Jugend

Gänsehaut pur bei der Zeitreise mit dem Titan

Beethoven (Marvin Zobel) bekommt Besuch von „Fade“ (Elaine Richter), die ihn mit auf eine Zeitreise nimmt. Der MGI-Chor fiebert mit. Fotos:Björn Hickmann

Beethoven (Marvin Zobel) bekommt Besuch von „Fade“ (Elaine Richter), die ihn mit auf eine Zeitreise nimmt. Der MGI-Chor fiebert mit. Fotos:Björn Hickmann

Iserlohn/Dortmund.   Die Aufführungen von „Beethoven’s Last Night“ mit dem Märkischen Gymnasium waren mehr als ein Erfolg.

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„Am Ende werden alle am Krückstock gehen“, hatte Musiklehrer Stefan Klute schon vor Monaten mit Blick auf die kommenden Belastungen prophezeit. Geschlaucht und übermüdet waren die rund 80 Jugendlichen des MGI am Mittwochabend, als der Probenmarathon und die drei anstrengenden Aufführungen von „Beethoven‘s Last Night“ geschafft waren, in der Tat. Es überwog aber eindeutig die Trauer darüber, dass nun wirklich alles vorbei sein sollte.

Schon nach der rauschenden Premiere in der ausverkauften Dortmunder Oper am Dienstagabend und nach grob geschätzten 20 Minuten ohrenbetäubendem stehenden Ovationen wuchs das ungute Gefühl, dass das Ende bald naht. Es folgte eine Schulvorstellung mit einem Theater voller begeisterter MGI-Schüler und eine erneut von gellendem Jubel begleitete Abschlussvorstellung mit einer After-Show-Party, bei der dann reichlich Tränen flossen – keine Aufführung mehr, kein Durchlauf in Maske und Kostüm, noch nicht mal eine klitzekleine Chorprobe. Die Schülerinnen und Schüler waren zu einem verschworenen Haufen zusammengewachsen, und jeder hätte wohl gerne – Krückstock hin, Müdigkeit her – noch einen drauf gesetzt.

Kein pädagogisches, sondernein künstlerisches Projekt

„Ihr seid vom Theatervirus infiziert“, hatte Opern-Intendant Jens-Daniel Herzog schon nach der Premiere bei der Dankesfeier des Theaters bemerkt. „Und ich kann euch sagen: Das ist unheilbar“, hatte er erfreut hinterher geschoben. Denn damit ist sein Konzept einmal mehr aufgegangen. „Oper erleben“, heißt dieses Konzept, mit dem das Theater Dortmund nun zum wiederholten Mal und zum zweiten Mal mit dem Märkischen Gymnasium Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit gibt, die Oper nicht nur als Zuschauer kennen zu lernen, sondern als Mitwirkender zu erleben, was es heißt, Teil einer großen Opernproduktion zu sein – und zwar nicht eines pädagogischen Schulprojektes, sondern einer richtigen, künstlerischen Produktion, bei der auch das Theater – wie bei „Don Giovanni“ und „Tannhäuser“ – an seine Grenzen geht.

Und was für ein Erlebnis das für die Iserlohner war! Wochen und Monate hatten sie mit dem Opern-Team geprobt. In den letzten zehn Tagen sind sie im Großen Haus am Dortmunder Südwall ein- und ausgegangen. Alles drehte sich um sie: Kostüme wurden maßgeschneidert, unzählige helfende Hände werkelten in Maske, Garderobe und Technik an ihnen herum – und vor allem wurde intensiv und unermüdlich geprobt, damit am Ende auch alles sitzt. Schließlich war das Ganze eben kein pädagogischer Selbstzweck, sondern sollte das zahlende Publikum umwerfen.

Das tat es dann auch. Das Ergebnis war atemberaubend, wofür es vor allem drei Ursachen gab. Zum einen war der Stoff einfach spitze – eine krachende Rockoper über den Titan Beethoven, der in seiner letzten Nacht auf Erden mit dem Teufel ringt und in einer rasanten Zeitreise sein Leben noch einmal Revue passieren lässt: Die Kindheit mit einem prügelnden Vater, die erste Begegnung in Wien mit Superstar Mozart, die erste Liebe, die aufkommende Taubheit und Ruhm. Eine Geschichte, fesselnd wie ein Krimi und auf jeden Fall anregend, mehr über diesen Mann zu erfahren.

Dann war da die Inszenierung von Regisseur Alexander Becker und Ausstatterin Annika Haller, die die musikalische Vorlage des Trans-Siberian Orchestras, die bisher noch nie szenisch auf der Bühne zu erleben war, zu einem dynamischen und packenden Schauspiel machte. Und zu einem fantasievollen Bilderbogen, der alle Möglichkeiten des Theaters mit drehenden, fahrenden und schwebenden Bühnen, Videoeinspielern, opulentem Bühnenbild und grellen Kostümen ausschöpfte. Vor allem Beethovens Blick in die Zukunft, bei dem seine Musik mit quietschender Gitarre und E-Geige vor tobenden Rock-Fans erklingt, und bei dem gezeigt wird, wie sehr seine Musik bis heute die ganze Welt bewegt, ging unter die Haut.

Band und Chor habenden Unterschied gemacht

Das, was am Ende aber eindeutig den Unterschied mit extremem Gänsehaus-Faktor machte, waren die Darsteller. Angeführt von dem Opernsänger Marvin Zobel in der Hauptrolle wuchs das zwölfköpfige Solisten-Ensemble aus kleinen, großen und ehemaligen MGI-Schülern förmlich über sich aus. Die tragendsten Rollen hatten bei diesem Stück aber Band, Streicher und Chor. 15 Jugendliche saßen im Orchestergraben und spielten im Grunde 90 Minuten durch – immer im Spagat zwischen klassischen Zitaten und rockigen Adaptionen der wuchtigen Beethoven-Musik. Und der Chor mit knapp 60 Sängerinnen und Sängern war nie einfach nur klangliche Masse. Jeder hatte da seine Rolle und seine Aufgabe und zusammen setzten sie den Schlüsselszenen auch darstellerisch und choreographisch die Krone auf. Man möchte gar nicht wissen, wie viel Probenaufwand dahinter steckt, damit eine so vielköpfige Produktion mit Laien in ein so stimmiges und rundes Ergebnis mündet.

Genug haben die MGIler aber wie gesagt nicht davon. Die Schülerin Larissa Pirrello, die bei der Premierenfeier dem Theater Dortmund dankte, sagte es ganz gerade heraus: „Wir freuen uns auf alle Projekte, die vielleicht noch kommen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

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