Jubiläum

Eine Kirche für die verstreute Herde

Barbara und Wolfgang Lerch haben den Kirchbau vor 50 Jahren begleitet.

Barbara und Wolfgang Lerch haben den Kirchbau vor 50 Jahren begleitet.

Foto: Ralf Tiemann

Kalthof.   Am 31. Mai 1969 wurde St. Peter und Paul in Kalthof eingeweiht. Barbara und Wolfgang Lerch waren dabei.

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Eine neue Kirche – man mag es sich kaum mehr vorstellen, dass es gerade einmal 50 Jahre her ist, dass steigende Bevölkerungszahlen zu einem sprunghaften Anstieg der Gemeindemitglieder in ganz Iserlohn führten und in nahezu allen Ortsteilen neue Kirchen gebaut werden mussten – so auch in Kalthof, wo am Sonntag das 50-jährige Bestehen der Kirche St. Peter und Paul gefeiert wird. Heute hat sich die Entwicklung ins Gegenteil verkehrt: Die Kirchen schrumpfen, Gemeinden werden wieder zusammengelegt und viele Kirchen, die in den 60er und 70er Jahren gebaut wurden, werden wieder überflüssig. Die Kirche auf dem Weg zu einer kleinen verstreuten Herde?

1902 gab es die erste Missionskirche

So weit muss man bestimmt noch nicht gehen. Im Iserlohner Norden haben die Katholiken aber ursprünglich als eine solche „verstreute Herde“ angefangen, die in der katholischen Diaspora in den Bauernschaften Hennen, Drüpplingsen, Kalthof, Leckingsen, Refflingsen und Rheinen fernab von der „Muttergemeinde“ in Sümmern lebte. So ist es auf der Homepage des Pastoralverbundes Iserlohn nachzulesen. 1902 bekam diese Herde eine kleine Missionskirche in der Helle. 1940 hatte die neu gegründete Pfarrvikarie Hennen bereits 200 Mitglieder. Nach dem Zeiten Weltkrieg explodierten die Zahlen dann förmlich. Vor allem Flüchtlinge aus dem Osten und Spätaussiedler sorgten für einen immensen Zustrom. Im speziellen Fall von Kalthof war es aber auch die Kettenfabrik Thiele, die mit einem weitreichenden Wohnungsbau Arbeiter und junge Familien in Scharen anzog.

Zu den Neuankömmlingen gehörte auch Wolfgang Lerch, der als Ingenieur aus Schlesien mit seiner Frau Barbara 1959 nach Kalthof kam. Wenig später holte Vikar Pawlak, ein Landsmann aus Schlesien, den jungen und engagierten Mann in den Kirchenvorstand der Gemeinde. Und dort war er dann maßgeblich an dem Bau der Peter-und-Paul-Kirche, die am 30. Mai 1969 eingeweiht wurde, beteiligt.

„Der Motor für den Kirchenbau war Theo Moneke“, sagt der heute 85-Jährige. Theo Moneke, ein Bauer aus Leckingsen, der es sich in den frühen 1960er Jahren in den Kopf gesetzt hatte, eine eigene Kirche in Kalthof zu haben. Er habe das ganze Projekt auch bis zum Ende mit Feuereifer begleitet und vorangetrieben, erinnert sich Wolfgang Lerch. „Wenn er auf der Baustelle vorbeischaute, haben alle schneller gemauert.“

Aber das war schon kurz vor der Fertigstellung. Das erste Mal sei die Idee, eine Kirche in Kalthof zu bauen, 1961 ausgesprochen worden. „Wir sind damals mit unserer Idee nach Paderborn gefahren, und dachten, die rollen uns den roten Teppich aus“, sagt der pensionierte Ingenieur. Und seine Frau ergänzt, dass sie gewaltig abgebürstet worden seien. „Seht erstmal zu, dass Ihr zu Geld kommt“, habe der bischöfliche Rat gelautet.

Gottesdienste im Tanzsaal von Haus Dröge

Also wurde ein Kirchbauverein gegründet und Geld gesammelt. 120.000 Mark waren das Ziel. Es gab Einzelspenden von 30 Pfennigen, es gab eine Reihe großer Feste, bei denen bis zu 16.000 Mark in die Kasse kamen, und es gab die Befürchtung, dass die Gemeinde das nie schaffen würde. Vor allem gab es aber auch die Frage, wohin mit der stetig wachsenden Herde?

Erneut war es der Bauer Theo Moneke, der die Nutzung des Tanzsaals der Gaststätte Dröge ermöglichte. Am 7. März 1965 fand dort der erste Gottesdienst statt, von dem der damalige Pfarrvikar Ernst Lauven in der Festschrift zur späteren Kirchweihe schreibt, dass dieser Tag ein „kleiner, freudiger Anfang“ gewesen sei, „den wir mit Dank angenommen haben“. Es sei aber dennoch kein Zuhause gewesen.

Auch Wolfgang Lerch erinnert sich noch gut an das komische Gefühl, bei der Wandlung den ersten Bratenduft aus der Küche in der Nase zu haben. Für Dröge sei das Geschäft gut gelaufen, denn die Ausgangstür des Saals ging direkt zur Theke. Und an dem kleinen Harmonium saß schon damals Barbara Lerch, um die Choräle zu begleiten. Die Gemeinde sei in diesen Jahren der Entbehrung sehr eng zusammengewachsen.

Entgegen allen Befürchtungen kam der Eigenanteil für die Kirche dann aber doch zusammen, und die Gemeinde suchte ein Grundstück, wobei von vornherein groß und für einen Kindergarten mitgedacht wurde, der ja wenig später im Jahr 1973 an der Schüttestraße direkt neben der Kirche auch eröffnet wurde. Zunächst ging es aber „nur“ an den Kirchbau, und da dachte auch das Bistum großformatig: Angesichts der weiter steigenden Mitgliederzahlen machte es zur Auflage, nicht zu kleckern, sondern eine Kirche für 400 Plätze zu bauen.

Problematisch sei hingegen die Zusammenarbeit mit dem Architekten Otto Weicken aus Unna gewesen. Wohl aus Kostengründen, wie Wolfgang Lerch vermutet, hatte der damals auf einen rein zweckmäßigen Schuhkarton-Bau mit Flachdach bestanden. „Wir haben uns andere neue Kirchen angesehen und hätten eigentlich viel lieber ein schönes Spitzdach gehabt“, sagt Barabara Lerch. Es kam aber das Flachdach. Die Kirche kostete 740.000 Mark. 1993 musste das komplette Dach erneuert werden. Kostenpunkt: Rund 800.000 Mark.

Außerdem sei der Architekt in der Auslegung der neuen liturgischen Grundsätze des Zweiten Vatikanischen Konzils, das im Dezember 1965 endete, mit seiner eher nüchternen Innengestaltung etwas zu weit gegangen. Wenigstens den Turm hatten die Kalthofer entgegen der Planung und der Baugenehmigung einfach ein paar Meter höher gebaut. Rückblickend und sehr diplomatisch sagt Wolfgang Lerch zu der am 31. Mai 1969 festlich eingeweihten Kirche: „Sie war für uns alle ein wenig gewöhnungsbedürftig.“

Sehr gut betreut – auch ohne eigenen Pfarrer

Die Innenausstattung wurde vom Bistum im Übrigen nicht finanziert. Für Glocken, Altar, Bänke und alles weitere musste die Gemeinde zusätzlich viel Geld zusammenbringen – eine riesige Aufgabe für den damaligen Kirchenvorstand. „Ich würde aber jederzeit wieder eine Kirche bauen“, sagt Lerch – das sei einfach eine wirklich große und aufregende Sache gewesen.

Und heute? „Wir gehen sehr gerne in die Peter-und-Paul-Kirche“, sagt das Ehepaar voller Überzeugung. Und mit ihnen kommen immer noch im Schnitt 50 Gläubige zum Gottesdienst, was für heutige Verhältnisse durchaus ein ansehnlicher Besuch ist. Und auch ohne eigenen Pfarrer fühle man sich sehr gut betreut. Auf dem Weg zurück zur verstreuten Herde ist Kalthof also noch nicht.

Pankratiustag in Kalthof

Zum Kirchenjubiläum feiert der ganze Pastoralverbund Iserlohn den diesjährigen Pankratiustag in Kalthof.

Das Fest startet am morgigen Sonntag, 12. Mai, um 10 Uhr mit einer Festmesse in der Kirche St. Peter und Paul, die von Chören mitgestaltet wird.

Danach beginnt die Begegnung aller Generationen rund um die Jubiläumskirche mit Getränken, Speisen und einem Unterhaltungsangebot für die jüngeren Gemeindemitglieder.

Bereits am heutigen Samstag startet der Pankratiustag um 18 Uhr mit einem Evensong mit dem Jungen Chor in der Pfarrkirche St. Aloysius.

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