Menschen

„Es gibt viele Leute, die mir Mut machen“

Frührentner Markus Vollmer (53) macht an der Rathaus-Brücke Übungen, um die Folgen seines Schlaganfalls zu überwinden.

Frührentner Markus Vollmer (53) macht an der Rathaus-Brücke Übungen, um die Folgen seines Schlaganfalls zu überwinden.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Schlaganfall-Patient Markus Vollmer trainiert regelmäßig an der Rathaus-Brücke und findet so zurück ins Leben.

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Der Rollstuhl steht an der Wand der Brücke zum Rathaus II, während Markus Vollmer sich am Brückengeländer festhaltend vor- und zurück bewegt, Krafttraining und Dehnungsübungen macht, dann Schritt für Schritt nach rechts und links schreitet, immer wieder. Dann geht der 53-jährige Iserlohner in die Hocke, hält sich immer noch fest, geht vor und zurück. Wechselnd nimmt er die Arme hoch, eine Hand aber immer noch am Gelände haltend. Dann kommen Gleichgewichtsübungen, bei denen er wechselnd auf einem Bein steht, immer noch mit einer Hand am Geländer.

Mutmacher zeigen echteAnteilnahme am Schicksal

„Es gibt viele Leute, die mir Mut machen“, erzählt Markus Vollmer. „Die Menschen sind total lieb. Das tut so gut. Unter den Passanten sind etliche aus dem Rathaus.“ Einer der Mutmacher ist der 63-jährige Iserlohner Roland Baude, der sich zu unserem Gespräch auf dem oberen Schillerplatz dazugesellt. „Er trainiert regelmäßig“, weiß der Passant, der sich oft mit dem disziplinierten Brücken-Turner unterhält, Anteilnahme an seinen Handicaps zeigt und auch schon viele private Dinge erfahren hat. „Da muss man den Hut vor ziehen.“

Rückblende: Vor fünf Jahren schlug das Schicksal zu. Der 28. März 2014 ist der Tag an dem sich sein Leben von Grund auf änderte. Ein Kleinhirninfarkt ereilte Markus Vollmer im Alter von 47 Jahren aus heiterem Himmel. „Ich kann seither nicht mehr schreiben und nicht mehr lesen“, erzählt der Iserlohner, der 17 Jahre als Rechtsanwalt arbeitete und gern hobbymäßig leidenschaftlich geritten ist. „Ich saß mit meiner Frau auf der Terrasse, da musste ich mich übergeben. Sie rief sofort den Notarzt, und zunächst sind alle davon ausgegangen, dass ich eine Lebensmittelvergiftung habe. Es war aber Gehirnbluten. Im Bethanien-Krankenhaus folgte in der Nacht ein schwerer Schlaganfall.“

Nach dem Schlaganfall Anwaltskanzlei aufgegeben

Weitere Stationen waren Krankenhäuser in Bochum, Duisburg und Hagen-Ambrock. „Ich hatte zwei Jahre so schwere Rückenschmerzen, ich dachte, die Welt geht unter. Am schlimmsten waren die ersten zwölf Monate, in denen ich weder sprechen noch essen konnte“, sagt Markus Vollmer, dass er in dieser Zeit über eine Magensonde ernährt wurde. Zwei Jahre habe er halbseitig gelähmt im Bett gelegen.

Ich hatte schwere Depressionen“, erinnert er sich an dunkle Zeiten: Der selbstständige Fachanwalt für Verkehrsrecht musste seine Rechtsanwaltskanzlei, in der auch seine Frau arbeitete, am Theodor-Heuss-Ring aufgeben, ist jetzt Frührentner. „Die Extremitäten können nur bedingt bewegt werden, das Sehzentrum ist geschädigt, das linke Bein gar nicht, die rechte Gesichtshälfte ist taub. Ich kann nicht mehr reden und nicht mehr lesen. Man muss lernen, mit einem völlig anderen Körper zu leben“, gibt Vollmer einen Einblick in seinen Entwicklungsprozess, bei dem er sich mit Hilfe von Therapeuten und seiner Frau, mit der seit 29 Jahren verheiratet ist, auf den Weg heraus aus der Depression gemacht hat.

„Irgendwann muss damit Schluss sein. Der Tag hat 24 Stunden. Da habe ich überlegt, was mache ich mit diesem Tag ohne Beruf? Was kann ich noch?“ Die Lösung: Training, Training, Training bei Logopäden und Physiotherapeuten, im Fitnessstudio, beim TuS und an der frischen Luft unter freiem Himmel an den Fußgängerbrücken-Geländern in der Innenstadt, an denen er Halt findet. Dazu fährt er mit dem Rollstuhl ins Zentrum oder lässt sich von seiner Frau bringen. „Das hat entscheidenden Anteil daran, dass ich zurück ins Leben gekommen bin. Ich bin so froh, dass ich mich wieder bewegen kann. Vom Autofahren habe ich mich schnell verabschiedet.“

Enttäuscht ist allerdings, „dass sich über 80 Prozent seiner Freunde und Bekannten von mir verabschiedet haben: Die meisten Menschen verdrängen Krankheit und Tod. Ich bin total dankbar, dass meine Frau und meine Familie in all der Zeit zu mir gestanden haben. Auch wenn es nicht so gut lief, dass sie einfach da sind.“

Das Schicksalist nun mal da

Der bekennende Christ hat sich immer wieder gefragt: „Warum lässt Gott das zu?“ Und Markus Vollmer ist zu dem Schluss gekommen: „Ich muss an meinem Gottesbild arbeiten. Das Schicksal ist nun mal da. Man muss sich damit auseinandersetzen.“ Dankbar sei er vielmehr den Menschen, die jetzt in sein Leben getreten seien.

Dazu gehört auch Klaus Utikal vom Ehrenamtsdienst „Continue“, der ihn bei vielen Alltagsdingen unterstützt und begleitet. Er treffe immer wieder auf hilfsbereite Menschen, die ihn im Rollstuhl schieben oder für ihn eine Tür aufhalten. „Was ich nie verloren habe, das ist mein Humor“, sagt der Frührentner augenzwinkernd.

„Seitdem ich nicht mehr lesen kann, höre ich sehr viel Radio und Hörbücher. Die digitale Technik hilft Menschen mit Handicaps, am Leben teilzunehmen. Das Wichtigste aber ist, dass man sich nicht zuhause verkriecht. Ich bin viel unterwegs, fahre auch schon mal mit der Bahn nach Düsseldorf. Das bedeutet für mich Lebensqualität.“

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