Stadtleben

„Eine vergleichsweise gute Kunst-Mischung“

Stadtführerin Ethel Giesecke erläuterte die Skulpturen in der Innenstadt, so auch Gordon Browns Bronzeplastik „Der Zeitungsleser“.

Stadtführerin Ethel Giesecke erläuterte die Skulpturen in der Innenstadt, so auch Gordon Browns Bronzeplastik „Der Zeitungsleser“.

Foto: IKZ

Iserlohn.   Im Rahmen einer Stadtführung erläuterte Ethel Giesecke an verschiedenen Stationen die Skulpturen und Objekte in der Iserlohner Innenstadt.

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„Nicht immer steht Kunst im öffentlichen Raum allein für Ästhetik und Lebensfreude, sondern auch für Diskussion und Bewusstmachung von vorher undefinierbaren Räumen.“ Das erklärte Stadtführerin Ethel Giesecke zu Beginn ihrer Stadtführung zu einer Reihe ganz unterschiedlicher Kunstwerke in der Innenstadt. Sie startete am Freitag vor der Stadtinformation auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort steht seit 1993 die Skulptur „Großer Kopf schwebend“ von Franz Bernhard aus wetterfestem Baustahl.

Nicht nur über das vier Tonnen schwere Kunstwerk, sondern auch über die Kosten von 100 000 Euro hatte es besonders bei der Aufstellung damals allerlei Diskussionen gegeben. Deshalb erinnerte die Stadtführerin an die vielen Sponsoren, die die Aufstellung ermöglicht hatten: I.D. von Hagen, die Vermögensverwaltung Laar, die Märkische Bank Stiftung, das Malergeschäft Mönnig, die OKW-Stiftung, die Firma Rösner Bau, die Firma C.D. Wälzholz und Dr. Theo Bergenthal.

Mit einem VHS-Arbeitskreis abgestimmte Auftragsarbeit

Das 1989 am Poth aufgestellte Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus war die nächste Station. „Die Grundidee von Professor Siegfried Neuenhausen war ein Mahnmal mit zerbrochenen Hakenkreuzen, einer nackten Bronzefigur und rostigen Winkeln aus Korten-Stahl“, erklärte Ethel Giesecke. Sie verwies auf die gemeinsam mit einem Arbeitskreis der VHS entwickelte Auftragsarbeit der Stadt und erläuterte zum Standort: „Vom Bahnhof aus wurden jüdische Mitbürger deportiert. Im Eckhaus Kluse/Treppenstraße brachten die Nazis Juden unter, denen sie zuvor die eigenen Wohnungen genommen hatten. An der Rahmenstraße befand sich das „Braune Haus“, ein damaliger Treffpunkt für Nazis, und in unmittelbarer Nähe des heutigen Mahnmal-Standortes wurde 1933 ein Mordanschlag auf den Nationalsozialisten Hans Bernsau verübt. Das habe damals zur Verhaftung und Hinrichtung eines Mitglieds der KPD geführt. Auf vier Tafeln erinnert Neuenhausen an politisch Andersdenkende, rassisch Verfolgte, Kriegsgefangene, Fremdarbeiter, Parteiverbot, entlassene Beamte, zerschlagene Gewerkschaften, verbrannte Bücher, verbotene Mitmenschlichkeit, ungenannte Hilfsbereitschaft, denunzierte Nachbarschaft und unbekannte Verweigerer.

Zur Bronzefigur „Elena“ auf dem Gelände der Evangelischen Seniorenwohnanlage Altes Stadtbad erklärte Giesecke: „Die mittlerweile verstorbene Stifterin Mathildis Geppert hatte eine kleinere Skulptur des Künstlers Pavel Shaposhnik erstmals bei einer Ausstellung des Symposions M im Parktheater gesehen und diese dann als Großskulptur in Auftrag gegeben und der Stadt geschenkt.“ Die nackte Schönheit habe nach der Aufstellung am Poth im Mai 2004 eine Flut von Leserbriefen ausgelöst und sei bald demoliert worden. Die Folge sei damals die Gründung einer Kommission „Kunst im Stadtbild“ gewesen. Nach der Reparatur sei die Bronzearbeit an einem geschützteren Ort auf dem Gelände der Seniorenwohnanlage aufgestellt worden.

Harmonie-Brunnen steht für wirtschaftlichen Erfolg

Beim „Harmonie-Brunnen“ von Theodor Sprenger am Haus der Gesellschaft Harmonie erläuterte Ethel Giesecke zunächst die Geschichte der Vereinigung und den Ortsbezug, die Symbole für gute Kaufmannschaft, weltweiten Handel, wirtschaftlichen Erfolg und Optimismus. Das von dem Iserlohner Künstler Robert Ittermann 1953 geschaffene Bronzerelief „Gebt Sie frei“ befindet sich nur wenige Meter weiter neben der Westertor-Passage. Es bezieht sich auf die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, die noch acht Jahre nach Kriegsende über 26000 Kriegsgefangene nicht in die Heimat entlassen hatten, erläuterte die Stadtführerin. Die Stadtführerin zeigte seine verschiedenen Standortwechsel auf: „Einweihung war am Bahnhofsplatz, danach folgte die Umsetzung an die Mauer am Westertor, dann an den Poth.“ Ittermann habe bereits 1928 ein Ehrenmal für die Stadt geschaffen, verwies Giesecke auf die Figur des Kriegers auf der Gedenkstätte für Gefallenen des ersten Weltkrieges.

„Stolpersteine“ erinnern an frühere jüdische Mitbürger

Weitere Stationen waren in der Fußgängerzone die „Stolpersteine“ des Berliner Künstlers Gunter Demnig, mit denen an die jüdischen Mitbürger erinnert wird, die vor Ort gelebt haben und von den Nazis umgebracht worden sind. „Das Projekt hat sich inzwischen mit 45 000 Steinen in etwa 750 Orten in 15 Ländern Europas zum weltweit größten dezentralen Mahnmal entwickelt“, erklärte die Stadtführerin.

In der Wermingser Straße machte die Gruppe weiter Halt an den von dem 1958 in Iserlohn geborenen Künstler Gordon Brown mit Schülern entwickelten hölzernen Spielgeräten und später am Schillerplatz an seiner Figur des Zeitungslesers. Die Stadtführerin erinnerte an Browns Atelier in Barendorf in den 80er Jahren. Heute lebe und arbeite er in Hamm. Sowohl der Zeitungsleser in Iserlohn als auch der Brückenzöllner in Letmathe seien Auftragsarbeiten der Stadt Iserlohn gewesen, die aber untypisch für sein Gesamtwerk sind, machte Giesecke deutlich, dass Brown vor allem als Bildhauer mit dem Material Holz arbeitet.

In der Laarstraße besichtigte die Gruppe vor dem dort ansässigen Ärztehaus die von den Anliegern gestiftete Bronzefigur „Ruhende Sappho“ des Künstlers Gustav Seitz, der von 1906 bis 1969 gelebt hat. „Er gilt als einer der bedeutendsten realistischen deutschen Bildhauer der Nachkriegszeit“, erklärte sie.

„Der Brunnen ist ein Beispiel für Kunst zum Anfassen“

Die Gruppe erfuhr am Brunnen „Lebensfreude“ am Schillerplatz, dass Künstler Bonifatius Stirnberg bei Joseph Beuys Kunst studiert hatte. Giesecke ermunterte die Teilnehmer der Exkursion: „Der Brunnen ist ein Beispiel für Kunst zum Anfassen.“ Die Sparkasse hat ihn anlässlich ihres 150-jährigen Bestehens der Stadt Iserlohn zur 750-Jahrfeier geschenkt.

Der „Friedensmahner“ vor dem Rathaus war einigen Teilnehmern des Rundgangs noch nicht bekannt. Auf der 2,40 Meter hohen Stele ist in den Sprachen Deutsch, Türkisch, Englisch, Russisch, Hebräisch, Arabisch, Griechisch und Polnisch der Schriftzug „Friede auf Erden“ zu lesen. Auf Initiative des „Runden Tisches der Religionen“ war er im vergangenen Jahr errichtet worden.

Besonders schön fanden die Teilnehmer des Rundgangs Karl-Henning Seemanns „Schwingendes Paar“ auf dem Werner-Jacobi-Platz, das unbeschwerte Lebensfreude ausdrückt. Die Bronzefigur war 1992 von der Stadt Iserlohn vor dem Rathaus zwei errichtet worden. Es steht inmitten von wild wuchernden Sträuchern auf einem Metallsockel genau im Kreuzungspunkt von fünf sternförmig auf die Skulpturen-Gruppe zulaufenden gepflasterten Spazierwegen.

Zu Favoriten der Gruppe gehört auch das von der 1948 in Iserlohn geborenen Künstlerin Christel Lechner in Beton gearbeitete „Tanzende Paar mit Hund“ auf dem Marktplatz., das unverständlicherweise schon mehrfach von Kunstbanausen beschädigt wurde. Fazit am Ende des Rundgangs: „Für eine Stadt unserer Größenordnung ist das eine gute Kunst-Mischung.“

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