Holocaust-Opfer

Erinnerung an ermordete Iserlohner

Alon Brav (li.) zeigte mit Timon Tesche im Beisein des stellvertretenden Bürgermeisters Michael Scheffler (re.) bei der Einweihung der Stolpersteine Bilder seines von den Nazis ermordeten Großonkels.

Alon Brav (li.) zeigte mit Timon Tesche im Beisein des stellvertretenden Bürgermeisters Michael Scheffler (re.) bei der Einweihung der Stolpersteine Bilder seines von den Nazis ermordeten Großonkels.

Foto: Michael May IKZ

Iserlohn.   Amerikanische Angehörige kamen zur Einweihung der „Stolpersteine“ in Gedenken an Ignaz und Edith Braw und ihre gemeinsamen Kinder Max und Lothar. Sie zeigten sich von der großen Anteilnahme beeindruckt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Vier „Stolpersteine“, kleine Messingplatten in Gedenken an Ignaz und Edith Braw und ihre gemeinsamen Kinder Max und Lothar, verlegte der Künstler Gunter Demnig im Beisein der aus Amerika angereisten Angehörigen und interessierten Bürgern an der Straße Trift 1. Die Familie Braw lebte in Iserlohn, bis sie 1938 vor den NS-Schergen fliehen mussten, getrennt und ermordet wurden. Zur Verlegung der Tafeln auf dem Gehweg ist Alon Brav – die amerikanische Familie schreibt sich mit „v“ – mit seiner Frau Gilat und Tochter Sapir aus den USA angereist, bevor er in dieser Woche nach Israel zu seinen Söhnen weiterreist. Er gehört in dritter Generation zu der Familie und hat die Geschichte der Braws aus Iserlohn recherchiert.

Nach Kundenboykotten zum Untertauchen gezwungen

„Ein erschütterndes und doch in diesen Zeiten nicht seltenes Schicksal einer jüdischen Familie in unserer Stadt“, erklärte der stellvertretende Bürgermeister Michael Scheffler. Ignaz Braw, jüdischer Bürger Iserlohns mit polnischen Wurzeln, war Inhaber eines kleinen Bekleidungsgeschäftes am Dicken Turm 3. Er musste erleben, dass zunächst durch Kundenboykotte und schließlich von der Gestapo 1938 der Druck auf ihn immer weiter erhöht wurde und ihn zum Untertauchen zwang. Seine Ehefrau Edith blieb zunächst in Iserlohn und später in Berlin, um zumindest an ihre ersparten Rücklagen für die Flucht zu Verwandten in den USA zu kommen. Sie habe zwischenzeitlich die Trennung von ihren damals zweijährigen Zwillingen Max und Lothar in Kauf nehmen müssen. Edith und ihre Kinder kamen ins jüdische Ghetto in Tarnow. Ihr Mann flüchtete nach Lwow (Lemberg) in der heutigen Ukraine. Wie Scheffler weiter ausführte, verliert sich ihre Spur im Jahr 1941: „So ist davon auszugehen, dass sie getrennt voneinander, wahrscheinlich im Jahr 1942, gewaltsam den Tod fanden.“

Scheffler betonte, mit der Geschichte dieser Familie sei die Verantwortung verbunden, „unsere Gesellschaft anders, freundlicher und friedlicher zu gestalten“: „Deshalb wenden wir uns in Iserlohn entschieden gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und gewaltbereiten Salafismus.“ Der Vizebürgermeister schlug einen Bogen von Rechtspopulisten und zu Flüchtlingen.

Scheffler lobte die Beteiligung der Jugendlichen des Märkischen Gymnasiums und aus dem „Checkpoint“ an diesem Projekt. Er dankte Timon Tesche und dem Evangelischen Kirchenkreis für die Begleitung und Jürgen Lensing vom Jugendamt, der erst kürzlich mit der Anne-Frank-Ausstellung im Altstadtstollen einen weiteren Baustein der Erinnerung gesetzt hatte. Der Vizebürgermeister würdigte auch Familie Brav, da sie diesen wichtigen Termin mit initiiert hatte. Alon Brav zeigte sich angesichts der 50 interessierten Iserlohner zu bewegt, um die eigens für diese Gedenkveranstaltung mitgebrachten Briefe seines Großonkels persönlich zu verlesen, die rund 80 Jahre in einer Schublade der Familie geschlummert hatten. Das übernahm für ihn Timon Tesche, den er als Freund bezeichnete. „Das Los meiner Edith und der Kinder haben mich zu einem alten Mann gemacht“, hatte Ignaz Braw an einen Verwandten im September 1940 geschrieben. Bei der Aufarbeitung und Übersetzung der Familiengeschichte wirkte Wiebke Kramer mit.

Weitere Stationen früheren jüdischen Lebens besucht

Im Anschluss führten die MGI-Schülerinnen Lisanne Faber und Cassandra Glagla die Gruppe durch die Iserlohner Innenstadt zu den übrigen Stationen, die an jüdische Mitbürger erinnern, das Mahnmal am Poth, den Standort der ehemaligen Synagoge mit dem Gedenkstein an der Mendener Straße sowie die Stolpersteine am Alten Rathausplatz Nr. 14 für die Familie Mosbach, an der Wermingser Straße Nr. 2 für die Familien Wertheim/Gompertz, der Wermingser Straße Nr. 15 für Sally und Bertha Becker und an der Wermingser Straße Nr. 27 für die Familie Waldbaum.

Danach besuchten sie die Anne-Frank-Ausstellung im Altstadtstollen. Bei Kaffee und Kuchen klang diese Zeitreise im Sozialzentrum „Lichtblick“ aus. Die Amerikaner trafen sich bei ihrem Iserlohn-Besuch auch mit Angehörigen einer ebenfalls von den Nazis verfolgten jüdischen Familie. Lukas Kuhn hielt für die Nachfahren die ganze Aktion auf Video fest. Vielleicht könne er gezeigt werden, wenn im September Holocaust-Überlebende zu einer Veranstaltung ins Jugendcafé „Checkpoint“ kommen, sagte Timon Tesche.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben