Religiöse Minderheit

Ein weltoffenes Stück Indien in Iserlohn

Feiertagstreffen in der indische Gemeinde „Singh Sabha Iserlohn“ am Steinhügel 36a.

Feiertagstreffen in der indische Gemeinde „Singh Sabha Iserlohn“ am Steinhügel 36a.

Foto: Josef Wronski/IKZ

Iserlohn.   Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens besuchte die religiöse Minderheit der Sikhs in ihrem Tempel am Steinhügel in Iserlohn. Dort treffen sich die Gläubigen der Region an Wochenenden zu Gebeten und gemeinsamem Essen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

In farbenprächtigen, exotischen Gewändern und Kopfbedeckungen streben Familien ihrem Gebetshaus am Steinhügel zu. Im Eingangsbereich steht eine Reihe barfüßiger Männer mit Turbanen. Über dem Eingang steht „Gunduwara Singh Sabha Iserlohn“ für das Gemeindezentrum Iserlohn.

Der Präsident der indischen Gemeinde Iserlohn, Bhatia Sing, heißt Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens willkommen, der ihm einen Gegenbesuch beim Neujahrsfest in der indischen Gemeinde abstattet. Beim Neujahrsempfang der Stadt im Parktheater hatte der Gemeindevorsteher die Gelegenheit genutzt und den ersten Bürger der Stadt in den Tempel am Steinhügel eingeladen.

Singh reicht Bürgermeister Ahrens einen Flyer mit Informationen über seine Gemeinde und ein orangefarbenes Tuch: „Bitte den Kopf bedecken aus Respekt“, fordert er Iserlohns ersten Bürger auf. Er bittet ihn weiter, seine Schuhe ausziehen. So will es die Hausordnung für den mit Teppichen ausgelegten Tempel. Und dann führt er ihn hinein in einen Gebetsraum, aus dem der Duft von Räucherkerzen herüberwabert. In der Mitte befindet sich eine Art Altar, vor dem er die Besucher auffordert, sich zu verneigen, aus Respekt vor dem „Guru Granth Sahib“, der Sammlung von andächtigen Hymnen, die Meditation auf Gott betonen und Regeln moralische Regeln für die Entwicklung der Seele, spirituelle Erlösung und Einheit mit Gott beinhalten, so der überreichte Flyer. Dann erklärt Singh, dass unter einer Art Baldachin besagte heilige Schrift(-Sammlung) unter Tüchern liegen. Der Priester Gurpreet Singh hebt diese auf liest daraus Passagen vor.

„In Iserlohn gibt es etwa 70 Angehörige der Sikh-Religion“, erläutert der Senior mit dem auffälligen langen Bart und dem Turban. Er lebt hier seit 1978 und führte bis zu seinem Ruhestand zusammen mit seiner deutschen Frau einen Kiosk. Im Iserlohner Stadtbild haben sich die Bewohner bereits an seinen Anblick gewöhnt, wenn er auf seinem Motorrad anstelle eines Helms den Turban trägt. Für seine Kopfbedeckung besitzt der bekennende Sikh eine Ausnahmegenehmigung (wie berichtet).

Sikh-Treffpunkt für Gläubige aus der gesamten Region

Seine Frau ist mittlerweile gestorben, seine Tochter lebt und arbeitet in Köln und sein Sohn in Sümmern. Seit 13 Jahren ist er Präsident der Gemeinde, die sich jeden Sonntagmittag im Gemeindehaus zu Gebeten, Gesängen und gemeinsamem Essen trifft. Das Gemeindehaus verfügt über neben dem Gebetsraum über einen Speisesaal und eine Küche. Zu den sonntäglichen Treffen kommen auch Sikh-Anhänger aus Hagen und Unna, wie an den Autokennzeichen vor dem Parkplatz zu erkennen ist.

„Wir sind offen für alle“, erläutert der Gemeindevorsteher. „Jeder kann kommen.“ Er überreicht einen Flyer mit Informationen über die Sikh-Religion, die von Guru Nanak Dev Ji, der 1469 in Talwandi (im heutigen Pakistan) gegründet wurde. Ihr gehören über 20 Millionen Gläubige in aller Welt an. In Deutschland leben mehrere Tausend, während in Großbritannien über eine Million Sikhs leben, heißt es in dem Informationsblatt.

Bei Ingwer-Tee und kleinen vegetarischen Speisen im Saal nebenan sitzen die Gemeinde-Angehörigen ebenfalls auf dem Teppichboden, vor sich Holzmatten, auf die dann Becher und Teller für die kleinen Stärkungen, vornehmlich frittiertes Gemüse, aufgestellt werden. Aus der Küche dringt intensiver Curryduft. Hier erläutert Bhatia Sing dem Bürgermeister die Bilder an den Wänden, das Leben der Gemeindemitglieder und Besonderheiten der monotheistischen Religion. Und er beantwortet die Frage, die er und seine männlichen Gemeindemitglieder oft gestellt bekommt: Warum schneiden sich die Sikhs ihre Haare nicht und bedecken sie? „Sie drücken durch die ungeschnittenen Haare ihren Respekt vor dem Schöpfer aus. Die Kopfbedeckung drückt eine würdevolle und emanzipierte Lebenshaltung aus. Männer bedecken ihr ungeschnittenes Haar mit einem Turban, Frauen mit ein Tuch.“

Der ebenfalls anwesende Unternehmer Balwinderh Sing und der Restaurantbetreiber Dasonda Singh verraten schmunzelnd, dass sie sich lieber ihre Bärte schneiden, weil sie keine Bärte mögen. Etliche der Anwesende arbeiten in Restaurants, meistens Familienbetrieben oder sind Geschäftsleute. Unter ihnen ist auch Dasonda Singh, der das indische Restaurant „Maharaja“ an der Westfalenstraße führt. Auch Harmanpreet Sing aus Unna ist mit seinen drei Kinder gekommen, die im Speisesaal mit anderen Kindern spielen. Er lebt seit 1990 in Deutschland, wo seine Brüder seit zwölf Jahren ein indisches Restaurant mit Partyservice betreiben. „Wir kommen jeden Sonntag hierher“, verrät er. Angesprochen auf die Männer und Frauen, die in der Küche nebenan das Essen zubereiten, sagt er. „Das ist eine Herzsache. Jeder spendet etwas, egal ob Geld oder Lebensmittel. Aber das ist keine Pflicht.“

Ehrenamtliche und private Hausaufgabenbetreuung

Balwinder Singh, Inhaber einer Schleiferei in Hemer, gibt dem Bürgermeister seine Visitenkarte und lädt ihn in seine Firma ein, in dem viele Landsleute arbeiten.

Am Sonntag ist auch Marta Fiegenbaum unter den Teilnehmern des Neujahrsempfang in der indischen Gemeinde. Die Iserlohnerin betreut ehrenamtlich einige Kinder aus dieser Gemeinde bei den Hausaufgaben und bringt ihnen Deutsch bei. Sie weiß, dass die Kinder zu Hause überwiegend indisch sprechen und möchte ihnen helfen, ihr Deutsch zu verbessern. Bürgermeister Dr. Ahrens freut sich über dieses private Engagement neben dem Rotarier-Projekt „Sprache verbindet“.

Von nebenan dringt indische Musik herüber. Ein Sänger wird von Musikern an der Tabla und dem Harmonium begleitet. Zu den Ritualen um die Schriften des Guru Grant Sahib erklärt Harmanpreet Singh, dass sie abends ins Bett gehen und morgens wieder rausgeholt werden: Nach der Lesung werden sie wieder mit Tüchern bedeckt. Ein Sikh bete morgens und abends. Im Gemeindehaus haben Gläubige am Wochenende 48 Stunden lang gebetet und sich dabei abgewechselt.

Am Ende bekräftigt Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens, wie interessant er den Besuch fand. Dasonda Singh überreicht ihm als Abschiedsgeschenk ein Tuch. „Ich habe ganz viel gelernt“, erklärt Ahrens: „Ich empfinde es als sehr positiv, dass bei den Sikhs alle Menschen gleich sind, abseits des Kastenwesens, das ich für problematisch halte.“ Ihm imponiert auch, dass sie ungeheuer fleißig sind. Sie sehen in der Arbeit zentrale Verpflichtung“, weiß er aus dem Gespräch mit den Gemeindemitgliedern.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben