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„Gefühle sind Schlüssel zur virtuellen Welt“

Der Bochumer Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Andreas Richterich erklärt die Faszination virtueller Welten für Heranwachsende.

Der Bochumer Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Andreas Richterich erklärt die Faszination virtueller Welten für Heranwachsende.

Foto: Miriam Mandt-Böckelmann

Iserlohn.  In seinem Vortrag erklärte der Bochumer Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Andreas Richterich die Faszination virtueller Welten für Heranwachsende.

Moba, Gronkh, Y-Titty oder Gosu? Noch nie gehört? Dann gehören Sie zu jenen Menschen, die Dr. Andreas Richterich, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bochumer St. Josephs-Hospital, mit folgenden Worten beschrieb: „Alle vor 1990 Geborenen sind Einwanderer in eine virtuelle Welt, in die unsere Kinder hineingeboren werden.“ In seinem Vortrag im Forum des Stenner-Gymnasiums beschäftigte sich der renommierte Kinder- und Jugendpsychologe mit den Chancen und Risiken des Aufwachsens mit dem Web 3.0, den unendlichen Weiten, Chancen aber auch Gefahren der virtuellen Welt.

„Das Internet hat etwas mit uns gemacht“

Denn längst gibt es keinen Weg mehr zurück, oder wie Monika Körner-Weinert von der „Kinderlobby Iserlohn“ bei der Begrüßung meinte: „Das Internet hat etwas mit uns und mit unseren Kindern gemacht.“

„Warum können uns die virtuellen Welten so fesseln?“, fragte der Experte und gab im Folgenden einen Überblick über die beliebtesten Online-Spiele und sogenannte Vocaloids wie die virtuelle Pop-Sängerin „Miko Hatsune“, die bei Kindern und Jugendlichen angesagt ist und mit ihrem vom Computer erzeugten Gesang große Konzert-Hallen füllt.

Beim Computer-Spiel „Fortnite“, einem sogenannten „Ballerspiel“, geht es schlicht darum, die Gegner mit diversen Waffen zu töten. Ende November 2018 spielten über 200 Millionen Menschen online „Fortnite“. Da das Spiel im „Battle Royal“-Modus ausgetragen wird, bei dem 100 Spieler beginnen, aber nur einer übrig bleibe, so Dr. Richterich, fördere das den Gedanken des „Es kann nur einen geben“. Das heißt: „Die Message bei dem Spiel ist klar: Nur der Sieg zählt. Das Motto ,Dabei sein ist alles’ gilt nicht mehr.“ Besser, schöner, schneller, weiter – und wer dabei nicht mitmacht, der fliegt raus – aus der Klassengemeinschaft und dem Klassenchat, wird zur Zielscheibe von virtuellem Spott und Hohn. Das ist gar nicht so selten: „Cybermobbing trifft mehr als ein Drittel der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren“, erklärte Dr. Richterich. Die Folgen sind schwerwiegend, denn: „Für unsere Kinder ist das reale Leben nur ein Teil der Existenz, ein weiterer Teil findet im virtuellen Raum statt.“ Kinder und Jugendlichen falle es schwer, eine Balance zwischen beiden Welten zu finden. „Es gibt Fälle, in denen sich die Betroffenen vollständig aus dem sozialen Leben zurückziehen. Sie verbringen 98 Prozent der Zeit in ihrem Zimmer, nehmen an nichts mehr teil, weder Familie noch Freunde zählen für sie“, so der Kinder- und Jugendpsychiater.

Mangel an Emotionsregulation als große Gefahr

Die größte Gefahr sieht Dr. Andreas Richterich jedoch am Mangel an Emotionsregulation. Seine These: Durch die lange Zeit im virtuellen Raum lernten Kinder und Jugendliche nicht mehr, ihre Gefühle zu regulieren. Dabei gehöre es zum Leben dazu, auch negative Eindrücke wie Trauer, Wut oder Langeweile zu ertragen. Nur so sei das Leben in einer Gemeinschaft möglich.

Anders beim Computer Spielen. „Das ist Emotionsregulation per Knopfdruck. Computer an – und die Gefühle sind weg“, so Richterich. Der Rat des Experten: „Das Internet ist nicht böse. Es ist nur ein Werkzeug und wir müssen lernen, es zu nutzen.“ Wichtig sei eine „hartnäckige aber liebevolle Auseinandersetzung“ mit dem Thema in der Familie. Es brauche klare Regeln (siehe Kasten), die alle kennen und befolgen, denn: „Es ist normal, dass ein Kind nach Schokolade fragt, aber die Antwort ist meistens: ,Nein, ich habe Dich lieb, aber Schokolade bekommst Du trotzdem nicht‘ – und so ist es eben auch mit dem Internet.“

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