Werkstatt im Hinterhof

Es ist billig, verfügbar und gestreckt

Ein trauriger Ort  und ein Mahnmal: An dieser Wand werden in der Werkstatt alle Todesfälle gesammelt. In diesem Jahr sind schon 15 dazu gekommen.

Ein trauriger Ort und ein Mahnmal: An dieser Wand werden in der Werkstatt alle Todesfälle gesammelt. In diesem Jahr sind schon 15 dazu gekommen.

Foto: Ralf Tiemann / IKZ

Iserlohn.  Eine Kokain-Schwemme sorgt für einen Anstieg der Sterbefälle unter den Besuchern der Werkstatt im Hinterhof.

Es sind die inzwischen sehr ausgefeilten Abwasseruntersuchungen, die vieles zutage fördern – unter anderem auch Erkenntnisse zum Drogenkonsum. Dass ganz Europa derzeit unter einem „Kokain-Tsunami“, wie Dr. Martina Harbrink-Schlegel es nennt, leidet, sei damit inzwischen statistisch gesichert – inklusive regionaler Unterschiede und einem klaren Mehrkonsum an den Wochenenden. Zürich ist beim Kokain die Nummer eins in Europa, Dortmund ist eine unerwartet führende Hochburg, in der mehr konsumiert wird als in Frankfurt. „In Iserlohn bekommen wir diese Schwemme mit all ihren Auswirkungen live mit“, sagt die Ärztin, die in ihrer Praxis an der Oberen Mühle das Substitutionsprogramm für die drogenkranken Besucher der Werkstatt im Hinterhof anbietet. Zusammen mit dem Leiter der AWO-Einrichtung, Achim Rabenschlag, beobachtet sie die Iserlohner Drogenszene.

Ende letzten Jahres sei es los gegangen mit dem Kokain, sagt Rabenschlag. Seitdem verzeichnet er einen deutlichen Anstieg der Drogentoten unter seinen Klienten. Ungefähr zehn seien es in normalen Jahren – überwiegend erwartbare Sterbefälle von Menschen, deren Lebensuhr abgelaufen sei. In diesem Jahr sind es schon am Ende des Sommers 15 Todesfälle. Und zwar vorwiegend relative junge Leute zwischen 35 und 50 zu tun, die mehr oder weniger überraschend in ihren Wohnungen aufgefunden wurden. Die Waldstadt steuert auf eine einsamen Rekord zu.

Grund für die vielen Toten ist die Qualität des Kokains, wie Dr. Harbrink-Schlegel erklärt. Es gebe zwei Sorten auf dem Markt. Zum einen Kokain von sehr hohem Reinheitsgrad. Zum anderen Kokain, das mit einem Entwurmungsmittel aus der Veterinärmedizin gestreckt wurde. Dieses Mittel ist vom Kokain nicht zu unterscheiden, es verstärkt aber die Wirkung der Droge. Verhängnisvollerweise bewirkt es aber auch Veränderungen an den Herzgefäßen, so dass der übermäßige Konsum im schlimmsten Fall mit einem Herzinfarkt enden kann.

„Leider gibt es bei uns kein ,Drug-Checking’“, sagt die Ärztin. In der Schweiz gebe es solche Einrichtungen, in denen man illegale Drogen auf legalem Wege überprüfen lassen kann. Bei uns gibt es keine Möglichkeit zur Überprüfung, schon gar nicht beim Kauf. „Man sieht keinen Unterschied“ – der Käufer geht ein sehr hohes Risiko ein.

Wobei es in der Werkstatt kaum reine Kokainkonsumenten klassischer Prägung gibt. Vielmehr handelt es hier um eine polytoxische Klientel – also um Menschen, die von vielen Substanzen abhängig sind, und bei der entsprechenden Verfügbarkeit auch zu Kokain nicht „Nein“ sagen. Und die ist gegeben: Es gibt sehr viel Kokain, zu einem sehr geringen Preis und in sofort konsumierbarer Form. Es wird geschnupft aber auch wie Heroin gespritzt oder wie Crack geraucht.

Zwei Aspekte machen Kokain gerade für die Werkstatt-Klientel sehr gefährlich, wie Achim Rabenschlag sagt. Zum einen setzt keine Sättigung ein, wie etwa beim Heroin.

Die Konsumenten verbrauchen alles, was da ist, auf einen Schlag. Und es greift auf extreme Weise die Psyche an. Realitätsverlust, Verfolgungswahn, Halluzinationen, erhöhte Aggression – alles Dinge, die den Umgang mit den Konsumenten erschwert. „Das ist für uns wirklich sehr schwer zu händeln“, sagt Martina Harbrink-Schlegel.

Alles in allem sei die Situation sehr besorgniserregend. Es habe schon oft Phasen gegeben, in denen die eine oder andere Droge erhöhte Probleme mache. Diese Phase scheine aber offenbar kein Ende zu nehmen. Sie werde im Gegenteil immer schwieriger.

Räumung der Fabrik hat die Entwicklung begünstigt

Verschärft werde die Situation dadurch, dass das Team der Werkstatt kaum eine Möglichkeit habe, einzugreifen. Bis zur Räumung der Fabrik im Mai 2018 und der Zerschlagung des geschützten Drogenhandels im Umfeld von Kissing & Möllmann – ein „Kokon mit sozialer Kontrolle“, wie Dr. Harbrink-Schlegel sagt – habe es derartige Probleme nicht gegeben. Nun sei alles wieder offen und unkontrollierbar. Es gebe neue Orte für den Handel mit neuen Akteuren von außerhalb, die niemand kenne, neue Vertriebsnetze für den Handel mit dem gestreckten Kokain. Die Fabrik-Räumung habe diese Entwicklung sehr stark begünstigt, sagt Achim Rabenschlag. „Jetzt können wir nur noch warnen.“

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