Interview

Es ist wie ein lautloser Asteroiden-Einschlag

„Muss nur noch kurz die Welt retten . . .“ Wenn Sven Plöger loslegt, versteht der Zuhörer und Zuschauer sehr schnell und eindrücklich, dass da jemand versucht, den Funken seiner Leidenschaft für und die Sorge um unseren Planeten, unsere Welt und unsere Zukunft mit Nachhaltigkeit überspringen zu lassen.

„Muss nur noch kurz die Welt retten . . .“ Wenn Sven Plöger loslegt, versteht der Zuhörer und Zuschauer sehr schnell und eindrücklich, dass da jemand versucht, den Funken seiner Leidenschaft für und die Sorge um unseren Planeten, unsere Welt und unsere Zukunft mit Nachhaltigkeit überspringen zu lassen.

Foto: Kerstin Kokoska/FUNKE Foto Services

Iserlohn.   Natürlich ist es wichtig, ob es morgen regnet oder nicht. Aber Sven Plöger hat da aktuell wirklich ganz andere Zukunftssorgen.

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Kurz vor Weihnachten an einem Mittag im Essener Vornehm-Ortsteil Werden. Die Treffen mit Sven Plöger haben ja immer irgendwie etwas Herzliches. Und das schon seit rund 15 Jahren, denn da ist er auf Einladung der Heimatzeitung zum ersten Mal nach Iserlohn gekommen, um Zuschauern und Lesern die ebenso wundersame wie wunderbare Welt des Wetters zu erklären. Der Kontakt zur Redaktion ist auch danach niemals abgerissen. Unvergessen auch die St.-Niklas-Live-Schaltung an einem lauschigen Dezember-Abend vom Parktheater ins afrikanische Okavango-Becken mit der Bitte um eine Weihnachtswetter-Prognose. Plöger war da gerade damals als Teilnehmer einer Forschungsreise unterwegs, wollte aber „seine Iserlohner nicht im Stich lassen“.

Sven Plöger ist dabei allerdings eben niemals nur der schlichte Wetter-Moderator, der den Menschen die windigen Hoch-Tief-Karten und das schön oder eben gern auch usselig daherkommende „Gewölk“ mit mächtigen Armschwüngen vorträgt, sondern er ist eben auch ein studierter und wohl dekorierter Meteorologe „durch und durch“. Und einer, dem nun einmal die Welt, ihre Zukunft und unser Anteil daran – vor allem aus klimatischer, aber eben auch menschlicher Sicht – überaus am Herzen liegt. Wie hieß es damals im „Ins Licht gesetzt“ der Heimatzeitung: „Als die Mutter von den Plänen des Sohnes erfuhr, hat sie sich umgehend mit dem Professor der Hochschule in Bonn kurzgeschlossen und nach der Sinnhaftigkeit der Sven’schen Entscheidung gefragt.“ Und der Professor sagte einen Satz, der wohl noch heute das Zeug zum philosophischen Götterspruch hätte: „Wenn er es wirklich will, dann soll er es machen – und dann wird er es auch gut machen!” Und vielleicht sollte man an dieser Stelle noch ein Zitat von Sven Plöger bringen, das deutlich macht, wie er denkt und auch wie er es am liebste hätte, wie an denken sollten: „Es stimmt zwar, dass Wissen Macht bedeutet. Aber Unwissen bedeutet auch Ohnmacht. Dagegen will ich etwas tun!” Und das tut er dann auch mit sprachlich großem Elan, was im gedruckten Interview nur schwer wiederzugeben ist. Da empfiehlt sich allerdings der Gesprächs-Podcast auf www.ikz-online.de.

Bevor wir noch erst einmal zum genauen Klima-Begriff kommen, reden wir doch zunächst einmal kurz über unsere Klimavergangenheit. Wenn ich richtig informiert bin, konnten die Römer bei viel wärmerem Klima als heute ganz Europa sandalenbeschuht erobern. Um etwa 1100 nach Christus waren in den heißen Sommern der mittelalterlichen Warmzeit die großen deutschen Flüsse fast vollständig ausgetrocknet, in Köln am Rhein überquerten die Leute den Fluss trockenen Fußes. In der sogenannten „kleinen Eiszeit“ um Mitte bis Ende des 17. Jahrhunderts war dann die Ostsee regelmäßig über viele Monate komplett zugefroren, schwedische Truppen überquerten sie mehrfach mit schweren Planwagen und Kanonen. Grönland oder grünes Land war vor 8000 Jahren 2,5 Grad Celsius wärmer als heute. Es gibt Historiker, die behaupten, den Menschen hätten Klimaänderungen bei Klimaabkühlung in Form von Missernten und Hungersnöten zugesetzt. Warmzeiten wären dagegen umgekehrt regelmäßige Auslöser kultureller Höhepunkte. Kaltzeiten hingegen sind, wie eine neue Studie wieder einmal belegt, die Ursache von Hunger und Elend. Die Mortalitätsrate in Kaltzeiten ist 20 mal höher als in Warmzeiten. Warum machen wir jetzt so ein Theater, dass es bei uns ein wenig wärmer wird?

Sven Plöger: Thomas, ich weiß, so bist Du ja. Das ist aber auch trotzdem auch eine klasse und zielführende Frage. Ich habe übrigens – ohne Eigenwerbung machen zu wollen – genau dieses Thema aufgegriffen in meinem Buch mit dem Thema „Gute Aussichten für morgen?“. Um genau diesen Unterschied darzustellen. Was uns jetzt in der Klimadebatte natürlich beschäftigt, sind die globalen Veränderungen. Der gesamte Vorgang der Klimaveränderung – wenn man jetzt mal in die Welt guckt – bedeutet, dass sich diese Erde seit der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahren um vier Grad erwärmt hat. Und jetzt in 100 Jahren global um 0,8 Grad. Das heißt, der Prozess wird erheblich beschleunigt. Und wenn die Wissenschaft die Dinge richtig verstanden hat, dann ist der menschliche Anteil erheblich.

Aber es hat die Erdgeschichte diese Auf- und Ab-Phasen doch immer gegeben.

Ja, natürlich. Und es war auch viel extremer über die Zeit. Unser Planet hat über die Zeit gesehen schon vielmehr ausgehalten. Zur Zeit der Dinosaurier gab es überhaupt kein Eis. Da war der Meeresspiegel 120 Meter höher als heute. Bei der letzten Eiszeit war der Meeresspiegel 130 Meter tiefer als heute. Man konnte zu Fuß zu den Britischen Inseln gehen. Das ist aber für mich nicht das Thema. Auch nicht, dass man vielleicht sagen kann, dass in 40.000 Jahren eine Eiszeit kommt. Das hilft uns ja in der Gesellschaft nicht. Wir spüren und sehen, dass sich Dinge verändern. Wir erleben unmittelbar und hautnah die Dürre mit ihren Auswirkungen auf die Landwirtschaft und den Spritpreis.

Das heißt aber doch auch, dass wir es jetzt mit der ersten Klimaveränderung auf der Erde zu tun haben, bei der der Mensch eben selbst auch Hand angelegt hat.

Die erste globale Veränderung. Man kann sich ja zum Beispiel die Iberische Halbinsel mal vornehmen. Das waren alles Seefahrer früher, die haben für den Schiffbau alles abgeholzt – und da war der Wald plötzlich weg. Damit hat man eben regional auf der Halbinsel viele Gebiete viel trockener gemacht. Der Mensch hat sich also immer schon auf seine Umwelt ausgewirkt, nur heute sind wir siebeneinhalb Milliarden Menschen mit einem Lebensstil, der sich von den – sagen wir mal – normalen Umgangsformen schon weit entfernt hat, der sehr, sehr Ressourcen verbrauchend ist.

Wie kommt es denn jetzt zu dieser ominösen Begrenzungs-Forderung von zwei Grad? Die ja angeblich auch schon gar nicht mehr reicht. Jetzt sind bei vielen eher 1,5 Grad angesagt. Sind das nur hochrechnete Werte? Oder Verdachtszahlen?

Das ist immer natürlich eine Mixtur. Am besten gefällt mir an der Zwei, dass man sie sich gut merken kann. Auch als Politiker. Allerdings ist es auch eine durchaus vernünftige Größenordnung, weil man natürlich eine wissenschaftliche Ahnung hat. Es heißt ja nicht Klima-Prognose sondern Klima-Projektion, es sind also Wenn-Dann-Geschichten. Und da kann man schon ziemlich genau die Folgen abschätzen. Also zum Beispiel beim Meeresspiegel oder bei Erwärmungsvermutungen. Klimaveränderungen verändern auch unser Wetter. Und wenn ich das Klima verändere, kann ich mir auch ziemlich genau ausrechnen, was das für Folgen für das Wetter hat.

Der Sven Plöger macht sich also tatsächlich ernsthaft Sorgen?

Manchmal habe ich die Gedanken, dass die Klimaveränderung wie ein Asteroiden-Einschlag in Zeitlupe ist. Wir können den eben nur nicht sehen. Stell Dir mal vor, du bekommst die Nachricht, dass in zehn Tagen ein Himmelskörper in diesen Planeten kracht. Was würde passieren? Wir würden schlagartig weltweit alle Streitigkeiten auf politischer Ebene aufheben. Weil die niemanden mehr interessieren würden. Wir würden uns – fast alle gemeinsam – über alle Denkweisen hinweg nur noch darüber Gedanken machen, wie wir die Welt retten können. Also irgendwie verhindern, dass dieser Himmelskörper bei uns ankommt. Im Grunde genommen ist das beim Klimawandel das gleiche Ding, nur so langsam, dass wir es nicht sehen.

Ich zwinge mich ja immer mal gern dazu, bestimmten Dingen etwas Positives abzugewinnen. Gibt es denn nicht auch positive Effekte des Klimawandels? Ich muss nicht mehr so viel heizen. Und kann länger am Strand oder im Freibad liegen. Ist ein wärmeres Klima dann nicht doch generell von Vorteil?

Kann sein. Aber ich sehe eben auch die Nachteile. Ich muss ja vielleicht weniger heizen, aber denk mal an den Sommer 2018. Gerade die Tage waren unglaublich heiß. Die Anzahl der heißen Tage nimmt überproportional zu. Wenn ich ein Klima verschiebe, wird es immer in Richtung der alten Extreme gehen. Die Nächte in unseren meist schlecht belüfteten und oft wenig begrünten großen Städten sind so warm, dass die Menschen nicht schlafen können. Wir sind in Europa eine alternde Gesellschaft. Der Effekt, nicht heizen zu müssen, hebt sich um ein Mehrfaches auch dadurch auf, dass ich mehr Klimaanlagen brauche, um zu kühlen. Oder ich gehe an den Strand und freue mich, dass ich plötzlich im Oktober noch an der Ostsee in der Badehose rumlaufen kann und stürze mich in die Fluten. Aber im Juli, wenn die meisten da baden wollen, habe ich riesige Algenteppiche. Da will dann keiner mehr hin. Heißt, ich habe das ursprünglich Positive umgewandelt.

Stichwort „Landwirtschaft“?

Also die Verlängerung der Vegetation? Natürlich kann ich sagen: Klasse! Kann ich früher anbauen und später ernten. Gleichzeitig steigert sich durch diese Veränderung aber auch die Energetik in der Atmos­phäre, es kann also zu stärkeren Ereignissen kommen hinsichtlich Starkregen und Hagel. Auch die Spätfrostgefahr bei früherem Vegetationsbeginn nimmt gegenüber früher extrem zu. Mit allen Folgeschäden.

Zwei kurze Fragen zum Abschluss: Ist es ein reines Fantasie-Szenario, dass – wenn wir jetzt nicht gegensteuern – eines nicht zu fernen Tages die Nordsee bereits kurz hinter Münster beginnt?

Ja, aber da müssen wir noch einen Augenblick warten.

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