Bundestagswahl

Es geht dem Iserlohner um viel mehr als nur Tierschutz

Lesedauer: 7 Minuten
Neun Kandidaten - sechs Fragen: Michael Siethoff (Tierschutzpartei)

Neun Kandidaten - sechs Fragen- Michael Siethoff (Tierschutzpartei)

Bei der Bundestagswahl 2021 werben im Wahlkreis 150/Märkischer Kreis II acht Männer und eine Frau um die Gunst der Wähler. Redakteur Torsten Lehmann stellt ihnen im Video-Interview sechs Fragen - drei sind für alle gleich, drei auf den jeweiligen Kandidaten und seine Partei zugeschnitten. Die Kandidaten haben nach kurzer Bedenkzeit 20 Sekunden Zeit zum Antworten.

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Iserlohn.  Michael Siethoff kandidiert erneut für die Partei, die zudem den Menschen und die Umwelt im Namen trägt.

Wann genau er vor einem Vierteljahrhundert beschlossen hat, kein Fleisch mehr zu essen, kann Michael Siethoff gar nicht sagen. Ein auslösender Moment, so der 51-Jährige, sei aber sicherlich dieses Essen mit Freunden gewesen. Nette Gesellschaft, ein schöner Abend in einem griechischen Restaurant. Als dann jedoch sein Essen gebracht wurde und der Teller mit einem riesigen Berg Fleisch vor ihm stand, sei ihm erstmals so richtig bewusst geworden: „Das ist ein totes Tier.“ Und diese Erkenntnis habe nichts mit dem Vegetarier zu tun gehabt, der damals neben ihm saß. Denn der wollte ihn gar nicht bekehren.

So wie auch Michael Siethoff, der zum zweiten Mal nach 2009 für die Tierschutzpartei im Wahlkreis Märkischer Kreis II als Bundestagskandidat antritt und diesmal sogar die NRW-Landesliste seiner Partei anführt, bis heute nicht „missionarisch“ unterwegs ist. Aber natürlich kann der Iserlohner, wenn man ihn darauf anspricht, jede Menge guter Argumente liefern, warum man ganz oder zumindest häufiger auf Fleisch verzichten sollte. Denn, so Siethoff, wer vom Gedanken des Lebewesens und dessen seiner Meinung nach eben gleichwertigen Rechts auf Leben nichts hören möchte, wem das vor allem aufgrund mangelnder Kontrollen immer wieder vorkommende Leid in der Massentierhaltung egal sei, der könne immer noch auf die gesundheitlichen Folgen des übermäßigen Fleischkonsums hingewiesen werden. Zumal die Ernährungswissenschaft inzwischen nachgewiesen habe, dass Fleisch eben gar kein Muss, sondern ein Kann ist.

Beim „Lebenslauf“ absolviert der Ultraläufer einen Marathon

Dass auch ohne tierisches Eiweiß körperliche Höchstleistungen möglich sind, dafür ist Michael Siethoff seit dreieinhalb Jahren der beste Beweis. Beim „Lebenslauf“ im Hemberg-Stadion legte er jüngst 43,2 Kilometer in knapp über vier Stunden zurück. Und das kommt nicht von ungefähr: Ultraläufe, also alles ab 45 Kilometern aufwärts, sind seine Leidenschaft. Sein Rekord liegt bei knapp 137 Kilometern, die er im vergangenen Jahr beim 24-Stunden-Lauf der Deutschen Ultralauf-Vereinigung in Bernau bei Berlin zurückgelegt hat. Eine seiner Strecken zum Trainieren – fünf- bis sechsmal die Woche ist er insgesamt 80 bis 100 Kilometer unterwegs – ist die Silvesterlauf-Runde, die unterhalb von der Einfahrt der Fachhochschule am Frauenstuhlweg in den Wald führt. Dorthin bittet er auch für das Kandidaten-Porträtfoto, weil der Ausblick von der Sitzbank so ein „Zwiespalt“ sei: Zum einen habe sich dort sehr lange ein idyllischer Fernblick über weite Teile von Iserlohn geboten, zum anderen hatten Waldsterben, Borkenkäfer und Stürme wie Kyrill diesen erst ermöglicht, in dem sie die Freiflächen „schufen“.

Wie die Tiere so liegt auch unsere Umwelt Michael Siethoff, der in Gerlingsen aufgewachsen ist, seit langem am Herzen. So ist er auch immer schon zu Fuß unterwegs gewesen, hat auch dank Wohnsitz stets in der Innenstadt und Arbeit im Iserlohner Rathaus seit vielen Jahren kein eigenes Auto mehr, nutzt ansonsten den ÖPNV und gehörte vor mehr als 20 Jahren zu den Initiatoren des Car-Sharing vor Ort.

Früher ging es alle zwei Monate in den Vegan-Laden in Essen zum Großeinkauf

So wie er damals auch als Vegetarier und dann vor allem als Veganer beinahe ein Pionier war. „Ich bin alle zwei Monate zum Vegan-Laden nach Essen gefahren, um einen Großeinkauf zu machen.“ Schließlich hatte sich aber ja auch in den Jahrzehnten zuvor in Deutschland Fleisch vom Luxus- zum täglichen Grundnahrungsmittel, ja viele Jahre auch gar zur Ramschware bei den Discountern entwickelt. Was sich glücklicherweise, wenn auch sehr, sehr langsam, ändere. So wie inzwischen aber auch vegetarische und vegane Lebensmittel zum Standardsortiment bei Aldi, Lidl & Co. gehören.

„Es hat sich viel getan. Es ist momentan auch so ein kleiner Hype, von dem ich allerdings ausgehe, dass er sich dauerhaft halten wird.“ Denn neben den bereits erwähnten Argumenten gibt es entscheidende weitere für den Fleischverzicht, und so zieht Michael Siethoff nicht nur im Wahlkampf die „Klima-Karte“. Schließlich seien die umweltschädlichen Folgen einer „ausufernden Massentierhaltung“ aber ja nicht mehr zu verleugnen und – siehe Nitrat-Belastung der Böden – sogar Anlass für die Europäische Union, in Deutschland einzuschreiten. Es geht also längst nicht mehr nur um den Schutz der Tiere. Zumal die Partei mit offiziellem, langem Namen ja schon seit ihrer Gründung 1993 „Partei Mensch Umwelt Tierschutz“ heiße, weil sie eben Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, Tierschutz und Tierrechte sowie Umweltschutz und Klimaschutz als untrennbar miteinander verbunden erachte, und sich deswegen unter anderem für eine Umstellung auf den Veganismus einsetze.

Über die Anti-Atomkraft- und die Friedensbewegung mit Tierrechtlern in Kontakt gekommen

Wann er selber Veganer wurde, kann Michael Siethoff übrigens auf den Tag genau sagen: am 2. Mai 1997. „Am Vorabend habe ich einen vegetarischen Burger gegessen, bei dem eben die Soße noch tierische Produkte enthielt.“ So gut daran erinnern kann er sich, weil er damals zu Besuch in Berlin war. „Also jetzt nicht bei den Krawallen zum 1. Mai, aber schon auch zu einer Demo für Tierrechte.“ Mit Tierrechtlern war Siethoff zwei, drei Jahre vorher erstmals in Kontakt gekommen, nachdem er begonnen hatte, sich politisch in der Anti-Atomkraft- und der Friedensbewegung zu engagieren. Letzteres führte dann auch übrigens dazu, dass er beim Iserlohner Friedensplenum sehr aktiv mitarbeitete und die organisatorische Verantwortung für das Friedensfest 1998 übernahm.

Im selben Jahr gehörte Michael Siethoff übrigens zu den Mitbegründern der Iserlohner Tierrechtsgruppe, lud zudem über viele Jahre einmal im Monat zum „Vegan-Brunch“ ins Jugendzentrum Karnacksweg ein. Von 2006 bis 2012 engagierte er sich dann erstmals sehr intensiv in der Tierschutzpartei, errang bei der Kandidatur bei der Bundestagswahl 2009 mehr als achtbare 1,5 Prozent – die er jetzt übrigens mindestens wieder anstrebt – und ist nun seit zwei Jahren wieder verstärkt aktiv. „Ich hatte einfach das Bedürfnis, wieder mehr zu tun, und wollte versuchen, wieder mehr zu bewegen.“ Wobei das Ziel beim Wiedereinstieg 2019 nicht die erneute Kandidatur gewesen sei. „Das hat sich so ergeben.“ Wie auch der erste Platz auf der Liste des Landesverbandes, für den er auch noch ehrenamtlich die Social-Media-Aktivitäten betreut. Denn auch wenn sich viele Menschen mit dem Tierschutzgedanken (und sicher ja auch mit dem Umweltschutz und den Menschenrechten sowieso) gemein machen können – Mitglieder hat die Partei immer noch im gesamten Märkischen Kreis gerade einmal eine Handvoll. Aber auch das, so Michael Siethoff, müsse man positiv sehen: Angesichts der Tatsache, dass man in allen 16 Bundesländern in Kommunalparlamenten vertreten sei (in NRW in Dortmund und Essen) habe man das beste Verhältnis zwischen Mitgliedern und Mandatsträgern aller Parteien.

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