Serie „Als die Mauer fiel“

„Für mich war es der richtige Weg“

Heike Krienke, Mitarbeiterin der Schornsteinfeger-Innung in Sümmern, zeigt die Urkunde, die ihre Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR dokumentiert. Am 1. August 1989 darf sie die DDR verlassen.

Heike Krienke, Mitarbeiterin der Schornsteinfeger-Innung in Sümmern, zeigt die Urkunde, die ihre Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR dokumentiert. Am 1. August 1989 darf sie die DDR verlassen.

Foto: Andreas Drees

Iserlohn.  Heike Krienke, Mitarbeiterin der Schornsteinfeger-Innung, lebt zufrieden in ihrer Wahlheimat im Sauerland

Als Tausende Ostdeutsche im Spätsommer 1989 über Ungarn oder die Prager Botschaft unter zunächst mehr als ungewissen Umständen versuchen, nach Westdeutschland zu gelangen, hat Heike Krienke dieses Ziel gerade auf dem offiziellen Weg erreicht. Die Fahrkarte in ihr neues Leben hat die damals 28-Jährige aufbewahrt: von Pößneck in Thüringen nach Köln für 64,60 Mark der DDR. Als sich am 1. August 1989 gegen halb zehn Uhr morgens der Zug in Bewegung setzt, hat sie die letzten Schritte im sozialistischen Teil Deutschlands hinter sich gebracht. Beim „Rat des Kreises“ erhält sie wie üblich erst am Tag der Ausreise die Urkunde, mit der sie und ihr damals vier Jahre alter Sohn Felix aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen werden. In Köln werden die beiden, mit nur zwei Koffern als Gepäck, bereits sehnlichst erwartet. Heute lebt und arbeitet Heike Krienke in Iserlohn.

Seit zehn Jahren gehört sie zu den Menschen, die bei der Schornsteinfeger-Innung für den Regierungsbezirk Arnsberg eher im Hintergrund zusammen mit Obermeister Bernhard Mertens und den anderen Ehrenamtlichen dafür sorgen, dass der Betrieb reibungslos läuft. Bei der Innung mit Sitz in Sümmern-Rombrock arbeitet sie als Buchhalterin, bei deren Tochterfirma „Domus Gebäudemanagement“ als Geschäftsführerin. Der Dialekt, den sie auch 30 Jahre nach ihrer Ausreise nicht abgelegt hat, verrät die Herkunft aus der früheren DDR. Sie spricht Thüringisch – keinesfalls Sächsisch, wie mancher Laie vielleicht vermuten könnte. „Für Sauerländer ist dieser Unterschied nicht zu hören“, sagt sie dazu lächelnd. Als Heike Krienke die Entscheidung fällt, ihre Ausreise zu beantragen, lebt sie in Freiberg in Sachsen. Dort hat sie „Sozialistische Betriebswirtschaft“ studiert, arbeitet danach in der dortigen Papiermaschinenfabrik als Mitarbeiterin des Direktors für Ökonomie. Dort erlebt sie eine erste große Ausreisewelle, hat viele Kontakte zu anderen Ausreisewilligen. „Es war eine komische Zeit“, sagt sie rückblickend, spricht von einer Aufbruchstimmung innerhalb ihres damaligen Bekanntenkreises. „Ich hatte damals den Eindruck gehabt, es gibt irgendwo ein Schlaraffenland, wo alles besser ist“, sagt die heute 58-Jährige über ihre damalige Motivation. „Es hat sich nicht bewahrheitet“, fügt sie hinzu. Gemeint ist da die wohl zu blauäugige Erwartung an das Leben im Westen. Beruflich ändert der Ausreiseantrag einiges. Auf ihrem damaligen Arbeitsplatz ist Heike Krienke plötzlich untragbar, wird zunächst als Putzfrau im Gästehaus des „Volkseigenen Betriebes“ eingesetzt. Sie protestiert erfolgreich, nimmt dann aber – auch aus privaten Gründen – eine Stelle in der Maxhütte in Unterwellenborn in ihrer Heimat Thüringen an, wo ihre Eltern arbeiten und sie sich aufgrund deren guter Kontakte sogar den Arbeitsbereich aussuchen darf, nachdem sie dafür den Ausreiseantrag zurückgezogen hatte. Heike Krienke fängt in der Exportabteilung an und ist dort für die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung zuständig. West-Computer und Epson-Drucker, daran erinnert sie sich, standen zur Verfügung. Konkret schreibt sie eine Software, mit der Frachtbriefe auf Nadeldruckern in mehrfacher Ausfertigung erstellt werden. Aber der Wunsch, in den Westen zu gehen, bleibt. „Hier gibt es keine Perspektive“, habe sie damals gedacht. Und so verfolgt Heike Krienke ihr großes Ziel weiter mit einem erneuten „Antrag zur ständigen Ausreise aus der DDR“. „Ich habe Mitte Juli 1989 Bescheid bekommen, dass ich ausreisen darf“, erzählt sie. Dazu gehörte ein Laufzettel mit vorgeschriebenen Erledigungen, noch ohne konkreten Termin. Den erfährt sie erst wenige Tage vor der festgelegten Ausreise und schickt als erstes ein Telegramm nach Köln, wohin ihr damaliger Lebensgefährte und Vater ihres Sohnes bereits im Frühjahr hatte ausreisen dürfen. Am Vorabend des 1. August 1989 gab es dann im Wohnzimmer ihrer Eltern im Dorf Rockendorf bei Pößneck einen Abschiedsabend, der sich für alle Beteiligten wie ein Begräbnis angefühlt habe. Als sich am Abend des 9. November 1989 dann plötzlich die Mauer öffnet, lebt Heike Krienke mit Partner und Kind noch ganz frisch in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Köln und erlebt schwere Stunden in einer Welt mit ganz vielen neuen Eindrücken und ungewohnter Struktur. Ihr Partner, der zu DDR-Zeiten zur See gefahren war, arbeitet als Schiffsführer für die Köln-Düsseldorfer Reederei. Sie ist viel allein in der Wohnung, fremdelt mit der Großstadt. Für den Sohn ist es ein Glücksfall, dass er schnell ganztägig in einem „Kinderladen“ betreut werden kann, so dass die Mutter bei Siemens eine Weiterbildung in Kommunikationsorganisation aufnehmen kann. Dort lernt sie aktuelles Computerwissen, das ihr zunächst eine Stelle in einer Kölner Softwarefirma einbringt, die sich mit Programmen für Schornsteinfeger beschäftigt. Von dort wird sie später zur heimischen Schornsteinfeger-Innung wechseln, die damals ihren Umzug von Hagen nach Iserlohn noch vor sich hat. Wie hat Heike Krienke im Westen erlebt, was im Spätsommer und Herbst 1989 im Osten passierte? „Ich muss echt sagen, ich war so mit meinem Leben beschäftigt, dass ich davon gar nicht viel mitgekriegt habe“, erzählt sie von ihren Erinnerungen an die Zeit kurz vor der Wende.

An den 9. November 1989 erinnert sie sich so: „Wir haben Fernsehen geguckt, wir haben die Bilder gesehen und den Fernseher ausgemacht. Wir haben es nicht verstanden.“ Erst eine Begegnung am kommenden Morgen macht ihr bewusst, wie sich die Welt verändert hat. „Na Heike, wie fühlst du dich denn“, sei sie am „Kinderladen“ gefragt worden, als sie ihren Sohn dorthin brachte. Als ihr andere Eltern erklärten, die Grenze sei offen, seien ihr die Bilder vom Vorabend durch den Kopf gegangen. „Mit einem Mal habe ich verstanden. Ich war fassungslos und bin nach Hause gerannt.“

Die Eltern begegnen damaliger Euphorie mit Bedacht

Noch am selben Tag ruft Heike Krienke ihre Mutter am Arbeitsplatz an – drei Stunden dauert es, bis die Verbindung zustande kommt, um ihr persönlich zu sagen: „Die Grenze ist auf. Ihr könnt kommen!“ Die Eltern begegnen der damaligen Euphorie mit Bedacht – erst am zweiten Wochenende nach dem Mauerfall reisen sie mit ihrem Wartburg an den Rhein, verbringen dort auch das Weihnachtsfest 1989. Heike Krienke fährt erst im Frühjahr 1990 wieder in die Heimat, danach bis heute regelmäßig. „Es hat sich lange Zeit komisch angefühlt, zurückzufahren.“ Sie sei dann immer wieder froh gewesen, die Grenze hinter sich zu lassen, die ja noch lange als solche zu erkennen war. Heute pflegt sie dort viele Kontakte und hält den Kontakt zum Vater aufrecht – die Mutter lebt nicht mehr. Mit ihrer aktuellen Wahlheimat im Sauerland zeigt sich Heike Krienke zufrieden. „Die Landschaft erinnert ein bisschen an Thüringen“, sagt sie und zieht ein persönliches Fazit: „Für mich war es der richtige Weg, das würde ich auch rückschauend sagen.“ Inzwischen habe sich das im Osten sehr schön entwickelt, sagt sie noch, die Städte sähen heute prächtig aus. „Es ist eigentlich nicht nachzuvollziehen, wieso da mitunter so viel Unzufriedenheit herrscht“, fügt sie auch mit Blick auf die zurückliegenden Wahlen und vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Eindrücke und Lebenserfahrungen hinzu.

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