Schillerplatz

Galmei, Pfähle und das Grummeln in der Tiefe

120 Meter tief haben die Kumpel der Vergangenheit unter dem Schillerplatz nach Zinkerz gegraben.

120 Meter tief haben die Kumpel der Vergangenheit unter dem Schillerplatz nach Zinkerz gegraben.

Foto: Frank Jungbluth

Iserlohn.   Der Architekt Ernst Dossmann (92) hat vor Jahrzehnten selbst auf dem Schillerplatz gebaut und kennt die Unwägbarkeiten im Untergrund.

Unterm Schillerplatz grummelt und knirscht es. Der Boden ist in Bewegung. Er reibt sich an alten Schächten und Zugängen, an Gruben und Lenne-Schiefer tief unten auf der Sohle. Auf dem kleinen Tisch im Wohnzimmer des Architekten Ernst Dossmann liegen gelb-bräunlich schimmernde Klumpen. In ihnen ist Galmei, ein Zinkerz. Es war der Treibstoff, der das Wirtschaftswunder in Iserlohn im 18. und 19. Jahrhundert befeuerte.

Ernst Dossmann zeigt auf eine Karte. Sie zeigt das Erzlager „Hermann“, das im 18. und 19. Jahrhundert zwischen der früheren Johannisstraße und der Stahlschmiede lag. Bis zu 120 Meter tief haben sich die Galmei-Kumpel vor 200 Jahren unter die Stadt gegraben – ein Hauptförderschacht, der Schacht Carl, Neben- und Versuchsschächte, das Labyrinth unterm Areal, über dem heute der Schillerplatz liegt, ist weit verzweigt und kaum zu durchdringen. „Das ist das Problem“, sagt Dossmann. „Es ist schwierig zu beherrschen, aber man kann es in den Griff kriegen.“

Seit bekannt ist, dass unter dem Schillerplatz, auf dem sich Bürgermeister Dr. Peter Paul Ahrens, Stadtbaurat Thorsten Grote und viele Politiker ein Jahrhundertprojekt zur Neugestaltung wünschen, aufwändig neu gegründet werden muss – von 200 Pfählen und mindestens zehn Millionen Euro Mehrkosten ist die Rede – grummelt es auch in der Bürgergesellschaft. In den sozialen Netzwerken wird mehrheitlich angemerkt, dass man das hätte wissen können. In den Leserbriefen, die unsere Redaktion erreichen, ist der Tenor so, wie auch Ernst Dossmann die Situation sieht: „Wer Iserlohner ist und die Stadtgeschichte kennt, den kann es nicht überraschen, dass unten einiges im Argen ist. Ob irgend etwas falsch gemacht worden ist bis heute, das vermag ich nicht zu sagen. Wichtig ist, dass man gründlich vorgeht, wenn jetzt neu zu gründen ist.“

Ernst Dossmann, geboren 1926 in der Stadt, die er liebt, an der er auch zuweilen leidet, hat selbst auf dem Schillerplatz gebaut. In den 1970er Jahren war das. Die abgerissene Ladenzeile vor der Sparkasse ist sein Werk, oder auch der Vorstandswürfel, wie der Volksmund ihn nannte. „Beides haben wir damals mit einer massiven Betonplatte gesichert“, erinnert sich Ernst Dossmann. Früge man ihn , er hätte Antworten auf die Fragen, die sich der Rat am kommenden Samstag stellen wird, wenn man die Politikerinnen und Politiker bei der Arbeitstagung in der SASE über den Stand der Dinge zum Problem mit dem „neuen“ Schillerplatz informiert.

Es gab einen Spruch, erinnert sich Ernst Dossmann, der sei gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit Blick auf die Bergbaustadt Iserlohn zum Spottvers geworden: „Das Eigentum in Iserlohn hat nicht viel zu bedeuten, denn baust du dir ein eigen’ Haus, Bergbau treibt dich doch heraus“, ist überliefert. „Es muss gelingen mit der Gründung am Schillerplatz. Ich habe mir viele Sorgen und Gedanken gemacht“, sagt er.

Dossmann hat gemeinsam mit anderen Architekten 1974 auch am Rathaus mitgebaut, das ein zweifelhaftes Denkmal für den betonierten Stil des Brutalismus ist. Darunter liegt eine mehr als einen halben Meter dicke Betonplatte, die man als stützendes Fundament gegossen hat. „Das ist wie ein Floß“, erklärt Dossmann. Wenn sich das setze, könne nichts passieren, selbst wenn es zu Bergsenkungen käme.

Wer muss die Kosten für die neue Gründung tragen, was ist mit dem Bergrecht und der Verantwortung des Freiherrn von Hövel, der hier im 19. Jahrhundert das wertvolle Zinkerz abbauen ließ? „Ich fürchte, dass bleibt bei der Stadt hängen“, meint der Baumeister im Unruhestand. Erst vor wenigen Monaten war er vor Ort, das Gehen fällt Ernst Dossmann inzwischen schwer. Aber er hat die Stützen in der Karstadt-Tiefgarage gesehen. „Eine erneute drohende Bergsenkung ist unverkennbar“, sagt Ernst Dossmann.

Bergbauverein hat allesnoch rechtzeitig verkauft

Denn das Bergrecht des Landes greift nur, wenn es eine verbriefte Verantwortung gibt. „Die Familie von Hövel kann man nicht heranziehen und die Galmei-Rechte sind durch den Kauf vom Märkisch-Westfälischen Bergbauverein 1899 auf die Stadtwerke übergegangen. Das war, bevor das 1. Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) am 1. Januar 1900 im damaligen Deutschen Kaiserreich in Kraft trat“, weiß Ernst Dossmann. Ein kluger Schachzug der alten Besitzer, denn das BGB regelte fortan, dass für Bergschäden das Verursacherprinzip gilt.

Zuvor kamen den Bergbauverein die Schäden unter der Stadt durch die Erzgruben „Stahlschmiede“, „Tiefbau von Hövel“ und „Krug von Nidda“ in Wermingsen teuer zu stehen. 616.332 Goldmark mussten berappt werden; das wären heute sechs Millionen Euro.

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