Sommerklänge

Erschütternde Musik mit erschwertem Zugang

Jonas Gansau (Bariton) und Damian Ostwald (Klavier) haben am Dienstag im Forum St. Pankratius die „Sommerklänge“ eröffnet.

Jonas Gansau (Bariton) und Damian Ostwald (Klavier) haben am Dienstag im Forum St. Pankratius die „Sommerklänge“ eröffnet.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Die Reihe „Sommerklänge“ feiert im Forum St. Pankratius mit dem Bariton Jonas Gansau einen großartigen Auftakt.

Der „Doppelgänger“ aus Schuberts „Schwanengesang“ – das ist wirklich düster und verbreitet eher Schwermut und Todessehnsucht als sommerliche Leichtigkeit. Und doch machte der Liederabend, mit dem am Dienstagabend die diesjährigen „Sommerklänge“ im Forum St. Pankratius anhoben, Lust auf mehr. Nicht nur auf mehr Konzerte aus dieser beliebten Reihe, die nun erstmals von Iserlohns neuem Dekanatskirchenmusiker Tobias Leschke gestaltet wurde, sondern generell auf mehr Musik in diesem kammermusikalischen Format, wie man sie in Iserlohn einfach viel zu selten zu hören bekommt.

Ernst und Tiefe auf ganz natürliche Weise

Vor allem viel zu selten in solcher Qualität. Denn die beiden jungen Musiker Jonas Gansau (Bariton) und Damian Ostwald (Klavier), die sich beide noch im Lehramtsstudium in Dortmund befinden, machten ihre Sache mehr als fabelhaft. Vor allem Jonas Gansau interpretierte diese ernste Musik mit sehr viel Persönlichkeit, ließ große Stimme hören ohne zu viel Pathos zu verbreiten, bot vielmehr die nötige Dramatik und Tragik dieser romantischen Musik auf sehr natürliche Weise, was am Ende vermutlich auch für die stehenden Ovationen und zwei geforderte Zugaben verantwortlich war. Sein Vortrag und die Begleitung von Damian Ostwald waren fein ausgearbeitet und gaben je nach ausgewähltem Stück zwischen Schubert, Edvard Grieg und Kurt Weill Anlass zum Träumen, auch mal zur Heiterkeit, vor allem aber – wie bei Schuberts „Doppelgänger“ – zum melancholischen Nachfühlen.

Nun sind viele der Zuhörer auf die Gefühle, die der große Schubert gerade in seinem „Schwanengesang“ verbreitet, vermutlich noch ganz gut vorbereitet. Bei der eher unbekannten Ilse Weber durfte man sich hingegen mit seinen Eindrücken eher alleingelassen und unsicher fühlen. Was war das, was da vorgetragen wurde? Wer ist die Komponistin und warum singt sie über Theresienstadt? Und warum klingen diese Lieder trotz ihres erschütternden Inhaltes so schön und keineswegs verstörend?

Generell sind bei Liedern, in denen ja im Idealfall große Lyrik mit einer meisterhaften Vertonung verschmelzen und sehr viel Bedeutung und Tiefe mitschwingen, Hintergrundinformationen zur Entstehung und zum Inhalt im Grunde zwingend notwendig. Im Falle von Ilse Werner aber sind sie geradezu unerlässlich. Die tschechische Dichterin ist 1903 geboren und wurde 1942 als Jüdin mit ihrem Mann und ihrem Sohn ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort schrieb sie unzählige Gedichte und vertonte einige davon auf einer ins Lager geschmuggelten Gitarre – irritierend schöne, liebliche und tröstende Gesänge, wie man am Dienstag hören konnte.

Kurz bevor sie nach Auschwitz gebracht wurde, wo sie 1944 auch vergast wurde, hatte sie ihre Gedichte und Lieder im Boden eines Geräteschuppens in Theresienstadt vergraben. Ihr Mann, der Auschwitz schwer krank überlebte, grub sie nach dem Krieg wieder aus und sicherte sie für die Nachwelt. Was für eine berührende Geschichte, von der man am Dienstag leider nichts erfuhr. Die Lieder waren ganz wunderbar gesungen und gingen zu Herzen, mit einer kleinen Moderation oder einem erklärenden Text im Programm hätten sie aber eine unendlich größere Wirkung und wären auch unter die Haut gegangen.

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