Mütter kämpfen um ihre Kinder

„Es zerreißt mir immer das Herz“

Iserlohner Mütter haben sich zusammen geschlossen, um für die Rückkehr ihrer Kinder zu kämpfen.

Iserlohner Mütter haben sich zusammen geschlossen, um für die Rückkehr ihrer Kinder zu kämpfen.

Foto: Michael May

Iserlohn.   Im Rathaus haben sich Mitarbeiter des Jugendamtes, Dezernent Martin Stolte und Mütter getroffen, die ihre Kinder zurück wollen.

Beim Kampf um ein Kind gibt es keine Gewinner. „Da spielen sich Szenen ab, das glaubt man nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hat“, sagt Sabrina Dettmer-Schulz. Die 39-jährige Iserlohnerin war 18 Jahre verheiratet. „Mit einem Mann, der Alkoholiker ist. Zwei Kinder gehören zur Familie, die inzwischen zerstört ist. „Einen Tag, nachdem ich ins Krankenhaus musste, hat mein Ex-Mann die Kinder umgemeldet“, erinnert sie sich.

Ein halbes Dutzend Frauen hat sich in der Stadt zusammengetan, um Gehör zu finden für ihre Not, für den Schmerz, ihre Söhne oder Töchter nicht mehr bei sich haben zu können, für das Gefühl, dass ihnen ihr Leben entglitten ist. So geht es Katharina Tanner, einer 25-jährigen Mutter zweier Kinder, die ihre Tochter Emilia auf Veranlassung des Jugendamtes abgeben musste, als die Kleine vier Monate alt war.

„Meine Tochter ist heute ein Jahr alt und lebt in einer Pflegefamilie in Arnsberg. Ich darf sie gerade eine Stunde im Monat sehen. Sie erkennt mich wieder, sie spielt mit mir, es zerreißt mir immer das Herz, wenn ich wieder weg muss.“ Kommt Emilia jemals wieder?

Gestern haben sich Frauen wie Sabrina Dettmer-Schulz und Katharina Tanner gemeinsam mit Mitarbeiterinnen des Allgemeinen sozialen Dienstes des Stadtjugendamtes, dem Beigeordneten Martin Stolte, zuständig für die Jugend- und Sozialbehörden im Rathaus, und Johannes Schumacher getroffen. Schumacher engagiert sich seit Jahren deutschlandweit für Frauen und Familien, die Probleme mit Jugendämtern haben, die ihre Kinder zu Unrecht aus den Familien genommen sehen. Inobhutnahme nennt sich das Verfahren, mit dem ein Jugendamt ein Kind kurzfristig aus einer Familie nehmen kann. Das Sozialgesetzbuch (SGB VIII) regelt das Verfahren. Fast 80.000 Mal passiert das jedes Jahr irgendwie in Deutschland, in vielen Fällen auch in Iserlohn.

„Niemand von den zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiterin im Jugendamt macht sich das leicht“, sagt Dezernent Stolte. „Wir müssen Hinweisen nachgehen, das ist unsere Pflicht. Die Beschäftigten im Allgemeinen sozialen Dienst sind sich der großen Verantwortung bewusst.“

Die Frauen, die sich in den sozialen Netzwerken auch die Iserlohner Löwinnen nennen, kämpfen teilweise seit Jahren darum, dass Mädchen und Jungen wieder zurück dürfen aus der Pflegefamilie oder dem Heim. Ivonne Köhler ist die Großmutter von Josephine (4) und Collin (2). Seit ihre Tochter, die Mutter der Kinder, in akuter ärztlicher Behandlung ist, kümmert sie sich mit ihrem Mann, dem Opa, um die Enkel. „Es ist ein Drama. Erst vor wenigen Wochen ist der Junge vorübergehend zum leiblichen Vater gekommen, jetzt soll er zurück zu uns.“ Verfahren am Familiengericht sind anhängig. Es geht darum, wie gut oder schlecht es Collin bei wem geht. Wer ist erziehungsfähig, wer ist es nicht? Was ist gut fürs Kind? Es wird bei diesem Kampf keine Gewinner geben.

Am Runden Tisch gestern im Rathaus sind auch Tränen geflossen. „Aber es war im Nachhinein gut, dass wir dieses Gespräch geführt haben. Man weiß das vorher nicht“, beschreibt Jugenddezernent Martin Stolte die Gratwanderung bei diesem Thema. Hinter alledem, was zur Sprache kam, stecken viele eigene Geschichten. Traurige Geschichten – schwere Kost – und tiefe Verzweiflung, wie alle Beteiligten wissen.

Man habe sich vorsichtig den Einzelfällen genähert, versucht, Verständnis füreinander zu finden. Solche Fälle, bei denen es nicht in allzu ferner Zukunft scheint, dass Kinder zurückkönnen in die Familie, aus der sie genommen werden mussten. Zwei Stunden hat man gesprochen. „Wir haben eine hohe Rückführungsquote“, sagt Stolte.

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