt und gefilmt“, erinnert sich Euler.

Für Schütte, der nach Jahren als Zivilist 1955 in die neu gegründete Bundeswehr eintritt, werden dann die Erinnerungen wieder wach. Viele Male führt er britische Besucher über den Staudamm der Möhne, die bei Neheim in die Ruhr mündet. Die Flutwelle schwappt bis in heutige Iserlohner Stadtteile, nach Rheinen, Hennen und Drüpplingsen, wo Karl Schütte, der stille Unteroffizier vom Nordturm des Möhnedamms zu Hause ist.

Und auch hier, weit vom Geschehen in der Katastrophennacht entfernt, wirkt die Flut verheerend, die von den Rollbomben des Barnes Wallis ausgelöst wird. In Rheinen, vermerkt eine Chronik, muss der Hof Hering wegen der starken Beschädigungen abgerissen werden. Einige Gebäude mehr sind beschädigt. Und in der Gemeinde werden sieben Leichen als stumme Zeugen des Unglücks nach dem Dammbruch angeschwemmt.

„Sie wurden auf dem Friedhof in Hennen beerdigt. In Gräbern für unbekannte Tote“, weiß Iserlohns Stadtarchivar Rico Quaschny. Namenlose, die zu den 1 400 Opfern zählen, die der Angriff der „Dambuster“, der Dammbrecher, wie die Briten die Piloten und Besatzungen der 617. Squadron nennen, fordert. Viele waren Zwangsarbeiter, die aus von Deutschen besetzten Gebieten ins Reich verschleppt wurden.

Der König gratuliert, der Konstrukteur trauert

König Georg VI gratuliert 1943 seinen Soldaten. Karl Schütte und seine Kameraden bekommen einen Orden und Helmuth Euler, der betagte Experte für den Krieg gegen die Staudämme, beginnt , alte Fotos, Unterlagen und vieles mehr zur Möhne-Katastrophe zu sammeln. Bis heute kennt er jedes Detail, weiß noch, dass der Drüpplingser Flak-Soldat Schütte nie stolz war auf seinen Einsatz. Barnes Wallis, der Konstrukteur der Bomben, bedauerte bis zum Schluss die Toten. Er hat nie verstanden, warum die Menschen im Tal nicht evakuiert wurden. „Sie wussten doch, dass wir kommen würden.“ Die NS-Propaganda schwieg damals über die Katastrophe: Der Wehrmachtsbericht schreibt lapidar von einem Luftangriff. Kaum ein Wort von den Toten.

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