10 Jahre WEKA-Katastrophe

Eine Nacht voller Feuer und Schrecken

Der 22. Juli 2009: 100 Meter hoch schlagen die Flammen beim WEKA-Brand in den Nachthimmel.

Der 22. Juli 2009: 100 Meter hoch schlagen die Flammen beim WEKA-Brand in den Nachthimmel.

Foto: WRONSKI, Josef / Archiv

Sümmern.  Stadt hofft, dass in den nächsten Wochen endlich mit dem Abbruch der Gebäuderuinen begonnen werden kann

Die Bäume wiegen sich leicht im Sommerwind. In vollem Grün stehen sie entlang des Zauns an der Grundstücksgrenze. Der – gesperrte – Fußweg davor wächst allmählich zu, an vielen Stellen sucht sich die Natur ihren Weg. Von einer Idylle zu sprechen, verbietet sich aber, nicht nur wegen der Schrott- und Schuttberge überall auf dem abgeriegelten Gelände.

Hier, am Heckenkamp, mitten im Industriegebiet Sümmern-Rombrock, ereignete sich vor genau zehn Jahren, in der Nacht zu Montag, eine der größten Brandkatastrophen in der Geschichte der Stadt Iserlohn. Ein Mensch kam dabei ums Leben, zudem entstand ein Schaden von rund 150 Millionen Euro vor allem auch bei den umliegenden Firmen.

Und das sprichwörtliche Gras ist noch lange nicht darüber gewachsen: Erst vor wenigen Tagen endete die letzte gerichtliche Auseinandersetzung in Sachen WEKA. Und die Stadt hofft, dass in den nächsten Wochen endlich mit dem Abbruch der Gebäuderuinen und damit mit der Sanierung des 2016 erworbenen, mit Giftstoffen hochbelasteten Grundstücks begonnen werden kann.

Explosion erschüttert um 1.45 Uhr Sümmern

Rückblick: Eine gewaltige Explosion erschüttert um 1.45 Uhr in der Nacht zum 22. Juli 2009 Sümmern. Es folgen kurz darauf noch zwei große und in den nächsten Stunden unzählige weitere kleine Explosionen, die Flammen schlagen mehr als 100 Meter hoch in den Nachthimmel, sind weithin sichtbar bis in die Nachbarstädte.

Tanks und vor allem Behälter mit jeweils bis zu 1000 Litern entzündlicher Stoffe explodieren. Ausgangspunkt des Großfeuers ist ein Rührbehälter, in dem lösungsmittelhaltige Flüssigkeiten destilliert werden, um sie zu trennen und zu reinigen. Der Auslöser für die Katastrophe, eine infolge fehlender Schmierung heiß gelaufene Gleitringdichtung, wird später noch Gutachter und Gerichte beschäftigen.

Zunächst gilt es aber erst einmal für die Feuerwehr Iserlohn, einen der größten und auf jeden Fall längsten Einsätze ihrer Geschichte zu bewältigen. Die letzte Brandwache wird erst nach mehr als drei Wochen abrücken können. Schon der Kampf gegen das offensichtliche Feuer dauert bis zum Morgen. Aber dann, 15 Stunden später, wird in der Dunkelheit bei einer weiteren Kontrolle des Geländes von der Drehleiter aus entdeckt, dass versteckt unter den Stahl- und Gebäudetrümmern im unterirdischen Teil des Betriebsgeländes bei einem 80.000-Liter-Tank noch Flammen lodern. Es droht eine noch gewaltigere Explosion, was letztlich durch die umsichtige Arbeit der Feuerwehr nach 22 Stunden verhindert werden kann.

Sofort nach Entdecken der großen Gefahr muss das gesamte Industriegebiet, in dem Menschen nicht nur arbeiten, sondern auch leben, erneut evakuiert werden und am nächsten Tag dann sogar noch ein weiteres Mal.

Nicht nur dort, auch im benachbarten Wohngebiet standen die Sümmeraner in jenen frühen Stunden des 22. Juli auf der Straße, erschrocken und unwissend, was denn da passiert. Mit einem Live-Ticker auf ikz-online.de verbreitet die Heimatzeitung seinerzeit die ersten verfügbaren Informationen.

Die gewaltigen Rauchwolken, die zunächst vor allem Richtung Menden-Halingen, später, als der Wind Richtung Alt-Sümmern dreht, aber auch über das Kirschblütendorf ziehen, machen den Menschen Sorgen. Niemand weiß, welche gefährlichen Stoffe sie mitbringen.

Die schlechten Erfahrungen aus jener Nacht, als die Bevölkerung von offizieller Seite her stundenlang im Unklaren gelassen wird, sind später mit ein Grund dafür, dass wieder ein Sirenennetz zur Warnung vor Gefahren aufgebaut wird.

Wut entlädt sich bei Sitzung in Schützenhalle

Die Verunsicherung, ja Wut entlädt sich acht Tage später in einer fast fünfstündigen Sondersitzung des Feuerwehr- und des Umweltausschusses in der voll besetzten Sümmeraner Schützenhalle. Warum sollen die Landwirte die Ernte unterbrechen und warum soll Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten nicht gegessen werden, während die Kinder trotzdem weiter im Sandkasten spielen dürfen? Hatte die Firma WEKA, die schon 2002 einmal haarscharf an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist, überhaupt die erforderliche Genehmigung, so viele Lösungsmittel auf ihrem Gelände zwischenzulagern? Und wissen die Behörden denn überhaupt, dass das Unternehmen ein weiteres Lager in nur 400 Meter Luftlinie entfernt an der Köbbingser Mühle betreibt, fragt eine Anwohnerin. Und erntet ungläubige Blicke bei den Verantwortlichen, die sich am nächsten Morgen selber vor Ort umschauen, womit der zweite Teil der Geschichte des WEKA-Brandes beginnt, der die Behörden und die Öffentlichkeit über viele Monate beschäftigen wird.

Denn dort in einer Halle, aber auch ganz offen auf dem Außengelände lagern tatsächlich weitere Chemikalien, die die Familie Westebbe, Inhaber der Firma WEKA, in ihrer Destillation aufbereiten wollte.

1600 Behälter werden schließlich gezählt, insgesamt bis zu einer Million Liter überwiegend entzündlicher Stoffe, die dort ohne Genehmigung und Kontrolle zwischengelagert werden – und das teilweise schon seit längerem.

Aus einem undichten Behälter auslaufende Stoffe sorgen dann auch im August 2010 für einen weiteren Großeinsatz der Feuerwehr. Der Streit um die Räumung, die schließlich im Februar 2011 erfolgt, und die Kosten dafür ziehen sich auch vor verschiedenen Gerichten hin.

Denn für Westebbes handelt es sich dabei nicht um Abfall, wie von den Behörden deklariert, sondern um Wertstoffe, die nur einer Behandlung bedürfen, um wieder genutzt werden zu können. Dementsprechend lässt die Familie auch den von ihr beauftragten Anwalt, den Kölner Juristen Michael Requardt, alle rechtlichen Mittel ausschöpfen.

Und dies bis vor wenigen Tagen: „Zivilrechtlich haben wir tatsächlich erst jetzt eine Einigung vor Gericht erzielt. Die Allianz-Versicherung wird zahlen“, freut sich Requardt. Zur Summe und zu Details, zum Beispiel zu welchen Teilen die einzelnen Versicherungen (Feuer, Gebäude und Betriebsunterbrechung) dazu beitragen, will er sich nicht äußern. „Es ist Rechtsfrieden eingekehrt“, stellt Requardt fest, nachdem der strafrechtliche Teil, das Verfahren gegen die seinerzeit Verantwortlichen, die Geschäftsführer, den Prokuristen und den Betriebsleiter, wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Umweltdelikte bekanntlich schon 2015 abgeschlossen wurde.

Gutachter sehen keine Fahrlässigkeit

Nur eines von neun Gutachten kam damals zu dem Schluss, dass den Dreien tatsächlich Fahrlässigkeit vorgeworfen werden könne, weil sie die Anlagen nicht ordnungsgemäß warten ließen, und das aber auf der Basis eines vermuteten Ablaufs des Explosionsgeschehens.

Das habe sich, so erklärt die zuständige Kammer des Landgerichts, aber auch anders zugetragen können und dabei hätte dann mögliches fahrlässiges Verhalten keine Rolle gespielt. Dass es auch wegen des Betriebs des illegalen Lagers nicht zum Verfahren kommt, liegt an der eher geringfügigen Strafe, die für die nicht vorbestraften Angeklagten zu erwarten sei, die zudem in Folge der Katastrophe wirtschaftlich ruiniert worden seien.

„Die Einstellung war aber auch bitter für uns“, meint Requardt rückblickend. „Denn der Sachverhalt wurde dadurch nicht endgültig geklärt, und der Familie Westebbe wurde damit die Chance genommen, zu zeigen, dass das nicht selbst verschuldet war.“

Gegen die Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung von 4500 Euro an die Witwe des bei dem Großbrand ums Leben gekommenen Mitarbeiters, eines 46-jährigen Mendeners, vorzugehen, wäre allerdings nicht gerechtfertigt gewesen angesichts des Umfangs mit vorgesehenen 50 Verhandlungstagen, 71 Zeugen und Kosten im sechsstelligen Bereich.

Er habe seinen Mandaten dazu geraten, das so zu akzeptieren, sie seien aber auch von sich aus schon damit einverstanden gewesen. Zumal man ja schon bis dahin „eine unsäglich lange Verfahrensdauer“ gehabt habe, unter anderem weil andere Verfahren, wo sich Beteiligte in Untersuchungshaft befunden hätten, Vorrang gehabt hätten und die Besetzung der zuständigen Kammer des Landgerichts gewechselt habe.

Dass dann vor dem bereits feststehenden Eröffnungstermin die Richter nach erneutem Studium der Akten doch noch mal anders entschieden hätten, sei rückblickend auch schade, da er sich bereits sehr gut auf den Prozess vorbereitet hatte. Jetzt will auch Requardt abschließen mit dem Verfahren, das ihn so lange beschäftigt hat wie kein anderes in seiner 36-jährigen Karriere.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben