Architektur

Eine historistische Vorzeigemeile und mehr

Wer in der Wermingser Straße den Blick nach oben richtet, kann eine große Vielfalt an spannender Architektur erblicken.

Wer in der Wermingser Straße den Blick nach oben richtet, kann eine große Vielfalt an spannender Architektur erblicken.

Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.  Iserlohn hat architektonisch viel zu bieten. In loser Folge stellen wir einige der prägnantesten Stile vor. Diesmal: Historismus.

Wer die wahre Schönheit der Iserlohner Innenstadt erkennen möchte, der muss seinen Blick nach oben richten. „Die Wermingser Straße ist sehr stark vom Historismus geprägt“, sagt der langjährige Stadtarchivar Götz Bettge, der für diese Serie, in der Iserlohn prägende Architekturstile erklärt werden, beratend zur Seite steht. Zwar sei in der „Wermingser“ mangels einer Gestaltungssatzung vor allem im Erdgeschossbereich ohne Not vieles kaputtgemacht worden – wer aber am bunten Flimmern der Schaufenster vorbei nach oben schaut, wird dort architektonische Perlen erblicken.

Historismus

Das 19. Jahrhundert, in dem auch viele Gebäude an der Wermingser Straße entstanden, war vom Historismus (etwa 1840 bis 1900) geprägt. In Bezug auf die Architektur bedeutet Historismus, das häufig auf ältere Stilrichtungen wie Romanik, Gotik, Renaissance, Barock oder Rokoko zurückgegriffen und diese auch kombiniert wurden. „Teilweise wirkt das dann schon mal etwas überladen“, sagt Bettge.

Das Bürgertum wurde in der Zeit um 1850 in vielen Städten reich. Wohnhäuser sollten fortan repräsentativ sein. „Bis etwa 1860/70 wohnte hier die Oberschicht“, sagt Bettge. „Der Drang in die Peripherie, wo später Villen entstanden, setzte erst später ein.“ Durch die industrielle Revolution entstanden neue Bauwerke, so auch Fabriken oder Bahnhöfe. Die weiterentwickelte Stahlerzeugung bot neue Gestaltungsmöglichkeiten. Beim Historismus wollte man einerseits Neues schaffen, andererseits vergangene Kultur- und Stilepochen und deren Schmuckformen aufgreifen.

Merkmale des Historismus

Da der Historismus wie erwähnt zahlreiche historische Stile integriert, sind Merkmale schwer einzugrenzen. Eher könnte man in architektonischer Sicht von einem stilistischen Pluralismus sprechen. Unterarten sind unter anderem Neoromanik, Neogotik, Neorenaissance oder auch der Rundbogenstil. Das Ende des Historismus beginnt mit dem Aufkommen des Jugendstils gegen Ende des 19. Jahrhunderts, der zwar noch Ornamente verwendet wie der Historismus – allerdings ohne jeglichen historischen Bezug.

Beginnend mit der Reformarchitektur nach 1900 und verstärkt ab 1910 verbreiten sich dann zusehends weniger aufwendige, ornamentlose funktionalistische oder konstruktivistische Baustile, die spätestens in den 20er Jahren dann dominant werden.

Bekannteste Gebäude

Als bekannteste und stadtbildprägendste Gebäude des Historismus dürfen wohl Altes Rathaus, die Alte Post am Theodor-Heuss-Ring, die Villa Wessel sowie mit Abstrichen auch das Jugendzentrum am Karnacksweg gelten. Das Alte Rathaus wurde 1875 im Stil der Neurenaissance am damaligen Marktplatz als Mittelpunkt der Stadt errichtet. Die Alte Post folgte im Renaissancestil bis 1886. Das heutige Jugendzentrum, ein monumentaler Ziegelbau mit renaissancistischen Formen und Säulenportal auf einem Sockelgeschoss, wurde 1900 zunächst als Königlich-Preußische Fachschule in Betrieb genommen.

Das Alte Rathaus am gleichnamigen Platz liegt an der Querachse der Wermingser Straße und deren Zugang. Der Neurenaissance-Kubus mit Flachdach und Eckquaderungen wird geprägt von dem großen Rundbogenportal und dem Balkon darüber, der von unten mit üppigen Verzierungen versehen ist. Außerdem umlaufen Balusterbrüstungen vor den Fenstern das Gebäude. Eine weitere dieser Brüstungen bildet die Attika, eine Erhöhung der Außenwand über das Dach hinaus, die mit Reichsadlern besetzt ist. Die Mittelachse des Hauses ist mit dem Stadtwappen versehen, hoch oben thront die Rathausuhr.

Das alte Postamt, ein spätgründerzeitliches Backsteingebäude mit Werksteingliederung in Neurenaissanceformen, wie es in der Literatur beschrieben wird, folgt in seinen Direktiven dem Postamtsbau der wilhelminischen Zeit, wie es für den Bedarf größerer Städte als angemessen betrachtet wurde. Die Erdgeschossfenster sind als Segmentbodenfenster mit Kämpfergesims, Brüstungsspiegeln und Schlusssteinen ausgeführt. Auch hier findet sich ein rundbogiges Portal. Ursprünglich war die Dachzone mit Zwerchhäusern durchgliedert, die allerdings bei einer Aufstockung 1900 entfielen.

Die Villa Wessel an der Gartenstraße 31 gehört ebenfalls zu den eindrucksvollsten Bauwerken in Iserlohn. „Zu einer hohen Terrasse, die auf einer Mauer von Bruchsteinen steht und von einer Balustrade gekrönt ist, führt eine Treppe, die in einem Portal im Stile des westfälischen Barocks mündet. Der Architekt Otto Leppin führte dieses Bauwerk 1891 im Auftrag von Kommerzienrat Otto Auer, Mitinhaber von Kissing & Möllmann, aus“ – so steht es auf der Homepage des dort ansässigen Kunstvereins zu lesen.

Schönheiten in zweiter Reihe

Die Liste erwähnenswerter historistischer Gebäude im Stadtgebiet ließe sich beinahe beliebig fortsetzen. Villen, Stadthäuser und mehr – doch ist die Geschichte nicht bei allen von ihnen derart gut dokumentiert wie bei den genannten Gebäuden. Wer in der „Wermingser“ den Blick nach oben richtet, wird eine Fülle spannender Architektur-Details entdecken, über die wohl heute nicht mehr viele Innenstädte verfügen.

Nicht wenige der stadtbildprägenden Gebäude hier und andernorts, unter anderem die Alte Post, sind dem Wirken von Otto Leppin zuzurechnen. Das Haus Wermingser Straße 2 mit seinem goldenen Engel im Ornament, Hausnummer 43, ein altes Industriellen-Wohnhaus mit Säulenverzierungen – die Arbeit Leppins bewegt sich zwischen Historismus und Jugendstil.

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